Skip to main content

Full text of "Zur Einteilung der Wissenschaften"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 



■:Ö*:: ■■"■ 



s&v 



itii?i:*<^::i- 



V '<*iViVi\' 



■v:",;;-; :•:::'; 






v.».i.«.»:« 1.1*. 



«ps? 












-•-»-.•.4.1 ».( I 






Jt.l 1% ; i t\ 

,.;S;iii^!Si^ 






^■ -:;*;fi:i 












mi 




^m 



^JfSÖ-4Jr 




HARVARD 
COLLEGE 
LIBRARY 




Ai 




i 






ZUR 

EINTEILUNG DER WISSENSCHAFTEN. 



VON 



C. STUMPF. 



AUS DEN ABHANDLUNGEN DER KÖNIGL. PREUSS. AKADEMIE DER WI8SENSCHAF1T.N 

VOM JAHRE 1906. 



BERLIN 1907. 

VERLAG DER KÖNIGL. AKADFIMIE DER WKSSENSCHAFTEN. 

IN KOMMISSION BEI (JKOUr. KKl.MKK. 



ZUR 

EINTEILUNG DER WISSENSCHAFT EN 



VON 



C. STUMPF. 



AIS DEN ABHANDLUNGEN DER KÖNIGL. PREUSS. AKADEMIE DER WISSENSC^HAFTEN 

VOM JAJIRE im\. 



BERLIN 1907. 

VERLAG DER KÖNIGL. AKADEMIE DER WISSENSCII AFFEN. 

IN KOMMISSION KKI («KORO REIMRR. 



/ 



/..,. 






:-j."^>n an L»- 3Ili": 



\ ersteht man unter einer Wissenschaft einen relativ cinheitliclien Komi)lex 
von Erkenntnissen und Untei*suchungen , so entstellt sofort die Frage, 
wodui'ch die Einheitliclikeit des Komplexes gc^geben sei. Die Frage fiUirt 
auf das Problem der Klassifikation der Wissenschaften. Die Untei-schiedc* 
der Klassifikationen aus verschiedenen Zeiten, bei Aristotelks, den Stoi- 
kern, den Enzyklopädisten des Mittelalters, Baco, Bextuam, Ampehe, Comte, 
Spencer lassen sich zum Teil aus dem tatsächlich verschiedenen Stande 
des mensclüiclien Wissens verstehen, wie er durch das Aufkommen neuer 
Disziplinen, die veränderte Aufiassmig der alten, die Verschiebungen der 
Arbeitsteilung mid Arbeitsgemeinschaft herbeigefuhi't wii-d. Zmn Teil liegen 
die Unterschiede aber auch an individuellen Theorien der Urheber jener 
Klassifikationen mid zumal an iliren Vorstellungen von dem Id(^alzustande, 
dem sich die einzelnen Gebiete in Hinsicht der Metliode und der Ergeb- 
nisse nähern, üerade dieser subjektive Faktor maclit solche Unterschei- 
dungen häufig wertvoller, als es getreue Registrierungen des jeweiligen 
Wissenschaftssystems sein wüinien, weim nämlich und sofeni sachliche 
Anregungen daraus fließen. 

Jeder Spezialforscher, der über seme eigene Disziplin nachdenkt, sieht 
sich dazu geftLhrt, sie auch in ihrem Verhältnis zu den übrigen von allge- 
meineren Standpunkten aus zu betrachten. Der Plulosoph , der seinen Stand- 
punkt so hoch wie möglich nelmien soll, wird die Architektonik des Wissen- 
schaftsgebäudes unter dem Lichte der allgemeinsten Begriffe sehen , auf die 
seine Untersuchungen hinauslaufen. Er kann so zu Unterscheidmigen ge- 
langen , die von Zeitströmungen weniger abhängig sind. Aber den Spezial- 
forschem damit zu nützen , kann er nur dann hoffen , wenn er deren eigene 
Stinmie über Gegenwart und Zukimft ihres Faches mit zu Rate zieht. 
Nachdem nun eine der philoso2)hisclien Disziplinen, die Psychologie, s(*lbst 



(Mi{3?SÖ.<i-S- 




HARVARD 
COLLEGE 
LIBRARY 




6 Stumpf: 

bleiben doch Grundlage der Physik , mag sie sich in den Schlüssen und 
selbst in der Begriffsbildung noch so weit davon entfernen. Nun kann 
man wohl innerhalb des unmittelbar Gegebenen die Wurzeln einer Zwei- 
teilung finden , die dann auch auf die Formulierung der Gegenstände ent- 
scheidenden Einfluß gewinnt (Erscheinungen — psychische Funktionen). 
Aber damit verläßt man eben das Prinzip jener Einteilung. 

Selbstverständlich läßt sich auch nicht etwa sagen, die Erkenntnis- 
theorie (statt der Psychologie) sei die Wissenschaft, die vom unmittelbar 
Gegebenen handelt. Sie handelt davon, sofern sie feststellt, was es heißt: 
»unmittelbar gegeben sein« und was zu dieser Klasse von Erkenntnissen 
gehört, was nicht. Also nicht unmittelbar Gegebenes selbst, sondern der 
allgemeine Sinn des Ausdi-uckes und die Klasse, die er bezeichnet, ge- 
hören zu ihren Untersuchungsobjekten. 

II. Begriff des Gegenstandes im weitesten Wortsinne. 

Um zu brauchbaren Einteilungsprinzipien zu kommen, ist es uner- 
läßlich, zuvor die neuerdings vielbesprochene Unterscheidung von Inhalt 
und Gegenstand unseres Denkens kurz zu erläutern.^ 

Erscheinungen sind der Ausgangspunkt , sie sind notwendig auch das 
ursprüngliche Material intellektueller Funktionen. Allmählich werden Ver- 
hältnisse zwischen ihnen, es werden auch psychische Funktionen wahr- 
genommen, während sie sich an den Erscheinungen vollziehen. Das Denken 
(als Gesamtheit der intellektuellen Funktionen verstanden) fiihrt weiter zu 
Gebilden in dem firüher erläuterten Siime: Begriffen, Inbegriffen, Sach- 
verhalten.** Was wir nun im weitesten Wortsinn einen Gegenstand nennen, 
über den wir denken und sprechen, ist jedesmal bereits ein Gebilde, und 
zwar ein begriffliches Gebilde. Auch Individuelles läJät sich niemals 
anders als mit Hilfe von Allgemeinbegriffen beschreiben. Sagen wir: »dieses 
Rot hier«, so lehren die Demonstrativa , daß es sich um Individuelles 
handelt, aber Rot ist der Name eines Begriffes. Nicht also das Wahr- 

^ An der Diskussion haben sich vorzugsweise Twardowsky, Meinuno, Husserl, Lipps 
beteiligt. Die folgenden Bemerkungen stehen den Anschauungen Husserls am nächsten (Lo- 
gische Untersuchungen II, 46 f.). 

* Siehe die vorausgehende Abhandlung «Erscheinungen und psychisclie Funktionen« 
S. 28 f. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 7 

nehmen, nicht das Herausheben einer Erscheinung aus dem Chaos ununter^ 
schiedener Eindrücke , sondern die Begriffsbildung ist es , durch die Gegen- 
stände entstehen.^ Indem wir eine Erscheinung oder einen Erscheinungs- 
komplex oder auch ein Verhältnis oder eine Funktion oder einen Komplex 
solcher Elemente unter allgemeinen Begriffen erfassen, werden aus den 
bloßen Inhalten Gegenstände des Denkens. In der Sprache gibt sich diese 
Umwandlung durch sinngemäße Anwendung der allgemeinen Namen kund.' 

Hierbei deckt sich nun das Erscheinungsmaterial einschließlich der 
assoziierten Yorstellungsinhalte (Erscheinungen zweiter Ordnimg) meistens 
nicht mit der Bedeutung des Begriffes und Namens, sondern bleibt dahinter 
zurück. Wir sagen und denken »Kugel«, während sowohl die etwa vor- 
handenen Empfindungen wie die von früher her mit diesen Empfindungen und 
mit dem Worte Kugel assoziierten Vorstellungen nur äußerst unvollkommen 
der uns wohlbekannten und klar gegenwärtigen Bedeutung des Namens ent- 
sprechen. Diesen Zug möchte ich indessen nicht (wozu Husseri. zu neigen 
scheint) als das eigentlich charakteristische Merkmal ansehen, wenn es gilt, 
den Unterschied von Inhalt und Gegenstand zu erläutern. Ein anderes ist die 
Bildung eines Denkgegenstandes aus dem Vorstellungsmaterial durch all- 
gemeine Begriffe , und ein anderes das Denken eines Gegenstandes von einer 
bestimmten Seite her, nach einem einzelnen Merkmal, während das Ganze 
gemeint ist. Der letzte Zug kommt zum gegenständlichen Denken hinzu, 
aber er macht nicht sein Wesen aus. 

Wir müssen wohl vielfach das Wesentliche, Zentrale, die Invariante 
eines Begriffsgebildes von zufälligen Ansichten unterscheiden, die augen- 
blicklich im Vordergrund eines Denkaktes stehen und durch besondere 



^ Ich glaube hiermit den Vorgang zwar nicht erschöpfend, aber etwas bestimmter 
bexeichnet zu haben, als es Lipps tut, wenn er Gegenstande durch das «geistige Auge«, durcli 
den Denkakt, die Aufmerksamkeit oder die AufTassungstXtigkeit entstehen l&ßt (Psychologische 
UnleraachoDgen, i.Band, i.Heft, 1905, S.ai f.). Übrigens hat bereits Dbscabtks in seinen allb-e 
kannten Betrachtungen Ober die Identität eines StQckes Waclus bei allen möglichen Ersclieinungs- 
verinderungen (3. Meditation) auf die Beteiligung des begrifflichen Denkens hingewiesen. 

* Allgemeine Namen können, wie Wundt einmal richtig bemerkt, auch schon vor 
der Bildang Ton Allgemeinbegriffen durch bloße Assoziation von einem Gegenstand auf einen 
aaderen infolge ganz zufälliger Anliase Übertragen werden. Darum ist im Text von einer 
simigemäßen Anwendung, d. h. einem Verstehen der allgemeinen Bedeutung, gesprochen. 
Was dies wieder heißen will, kann die Psychologie und I^gik näher zu erläutern ver- 
suchen; hier darf das begriffliche Denken im Unterschied von der bloßen Aufeinanderfolge 
von Einzelfaildem als eine Tatsache vorausgesetzt werden. 



8 Stumpf: 

Ausdrficke bezeichnet werden.' Die beiden Ausdrucke: »Der Sieger von 
Austerlitz«, »»Der Besiegte von Waterloo« bezeichnen denselben Gregenstand. 
So ist es auch möglieh, ganz einfache Gegenstände wie »Rot« auf die 
mannigfachste Weise durch Umschreibungen zu charakterisieren, derart 
daß die entstehenden Gedankengebilde in der Tat sehr verschieden sind, 
während der Gegenstand unverändert bleibt. Daraus folgt, daß man in 
solchen Fällen als Gegenstand eben nur das Zentrale ansehen darf, das 
allen diesen Umschreibungen gemeinsam ist. Dieses selbst aber, wie es 
in unseren beiden Fällen durch die Worte »Napoleon!.«, »Rot« ausge- 
drückt wird, erlangt Gegenständlichkeit doch nur dadurch, daß es unter 
einem Begriff erfaßt wird, sei dieser noch so allgemein, und sei auch 
der Name des Begriffes dabei augenblicklich nicht unter den Bewußtseins- 
inhalten. Es ist tatsächlich unmöglich , bei den genannten Worten irgend- 
etwas, auch nur das Geringste und Flüchtigste, zu denken, ohne daß 
zugleich irgendwelche Allgemeinbegriffe im Bewußtseinsinhalt eingeschlossen 
wären. Es zeigt sich auch hier das charakteristische Grundmerkmal mensch- 
lichen Geisteslebens, das ims überall entgegentritt, wo wir irgendwelche 
seiner Leistungen zu analysieren versuchen. 

Gegenstände in dem weiten Sinne, wie hier der Ausdruck steht, sind 
nicht notwendig reale Gegenstände, Dinge. Wenn wir z.B. zwei Farben 
in bezug auf Nuance oder Helligkeit vergleichen, ist es gleichgültig, ob 
wir sie als Dinge oder als Eigenschaften von Dingen oder als bloße Be- 
wußtseinsinhalte auffassen: Gegenstände sind sie immer. Ebenso wenn 
wir in der Psychologie die einzelnen Denk- oder Gefiihlsftinktionen unter- 
suchen: sie sind dann Gegenstände. Was immer imter allgemeinen Be- 
griffen erfaßt wird, wird gegenständlich erfaßt. In Zweifelsfallen bedarf 
es also, wenn speziell von realen Gegenständen die Rede sein soll, zur 
Vermeidimg von Unklarheiten eben dieses Epithetons. 

In der psychischen Entwicklung des Individuums entstehen Gegen- 
stände nicht etwa zuerst als äußere Gegenstände. Die hierin liegende 
Unterscheidung eines Außen und Innen ist späteres Produkt. Erst wenn 
der Gegensatz des eigenen Körpers und fremder Körper, weiterhin der des 
eigenen imd eines fremden Seelenlebens aufgetreten ist, sind äußere Gegen- 
stände als solche für das Bewußtsein vorhanden. Der Ichgedanke hat darum 



* Siehe •Erscheinungen und psychische Funktionen« S. 30 Anm., 33 Anm. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 9 

nichts mit dem allgemeinen Gegenstandsbegriffe zu tun ; er ist nicht etwa das 
notwendige Kon'elat dazu, sondern selbst nur eine besondere Form davon/ 

Wenn nun das Denken sich statt auf Individuelles auf Allgemeines 
als solches richtet, auf Begriffe, Gesetze, so flült hier der Unterschied 
zwischen Inhalt und Gegenstand hinweg. Sie sind eo ipso Gegenstände 
und niemals etwas anderes. Nur jener zweite Zug tritt auch hier liinzii, 
daß wii" einen zusammengesetzten Begriff, wie den des gleichseitigen Drei- 
ecks, nur diesem einzelnen Merkmal nach benennen und identifizieren, 
walirend wir sehr wohl wissen (und zwar uns aktuell bei^nißt sind), daß 
dem so bezeichneten allgemeinen Gegenstand eine Fülle uns augenblicklich 
nicht gegenwärtiger Eigenschaften und Beziehungen zukommt. Die schwie- 
rige Aufgabe einer näheren Beschreibung dieses intellektuellen Verhaltens 
und Verfahrens kann hier auf sich beruhen. 

Das Allgemeine ebenso wie das unter einem Allgemeinbegriff auf- 
gefaßte Individuelle wird stets ohne Rücksicht auf den momentanen Denk- 
akt aufgefaßt. Anders ausgedrückt: alles begriffliche Denken ist ein ol)- 
jektives Denken. Auch Urteilsinhalte (Sachverhalte), selbst Negativa, wie 
die Nichtexistenz eines kreisförmigen Vierecks, sind in diesem Sinn ob- 
jektiv. Analogien dazu bietet auch das Gefiililsgebiet : Wertvolles wird 
begehrt ohne jede Beziehung zum augenblicklichen Akte des Begehrens 
selbst. Den Werti^n kommt in gleichem Sinne wie den Sachverhalten 
Objektivität zu. Objektivität bedeutet also hierbei nicht ein außerbo^nißtes 
Dasein, sondern nur den Umstand, daß in den Begriffsinhalt niemals das 
Merkmal des individuell-augenblicklichen Denkens, in den Gefühls- und 
Willensinhalt niemals das Merkmal des individuell -augenblicklichen Fflhlens 
und WoUens eingeht, worin jene intellektuellen und diese emotionellen 
Inhalte gegeben sind. 

Mit der Objektivität ist zugleich Plinheit gesetzt. Eben weil der 
zufallige augenblickliche Denkakt nicht selbst als Merkmal in den gedach- 
ten Begriff eingeht, ist er der Intcaition nach ein un<l derselbe fiir alle 
Denkenden, die das bezügliche Wort in gleichem Sinne verstehen. Es ist 
nicht bloß ein gleicher, sondern ein identischer, wie IIvsskri, mit Recht 
betont hat. Er ist identisch in demselben Sinne, wie wir von einem nicht 

' Auch in dieser Bexiehung kann ich Lipps nicht beipflichten, wenn er mit den 
Gegenständen zugleich den Gegensatz zwischen ihnen und dem Ich oder dem Bewußtsein 
enUtehen Iftßt (a. a. 0. 22). 

PhUo$.-hi8ior. Abh, 1906. V. 2 



10 Stumpf: 

bloß gleichen, sondern identischen Ofen reden, wenn mehrere davor stehen, 
obschon die Inhalte iinsrer Sinnesempfindungen und Sinnesvorstellungen nur 
gleich oder auch nicht einmal gleich sind. Zm* platonischen Ideenlehre 
brauchen wir darum noch nicht zurilckzukehren , da Gegenständlichkeit 
nicht soviel ist wie Realität. Aber ihr Wahrheitskern kommt uns doch 
in solchen Betrachtungen lebhaft zum Bewußtsein.* 

Die Bildung von Gegenständen in diesem Sinn unter dem Einfluß der 
alltäglichen Erfahrung gehört zur Vorgeschichte des wissenschaftlichen Den- 
kens. Die Wissenschaft findet Gegenstände aller Art schon vor und bildet 
sie nach immer strenger und konsequenter durchgefiihrten Gesichtspunkten 
um. Dadurch in erster Linie bestimmt sich die Klassifikation der Wissen- 
schaften. Wir heben mm einige Einteilungen der Gegenstände heraus, 
die sich als die durchgreifendsten Unterscheidungsmerkmale fiir die Grup- 
pierung wissenschaftlicher Untersuchungen erwiesen haben, und die auch 
ihren methodischen Charakter wesentlich beeinflussen. 



ni. Physisches und Psychisches. Natur- und Greisteswissenschaften. 

Der Gegensatz des Physischen und des Psychischen lag von jeher, 
wenn auch verschieden definiert, der Scheidung von Natur- und Geistes- 
wissenschaften zugrunde. Wir akzeptieren dieses Einteilungsprinzip, be- 
merken aber sogleich, daß die Einteilung in jedem Fall \m vollständig ist. 

Geht man auf die letzte Wurzel des Unterschiedes zurück, so kann 
diese nur gefunden w^erden in dem früher erläuterten Unterschiede der 
Erscheinungen und der psychischen Funktionen, jener Dualität, die im un- 
mittelbar gegebenen Tatbestand eines jeden Bewußtseins enthalten ist. 
Von hier aus kommt man aber nicht auf gleichem Wege zu den Natur- 
wie zu den Geisteswissenschaften. 

1. Naturwissenschaften. 
Es läge nahe und entspräche weitverbreiteten Redewendungen, sofort 
die Naturwissenschaften als Wissenschaften der Erscheinungen zu 
bestimmen. Tatsächlich aber wai-en niemals bloße Erscheinungen im 



^ Auf die bereits von Hussbrl (1,215) ausfQbrlich zitierten Bemerkungen Herbarts 
über Objektivität und Identität des Begriffsinbalts sei auch hier verwiesen, da sie den 
Psychologen Herbart zugleich als einsichtigen Erkenn tnistheoretiker zeigen. 



jSur Einteilung der Wissenschaflen. 11 

strengen Wortsinn ihr Gegenstand. In einem frühen Stadium mochte man 
wohl glauben , in den empirischen Gegenständen , die zwar auch nicht als 
Erscheinungen zu definieren , aber vom gewöhnlichen Bewußtsein wenigstens 
aus dem bloßen Krscheinungsmaterial im Denken aufgebaut sind, in den 
ausgedehnten, farbigen, klingenden, schmeckenden, riechenden Körpern 
als solclien die Träger der Kräfte, Ursachen und Wirkungen vor sich zu 
haben. Die aristotelische Physik handelte von physischen Gegenständen 
in diesem Sinne. Aber selbst damals waren es nicht die Qualitäten selbst, 
sondern die diurch QualitätsbegrifTe charakterisierten Gegenstände, deren 
Umwandlungen man untersuchte. Dies ist nach dem vorher Bemerkten 
z^veierlei. Die sinnlichen Qualitäten sollten auch nur eine Seite der 
Dinge sein, denen man außerdem noch Kräfte und verborgene Qualitäten 
zuschrieb; imd gerade aus solchen strebte man ihre Umwandlungen zu 
erklären. 

Heute wissen wir, daß die Dinge, durch deren Einwirkung auf unsere 
nervösen Zentralorgane man sich die waluTielmibaren Erscheinungen ent- 
standen denkt, überhaupt nicht durch spezifische Simiesqualitäten bestimm- 
bar sind. Von nur abstrakt mathematisch definierbaren Dingen handeln 
Physik und Chemie, und in diese Wissenschaften strebt alle Naturforschung 
sich nach Mögliclikeit aufzulösen. Angesichts des Eindruckes, den eine rein 
phänomenalistische Auffassung der Physik, von einem so geistreichen Fach- 
mann wie E. Mach beförwortet, in weiten Kreisen gemacht hat, muß man 
es nachdrQcklich aussprechen, daß diese phänomenalistische Auffassung in 
konsequenter Form nicht mehr und nicht weniger besagen würde als : die 
Physik noch einmal von vom anzufangen. 

J. St. Mill hat bekanntlich in Durchfuhrung BERKKLKVscher und posi- 
tivistischer Gedanken die vom Bewußtsein imabhängig fortbestehenden 
Außendiuge, wie sie das gewöhnliche Bewußtsein imd (in abstrakterer 
Formulierung) die gewöhnliche Physik anninuut, in bloße »permanente 
3Iöglichkeit<*n der Empfindmig« umgedeutet. Wir wissen eben, daß, wenn 
wir die Augen schließen und wieder öffnen, die nämliche optische Er- 
scheinung wieder auftritt. Weiter liegt nach dieser Deutung, die in keiner 
Weise über die Tatsachen hinausgehen will, nichts vor. Dies ist auch 
der Kern von Machs Auffassung. 

Nun aber beruht die ganze Physik gerade umgekehrt auf der Er^ 
fahrung, daß es solche permanente Möglichkeiten der Empfindung nicht 



12 Stumpf: 

gibt. Das Gesichtsbild kehrt uiclit stets unverändert wieder, selbst wenn 
alle vorausgehenden und begleitenden Sinnesempfindungen (Muskelempfin- 
dungen usw.) so genau wie nur möglich wiederhergestellt werden. Könnte 
man die Summe aller gleichzeitigen und aufeinanderfolgenden Sinnesempfin- 
dungen eines individuellen Bewußtseins aufschreiben (und nur individuelle 
Empfindungen gibt es in Wii'klichkeit) , so wiii-de diese Liste zwar gewisse 
Regelmäßigkeiten der Koexistenz und Succession da und dort aufweisen, 
nicht aber strenge und ausnahmslose Gesetze. Wahrscheinlich würden sogar 
in der ganzen Linie sich nicht zwei Elemente finden, die durchgängig 
miteinander verknüpft wären. Diese Inkonstanz der Erscheinmigen wird 
auch dadurcli nicht beseitigt, daß man die Erscheinungen zweiter Ordnung 
(die bloßen Vorstellungen) des nämlichen individuellen Bewußtseins hin- 
zunimmt. Denn wir können zwar jedesmal durch Interpolation anschau- 
liclier Vorstellungen von räumlichen Prozessen gemäß den uns schon 
bekannten Naturgesetzlichkeiten die Anomalien des Empfindungsverlaufes 
ausgleichen, aber wir tun es doch tatsächlich nicht jedesmal. Somit be- 
sitzt der tatsächliche Lauf der Erscheinungen einschließlich derer der 
zweiten Ordnung eben keine gesetzliche Konstanz. Ja sogar wenn man 
die Erscheinungen erster und zweiter Ordnimg bei anderen mit Bewußt- 
sein begabten Individuen in das Interpolationsverfahren aufiiShme, so würde 
auch so ein lückenloser Zusammenhang nicht resultieren, im Gegenteil, 
es gäbe ein unendliches Wirrsal. 

Wir können die Einschläge von Unregelmäßigkeiten in Regelmäßig- 
keiten des tatsächlichen Erscheinungsverlaufes , analog wie die scheinbaren 
Unregelmäßigkeiten der Planetenbahnen, nur auf dem Wege der Hypo- 
thesen beseitigen. Und die einzige brauchbare Hypothese, die zu un- 
endlich fruchtbaren Folgerungen , zu allgemeinen Gesetzen und fortlaufenden 
Verifikationen durch Voraussagungen und darauf gegründetes Handeln ge- 
fuhrt hat, ist die einer vom Bewußtsehi unabhängig existierenden, in sich 
selbst aber nach Kausalgesetzen zusammenhängenden Welt von Dingen. 
Einen geringftigigen Bruchteil dieser Ding weit, den »eigenen Körper«, 
genauer gewisse Teile desselben, denken wir in einer konstanten Ver- 
knüpfung mit unserem Bewußtsein, wie auch immer diese Verknüpfung 
naher definiert werden mag. Dann erlialt man eine doppelte Veränderungs- 
reihe, die der »äußeren Körper« unter sich mid die des »eigenen Körpers« 
relativ zur übrigen Köi-perwelt, und aus dieser zweifachen Veränderungs- 



Zur EiiUeäung der Wissenschaften. 13 

inöglichkeit lassen sich sämtliche tatsäclüich beobachtete Regelmäßigkeiten 
wie Unregelmäßigkeiten des Erscheinmigsverlaufes herleiten. 

Wie die Wui-zel und die allgemeine Möglichkeit einer physikalischen 
Wissenschaft, so ist auch jeder Fortscliritt darin an die Unterscheidung 
der objektiven Dinge von den Erscheinimgen geknüpft. Es war ohne 
Zweifel richtig, zunächst so viel als möglich von dem vollen Bestände der 
sinnlichen Eigenschaften der Gegenstände, wie sie das gewöhnliche Denken 
dem wissenschaftlichen überlieferte, beizubehalten. Aber allgemach hat 
man notgedrungen fast alles davon über Bord geworfen. Schon die aus- 
gedehnten Atome waren bereits der Farbe und aller spezifischen Qualitäten 
beraubt und dadurch im Grunde ganz unanschaulich geworden (denn Aus- 
dehnung ohne Farben- oder Tastcjualität ist unvoi'stellbar). An ihre Stelle 
traten aber, nach den genialen Antizipationen von Leiüniz und Boscovicu, zur 
Zeit der Ampere, Cauchy, W.Weber, Lotze und Feciiner ausdehnungslose 
Kraftzentren. Heute brauchen wir, wie übrigens auch Lotze, ja Leuiniz schon 
betont haben, den Ramn nur mehr als eine abstrakte Ordnung, in der jedes 
Glied durch di-ei Variable, an Stelle der anschaulichen Dimensionen, ])e- 
stimmbar ist. Es ist unter den Erscheinungsbegriffen nur der Zeitfaktor 
unreduziert übriggeblieben, der nun einmal aus dem Begriffe der Ver- 
änderung nicht hinauszubringen ist. Das heuristische Prinzip bei diesen 
Umformungen lautet heute nicht wie anfangs: soviel als möglich von den 
sinnlichen Eigenschaften beibehalten , sondern imigekehrt : soviel als möglich 
davon aus den Definitionen entfernen. Und dies ist auf dem gegenwär- 
tigen Standpimkte das Richtige. Denn Begriffe kann man umfonnen, An- 
schauungen nicht. Daß wir aber beständig umformen müssen, ist die 
Lehre der Jahrhunderte. Überdies haben wir gelernt, die ^Vnschauungen 
iumier mehr als ein ZufSIliges zu betrachten, das dem einen so, dem 
andern anders gegeben ist, je nach der B(*schaffenh(nt des winzigen T<*iles 
der DingA^elt, mit dem sein individuelles Bewußtsein konstant verknüpft 
ist, seiner Sinnes- und Zentralorgane. Daß daher irgendwelche Erschei- 
nungen mit der Dingwelt jenseits der Erscheinungen qualitativ konfonn 
wären, ist nicht mehr von vornherein wahrscheinlich, sondern unwidir- 
scheinlich und für jede Gattung der Erscheinungen des Beweises bedürftig. 
Der Beweis kann aber nur geführt wc^rden durch die Einftigung der ent- 
sprechenden Hypothese in die große Hypothese der Physik. Was in den 
Formeln der mathematischen Physik nicht enthalten, also zur Voraussagimg 



14 Stumpf: 

von Erscheinungen nicht unbedingt erforderlich ist, mag als Hilfsvorstelliing, 
Modell, Durchgangspunkt nützlich sein, gehört aber nicht zum wesentlichen 
und bleibenden Gegenstand der Naturwissenschaft, durch den man sie defi- 
nieren kann. 

Man muß nur die phänomenalistische AufTassung streng wörtlich nehmen und sie dann 
an konkreten Beispielen durchzufuhren versuchen, um ihre Haltlosigkeit zuerkennen. Auch 
nicht eines der physikalischen Gesetze, auch das allereinfachste nicht, iSßt sich als Gesetz 
von Sinneserscheinungen ausdrücken. Um zu schweigen von Begriffen , die der Anschauung 
so ferne stehen wie etwa der der potentiellen EInergie, — man analysiere nur einen schein- 
bar so ganz anschaulichen Satz wie diesen: »Wenn der linke Wagebalken halb so lang ist, 
wie der rechte, so muß, damit Gleichgewicht bestehe, die Last am linken Ende doppelt so 
groß sein, wie am rechten, 2p gegen p»* Hier ist nicht einmal das Längenverhältnis der 
Wagebalken als optische Erscheinung gegeben, da der Erscheinungsraum nicht exakt- metrisch, 
ja nach Mach sogar überhaupt nicht metrisch ist (Erkenntnis und Irrtum S. 33if.).* 2 p be- 
deutet aber natürlich nicht eine Gewichtsempfindung des Druck- oder Mnskelsinnes (schon 
darum nicht, weil die Empfindung als solche uns nur lehren kann, daß ein Gewicht schwerer 
als ein anderes, niemals aber, daß es doppelt so schwer ist). Vielmehr bedeutet ip die 
Tatsache, daß diese Last doppelt so viele Gewichtseinheiten wie die andere besitzt. Jede 
der beiden ist durch die Zahl der Gewichtseinheiten definiert, denen sie auf der Wage das 
Gleichgewicht hält. Auf den Gesichtssinn also würde auch dieser Begriff hinauslaufen. Aber 
für den Sinn ist die Erscheinung einer Anzahl von Gewichtsstücken äußerst verschieden je 
nach ihrer gegenseitigen Lage. Die Identifikation der Stückchen, die hier zuerst wohl- 
geordnet nebeneinander, dann dort auf der Gewichtsschale dicht beisammen oder übereinander 
liegen, ist nicht Sache des optischen Eindruckes, der vielmehr totale Verschiedenheit zeigt. 
Wir setzen voraus, daß die Stückchen während des Transportes mit sich identisch bleiben, 
und wir wissen durch Erfahrung, daß das Gewicht eines sonst unverändert bleibenden 
Stückchens durch eine so kleine Lagenänderung sich nicht merklich ändert, sowie daß die 
einzelnen Gewichte unter den gegebenen Umständen additiv zusammenwirken. Aber weder 
jene Voraussetzung noch diese Erfahrungen gelten von den Erscheinungen als solchen. Sie 
haben keinen Sinn in bezug auf solche. Indem wir sie aussprechen, sprechen wir von ob- 
jektiven Dingen und Verhältnissen. 

Die reinen Erscheinungsbilder sind ja überdies auch bei den einfachsten Dingen und 
ihren einfachsten Veränderungen überaus kompliziert: sie 'Zeigen infolge des binokularen 
Sehens, wenn stärker disparate Netzhautstellen beseitigt sind, Doppelbilder in verschiedenen 
Lagen gegeneinander, sie zeigen die «Streckendiskrepanzen« der Netzhäute auch beim mon- 
okularen Sehen, sie zeigen Verkürzungen, Verlängerungen, Krümmungen, Verschwinden 
und Auftauchen ganzer Dimensionen, Helligkeits- und Farbenwechsel der Teile usf. Alle 
diese Komplikationen sind in den Gegenständen physikalischer Gesetze getilgt oder viehnehr 
niemals darin enthalten gewesen. Dem Physiker ist es ganz einerlei , ob das Gewicht p 



' Aus diesem Grunde muß ich es nicht blos als unrichtig, sondern zugleich als in- 
konsequent ansehen, wenn gerade Mach die rein phänomenalistische Physik vertritt. Ist 
der Erscheinungsraum nicht metrisch, was ist dann überhaupt noch metrisch im ganzen 
Reiche der Erecheinungen? Gerüche, Geschmäcke? Die physikalischen Gegenstände aber 
sind metrisch. 



Zur Emteüung der Wissenschaften. 15 

etwas weiter oder näher nn seinem Auge liegt, es bleibt das nämliche Gewicht. Die optische 
Flrscheiniing aber ist sehr wesentlich verschieden. Seine Dinge sind eben nicht *Sehd)nge-, 
um diesen Ausdruck Herings zu gebrauchen. Sie sind auch nicht etwa bloß vorgestellte Seh- 
dinge, da ja optische Erscheinungen zweiter Ordnung vollends unbestimmt, schattenhaft und 
iließend sind. Sondern sie sind begrifflich definierte Dinge. 

Oder will man sagen: sie sind Erscheinungen, nicht wie sie wirklich erscheinen, sondern 
wie sie für ein absolutes Auge erscheinen konnten oder sollten? Erscheinungen unter Ab- 
straktion von all jenen Trübungen, in denen sie im wirklichen Bewußtsein vorkommen? 
Dann sind sie eben in Wahrheit keine Erscheinungen melu*. Die Abstraktion ist die Haupt- 
sache. Nur so lange kann man sich fiber die Undenkbarkeit der phanomenalistischen Physik 
täuschen, als man die gedeuteten Erscheinungen mit den wirklichen, sozusagen nackten, 
Erschein luigen verwechselt. Die Dinge treten beständig unvermerkt an deren Stelle, und 
man glaubt positivistisch sich an das Gegebene allein zu halten , während man mit jedem 
Worte darüber hinausgreifl. 

Wir haben dies an den Erscheinungen des Gesichtssinnes erläutern wollen, weil auf 
diese immer noch am plausibelsten die phänomenalistische Auffassung sich stutzen mag. 
Daß aber Physik nicht GerQche, Geschmäcke, Schmerzempfindungen tmd deren mathematisch- 
gei^etzliche Beziehungen untersucht, liegt ohnedies auf der Hand. Und dennoch: warum 
sollte der Gesichtssinn hierin ein V'orrecht haben , wenn Erscheinungen und ihre Gesetze den 
(Gegenstand der Physik bilden? Wo bleiben die physikalischen Gesetze, die zwischen Ge- 
rüchen und Tonen als solchen oder zwischen Hitze- und Juckqualitäten bestehen? 

In dem vorhin augedeuteten Sinn unterscheidet Tb. Zikhbn* Individualemp fin- 
dungen und reduzierte Empfindungen oder Reduktionsbestandteiie. Die letzteren 
seien Gegenstand der Physik. Sie verhielten sich zu den individuellen Empfindungen etwa 
wie ein Bild zu seinen Erscheinungsweisen bei verschiedener Beleuchtung. Also gleichsnm 
ein >Bild an sich«, nicht mehr die wirkliche Erscheinimg, wie sie uns tatsächlich allein ge- 
geben ist, sondern ein begrifflich umgestaltetes Etwas. Dieser Reduktionsbestandteil ist 
nach Ziehen auch das Gemeinsame der Empfindungen verschiedener Individuen, wenn sie 
behaupten, einen und denselben identischen Baum zu sehen. 

Ziehen scheint mir hiermit, obgleich er sich noch innerhalb des »Idealismus« zu be- 
finden behauptet, in den Realismus zurückzulenken. Der Reduktionsbestandteil ist eben das- 
jenige außerbewußte Etwas, dessen Einwirkung auf die verschiedenen individuellen Sinnes- 
organe die Verschiedenheit der Erscheinungen erzeugt, die dann von den Inhabern dieser 
Sinnesorgane auf Grund vieler Erfahrungen seit frühester Kindheit auf gemeinsame Objekte 
gedeutet werden. Jedenfalls ist eine derartige Wendung, wie sie der scharfsinnige Psychiater 
vollzieht, mag man sie nun in seiner eigenen Formel oder in einer anderen ausdrücken, 
unbedingt erforderlich, um die bis zum Überdruß wiederholten Versichern ngen des vulgären 
Idealismus (der den vulgären Materialismus abgelost hat, in dem ich aber nicht mit Ziehen 
irgendwelche »Entdeckung- erblicken kann) mit der Existenz einer wissenschafliichen Physik 
in Einklang zu bringen. 

Selbstverständlich kommt fQr den Physiker niemals etwas in Betracht, das nicht durch 
einen Einfluß auf Erscheinungen unserer Sinne sich l^timiert, wie er auch niemals ein 
Gesetz aufstellen wird, das keine Aussicht hat, an Erscheinungen geprüft zu werden. Er- 

' Psychophysiologische Erkenntnistheorie 1898. Ferner: Zeitschr. f. Psychologie XXXIII, 
S.iiif^ bes. 118. XL, S. 34rf. 



16 Stumpf: 

scheinungen sind Anfang und Ende jeder physikalischen Untei*suchung, aber sie sind nicht 
der Gegenstand einer einzigen. Man kann sehr wohl mit Hertz darauf bestehen, daß die 
Formeln nur zur Verknüpfung und Voraussagung von Erscheinungen da sind, daß sie gleich- 
sam nur den verbindenden Text zwischen ihnen darstellen. Dennoch ist es gerade dieser 
Text, dessen Herstellung der Physik obliegt, und der ihren vollen und einzigen Gegenstand 
ausmacht Aus dem Fallgesetz ist zu schließen, daß wir eine Kugel, die wir in g^ebe- 
nem Moment den Halter des Fallapparatcs verlassen sehen, in bestimmtem Zeitpunkte den 
Boden berühren sehen werden, — vorausgesetzt nämlich, daß das Auge auf die Stelle ge- 
richtet ist und sonst alle Bedingungen des Sehens vorhanden sind. Aber von diesem unsrem 
Sehen enthält das Gesetz nichts. Es sagt nur, daß und wann die Kugel aufschlägt, schlechter- 
dings nichts weiter. Ob dies jemand sieht, hört, fQhlt, ist für den Bestand und die Fassung 
der Formel gleichgültig, es hat nur Bedeutung für ihren Beweis und andrerseits für ihre 
Nutzanwendung. Darum behalten Naturgesetze ihren Sinn ohne Klausel und Zusatz auch 
für eine Welt, in der noch kein Organismus war oder keiner mehr sein wird. Wir finden 
kein Bedenken darin, sie auf solche Weltzustände anzuwenden; was doch entweder einen 
logischen Widerspruch einschließen oder sehr phantastische Hilfsannahmen erfordern würde, 
wenn Erscheinungen ihren Gegenstand bildeten. Das Auftreten von Sinnesempfindungen ist 
ja nur die Folge bestimmter äußerst spezieller Kollokationen; und daß wir gelernt haben, 
uns von dem Zwang dieser zufalligen Nebeneffekte des Weltlaufs, an den wir in der Wahr- 
nehmung gebunden sind, wenigstens im Denken zu emanzipieren, ist gerade die Leistung, 
die wir den vereinigten Anstrengungen der Physik, Physiologie und Philosophie verdanken. 
Zur Verständigung mochte es auch noch dienlich sein, zwischen dem Zweck und 
dem Gegenstand der Naturfoi'schung zu untei*scheiden. Der Zweck mag sehr verschieden 
gefaßt werden. Schreibt man aller Wissenschaft nur praktische Ziele zu, so folgt natürlich, 
daß die Naturforschung ihren besonderen Zweck in der Beherrschung (Voraussagung und 
willkürlichen Herbeiführung) von Erscheinungen hat, und zwar von Erscheinungen im wört- 
lichsten und engsten Sinn. Aber auch wer dem Wissen nicht bloß praktische Ziele setzt, 
könnte immerhin das Wissen um äußere Gegenstände als solche, die nur erschlossen und 
hypothetisch sind, als bloßes Mittel einschätzen, während ihm das Wissen um die unmittel- 
bar gegebenen Erscheinungen als Selbstzweck erscheinen mag. Denke man hierüber, wie 
man will: der Gegenstand der Naturforschung wird dadurch kein anderer. Seine Be- 
stimmung ist unabhängig von der Wert- und Zweckbestimmung für die ihm gewidmeten 
Untersuchungen . 

Physische Gegenstände also oder Gegenstande der Naturwissenschaft, 
wodurch diese definiert wird, sind weder Erscheinungen noch Erscheinungs- 
komplexe, sondern die aus den Erscheinungen erschlossenen, in 
räumlichzeitlichen Verhältnissen angeordneten Träger gesetz- 
licher Veränderungen. Ramn und Zeit selbst sind damit nicht als 
außerbewußt, vom Bewußtsein unabhängig existierend, gesetzt. Nur räum- 
lichzeitliche Verhältnisse müssen außerbewußt existieren. Denn ohne 
diese gibt es keine physikalischen Gesetze. Sie sind ein unentbehrlicher 
Bestandteil der umfassenden Hypothese, durch welclie die Gegenstände 
der Naturforschung fiir unsere Erkenntnis geschaffen werden. Von »Trä- 



Zur Einteilung der Wissenschaßen. 17 

gern« aber reden wir hier nicht im Sinne des alten Substanzbegriffes, son- 
dern nur in dem Sinne, daß die mathematisch -gesetzlichen Beziehungen 
doch zwischen irgendetwas statthaben müssen, das in wechselnden Orten 
seinen Sitz hat, seien auch diese »Dinge oder Substanzen« in jedem Augen- 
blick nur durcli ilire wechselnden Orte voneinander unterscheidbar, im 
übrigen aber als bloße Komplexe von Verhaltungs weisen , Kräften, Dis- 
positionen definiert. 

Atomistik und Stetigkeitslehre, mechanische Physik und Energetik 
bilden Gegensätze innerhalb dieses Rahmens, die uns hier nicht zu be- 
schäftigen brauchen. Der Naturforscher, und speziell auch der mathema- 
tische Physiker, wird und kann niemals darauf verzichten, seine Begriffe 
an konkretere Vorstellungen zu knüpfen, als es, ideal gesprochen, unbe- 
dingt nötig wäre. Schon in der Raumvorstellung ist ja unweigerlich Quali- 
tatives enthalten: man mag sich den leeren Raum noch so schwarz aus- 
malen, er bleibt dann eben voll von Schwärze. Aber sie spielt keine 
Rolle bei den Rechnungen. Andere Modifikationen, die nicht psycholo- 
gisch oder logisch unvermeidlich wären , werden doch absichtlich eingefiihrt, 
gerade der Rechnung halber. Im Ergebnisse werden sie zu guter Letzt wieder 
verschwinden: mechanische Modelle, Bilder, Arbeitshypothesen. Zu diesen 
gehören zweifellos auch die obigen streitenden Vorstellungs weisen. Ob 
eine davon den definitiven Sieg erringt oder ob in ewiger Abwechselung 
bald diese, bald jene ein Stück weiterföhrt, hat mit der allgemeinen De- 
finition des Gegenstandes der Physik nichts zu tun. Ich erwähne dies, 
weil von energetischer Seite , unter dem vordringenden Einfluß des Berkeley- 
anismus, die Idee der Atome (der unstetigen Materie) und die Annalnne, 
Eisenoxydid bestehe tatsächlich aus Eisen und Sauerstoff, als unsinnig 
bezeichnet worden ist, da ja nur Sinnes Wahrnehmungen und nichts weiter 
gegeben seien. Man kann Boltzmann nur Recht geben, wenn er gegen 
solcherlei Ai-gumentationen Einsprache erhob.' Atomistische Vorstellungen 
mögen unnötig, auch falsch sein; unsinnig sind sie durchaus nicht. 

Wir bezeichneten den Gegenstand der Naturwissenschaft ganz allgemein 
im vorstehenden als Hypothese , und Hypothesen sind auch sämtliche darauf 
bezügliche Gesetze, da sie, wie alle induktiv erschlossenen Wahrheiten, 



' Abhandlungen in den Annalen der Physik, Bd. 57 (1896), abgedruckt in den «Popu« 
liren Schriften« S. I04f., 132. 

Pkiloi.-kutor. Abh. 1906. V. 3 



18 Stumpf: 

auf dem Prinzip der Wahrscheinlichkeitsrecliiiinig ruhen, das uns lehi't, 
aus Gegebenem auf Nichtgegebenes zu schließen. Arbeitshypothesen unter- 
scheiden sich von den essentiellen Hypothesen , die den Gegenstand der 
Physik ausmachen, dadurch, daß sie logisch entbehrliche Bestandteile ent- 
halten. Zu diesen logisch entbehrlichen Bestandteilen gehört nach den 
obigen Bemerkungen sogar der Ersclieinungsrauni. Umsomehr also alle 
Vorstellungsweisen, die mit anschaulich-räumlichen Bildern operieren. So- 
lange man sich aber bewußt bleibt, daß es nicht auf das Anschauliche, son- 
dern ausschließlich auf die darin liegenden abstrakten Gesetzlichkeiten an- 
kommt, kann man in der Wahl der Bilder beliebig vorgehen und sie mit 
einer so unglaubwürdigen Sinnenfölligkeit ausstaffieren, als man nur immer 
für die Unterstützimg des Denkens nützlich findet. Enthalten sie Bestand- 
teile, die den begrifflichen Anforderungen geradezu widersprechen, so kann 
man sie durch Definitionen korrigieren , wie dies ja auch schon der Geo- 
meter beständig zu tun gezwungen ist.' 

Es bleibt nach allem aber ein Bedenken zu heben, das vielen als 
wichtigstes erscheint. Sind die Träger der Gesetze, gleich den Gesetzen 
selbst, doch nur hypothetisch: wai-um müssen sie real sein oder wie können 
sie auch nur real sein? Sie sind eben begriffliche HilfskonstiTiktionen, 
vielleicht notwendige, zum Unterschied von den willkürlichen, aber doch 
nur Konstruktionen , die man sich als vom Bewußtsein miabhängig existie- 
rend denkt, während sie gleichwohl Bewußtseinsprodukte bleiben, — sub- 
stanzlose »Gespenster«, nur eifunden, imi das einzig Reale, die Erschei- 
nungen, unter sich im Denken zu verknüpfen. 

Es hat, wie mich dünkt, wenig Zweck, hierüber zu streiten. Gerade 
weil alles, was wii' denken, eo ipso gedacht wird, kommt es ausschließ- 
lich darauf an, als was wir ein jedes denken; ob als Reales oder als Nicht- 
reales, als Physisches oder als Psychisches, als Allgemeines oder Indivi- 
duelles, als Bewußtseinseigenschaft oder als etwas nicht mit einer in- 
tegrierenden Beziehung zum Bewußtsein Behaftetes usf. Was wir als ein 
vom Bewußtsein Unabhängiges, das Bewußtsein selbst Bedingendes denken, 
und zwar auf Grund logischer Einsicht denken müssen, wenn wir uns 
nicht mit allen Regeln der Wahrscheinlichkeit in Widerspruch setzen wollen. 



* Vgl. Aber die Forderung der Bilder wie auch der »begrilTlichen Reinheit« Mach's 
»Erkenntnis und Irrtum« S. 227, 246. 



Zur Emteihmg der Wissenschaften. 19 

das eben pflegen wir objektiv -real zu nennen. Wer aber die zopfigere, 
pleonastische Ausdi-ucksweise vorzieht oder es besonders tiefsinnig findet, 
sämtlichen Gegenstanden unseres Denkens und Sprechens noch den Index 
»Gedachtes« anzuhängen, mag auch dabei bleiben. Irgendein Problem 
wird er damit nicht lösen. Worauf es im vorliegenden Fall ankommt, ist 
nur dies, daß Naturgesetze sich eben auf jene begrifflich konstruierten 
Gegenstande beziehen, die wir voraussetzen müssen, und zwar an wechseln- 
den Punkten des vorausgesetzten idealen Raumes voraussetzen müssen, um 
den Gang der Erscheinungen zu verstehen und zu beherrschen. Wird dies 
zugegeben, so ist die gegenwärtige Angelegenheit erledigt. 

Die Naturwissenschaften außer der Physik und physikalischen Chemie 
haben in der Definition ilirer Gegenstände die spezifisch -siimlichen Merk- 
male noch nicht in demselben Maße abgestreift und werden sie för die 
Beschreibung ihrer Einzelobjekte, wie der Mineralien, der Pflanzen und 
ilirer Teile, niemals entbehren können. Aber die obige allgemeine Definition 
physischer Gegenstände umfaßt alle diese besonderen Gegenstände. Sie 
hindert nicht, dieselben voneinander durch sekundäre Merkmale abzu- 
grenzen, die aus der Wii*kung auf unsere Sinne hergenommen sind. Auch 
die Lebewesen sind in räumlich -zeitlichen Verhältnissen angeordnete Träger 
gesetzlicher Vei-anderungen. Wenn die Neovitalisten leugnen, daß physi- 
kalisch-chemische Kräfte im gewöhnlichen Sinne hini*eichen, die Geheim- 
nisse des Lebens zu entschleiern, und weim sie dafui- Dominanten oder 
Entelechieen fordern, so können sie darunter unbescliadet aller Besonder- 
heiten doch zuletzt auch nur im Kaum und in der Zeit wirksame Kräfte 
verstehen, deren Erfolge als räumliche Massen Verteilungen oder chemische 
Umwandlungen auftreten , und zwar unter gleichen Bedingungen in immer 
gleicher Weise». Und so wird nichts im Wege stehen, auch auf orga- 
nisierte Gebilde den obigen allgemeinen Begriff des Physischen anzuwenden.' 

' Es gibt allerdings auch eine Form des Viulismus — man könnte sie animisiischen 
oder Psycho- Vitalismus nennen — , die es für unvermeidlich hilt, bei allen organischen 
Prozessen geradezu das Eingreifen psychischer Faktoren (Unterscheidungsfihigkeit, Urteil, 
Wollen von Zwecken und Mitteln) anzunehmen. Die selektiven Funktionen, z. B. die An- 
passung der Abscheidungsprodukte der MagendrOsen an die verschiedenen in den Speise- 
kanal eingeführten oder auch nur dem Gesichtssinn dargebotenen Stoffe (Pawlow), kann 
man dafür schwerlich beweisend finden, da Selektion und Anpassung auch bei rein physi- 
kalischen Vorgängen, wie der akustischen und elektrischen Resonanz, stattfinden. Auch 
der Versuch, die Schwierigkeiten dtM- Entw ick elungsl ehre durdi Voraussetzung psychischer 

3* 



20 Stumpf: 

Wir können nun auch ganz einfach sagen: Naturwissenschaft ist die 
Wissenschaft, der Körperwelt oder der Materie oder der Natur, ohne den 
Vorwurf der Tautologie zu förchten, nachdem die Ausdrücke vorher er- 
läutert sind. 

2. Geisteswissenschaften. 

Während die Gegenstände der Natui^wissenschaften aus den Erschei- 
nungen nur erschlossen sind, liefert das zweite Glied der fundamentalen 
Unterscheidung, die psychischen Funktionen, ohne weiteres so, wie es ge- 
geben ist, das Material fiir die Gegenstände der Geisteswissenschaften. 

Ich sage nicht: die Gegenstände selbst, sondern: das Material dazu. 
Schon indem wir die bestimmten, jedem augenblicklich gegebenen Funk- 
tionen als »psychische Funktionen« bezeichnen, bilden wir einen Begriff 
davon imd erheben sie zu Denkgegenständen. Sie sind objektiviert in 
dem schon besprochenen Sinne. Außer von den eigenen augenblicklichen 
Fimktionen des sie wahrnehmenden und denkenden Subjekts sprechen wir 
aber auch von seinen vergangenen Funktionen und von denen anderer 
Subjekte. Die Gesamtheit dieser zu Denkgegenständen erhobenen Funk- 
tionen bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaften. Die eigenen ver- 
gangenen und die fremden (gegenwäitigen und vergangenen) Funktionen 
sind hierbei allerdings nur erschlossen, insofern vergleichbar den Gegen- 
ständen der Naturwissenschaft.* Trotzdem bleibt ein wesentlicher Unter- 
schied der erkenntnistheoretischen Dignität. Dort, in den Naturwissen- 
schaften, hat sich sogar das Material, aus dem das Denken die Gegen- 
stände ursprünglich bildete, die Sinneserscheinungen, als unadäquat er- 



Krafle in den bezüglichen Gebilden zu lösen, wie ihn namentlich der Zoologe A. Pauly 
kürzlich unternommen hat (Darwinismus und Lamarekismus 1905), dürile nach anderen 
Richtungen wieder in ebenso große Schwierigkeiten hineinführen. Aber nehmen wir einmal 
an, die Erklärungsweise wäre allgemeh) als die einzig fruchtbare und befriedigende akzeptiert, 
so wurde damit nur das Zusammenwirken von Psychologie und Physiologie, wie es für die 
nervösen Zentralorgane tatsächlich stattfindet, auf alle Kapitel der Biologie ausgedehnt 
werden. Es wurde aber nicht nötig sein, den BegrifT des Physischen selbst durch Aufnahme 
psychischer Merkmale zu bereichern. 

* J. VoLKKLT nimmt (Ztschr. f. Philosophie u. philos. Kritik Bd. 118, S. i f.) für die 
Erinnerung an das früher Erlebte eine unmittelbare Gewißheit in Anspruch. Ich kann dies 
nur ftir das unwissenschaftliche Bewußtsein zugeben, das auch der Außenwelt einen un- 
mittelbaren Glauben entgegenbringt. Die wissenschaftliche Erkenntnis der eigenen Vergangen- 
heit kann sich nur auf Schlösse stützen. 



Zur Einteilung der Wissenschaften- 21 

wiesen , man mußte sich auf ganz abstrakte Definitionen zurückziehen. Hier 
hingegen ist man dabei geblieben und wird dabei bleiben, daß das erschließ- 
bare eigene psychische Leben vor dem gegenwärtigen Moment, sowie das 
fremde psychische Leben, das wir aus seinen Äußerungen mit annähernder 
Sicherheit erschließen können, qualitativ dem unmittelbar gegebenen gleich- 
artig ist. Wenn aber die Schlüsse wegen der mangelnden sprachlichen Ver- 
stSndigung und der abnehmenden Analogie der sinnenfXlligen Äußerungen 
beim Herabsteigen in der Tierreihe imsicherer werden , so kann man hier 
doch auch nur auf eine in gleichem Maße abnehmende qualitative Gleich- 
artigkeit, nicht auf völlige Unadäquatheit mit dem unmittelbar gegebenen 
Seelenleben schließen. Es liegt hierin doch ein gewaltiger erkenntnis- 
theoretischer Vorzug gegenüber den Naturwissenschaften, der sehr wohl 
als Ausgleich ftir die Unmöglichkeit raumlicher Maßbestimmungen ])eim 
Psychischen gelten k^mn. 

Staats- und (Jesellschaftswissenschaft, Sprach-, Religion«-, Kunst- 
wissenschaft usf. sind Wissenschaften komplexer psychischer Funktionen, 
Psychologie die Wissenschaft der elementaren psychischen Funktionen. 
Komplex sind die Betätigungen, aus denen soziale trebilde entspringen, 
in doppelter Beziehung: einmal sofern sie schon in jedem beteiligten Einzel- 
wesen das Zusammenwirken aller Seiten des psychischen Lebens, wie sie 
die Psychologie unterscheidet, voraussetzen, dann weil das Zusammen- 
wirken vieler Individuen daiur wesentlich ist, und eben dadurch auch der 
einzelne erst den Reichtum individuellen Lebens empfangt, der ihn zu 
weiterem Zusammenwirken ausrüstet. 

Indem Geisteswissenschaften von psychischen Funktionen handebi, han- 
deln sie damit von den Trägem psychischer Funktionen. Denn ganz ebenso 
wie bei den Gegenstanden der Naturforschung gibt es keine Eigenschaft., 
keine Veränderung, Tätigkeit, Kraft für sich allein; stets und notwendig 
findet sich eine jede nur als Teil eines Ganzen, das wir Ding (körper- 
liches — seelisches Ding) nennen und als Subjekt oder Träger der vorher 
unterschiedenen Eigenschaften, Tätigkeiten usf. auffassen.' Hierbei kann 
dahingestellt bleiben, ob es richtig ist, beiderlei Dinge als kausal verknüpft 
zu denken, oder ob man das körperliche imd das seelische Ding als das- 

^ Man kann auch irgendeinen besonders wesentlichen, konstanten Teil (Eigenschaft 
usw.) als Trftger der übrigen auffassen. \'an diesen Feinheiten in der Ausdeutung des 
SubstanzbegrifTes mögen wir hier absehen. 



22 Stumpf: 

selbe fassen, d.h. physische und psychische Funktionen wieder als ein 
Ganzes höherer Ordnung zu einer substanziellen Einheit verknüpft denken 
muß. Dieser Streit wird von der Definition der Natur- und der Geistes- 
wissenschaft besser fem gehalten. 

Wir scheiden sie also durch die physische und die psychische Be- 
schaffenheit ihrer Gegenstände, einerlei welches Verhältnis diese zueinander 
haben. Und wiederum brauchen wii- nicht den Vorwui-f der Tautologie 
zu furchten , wenn wir nach diesen Erläuterungen einfach sagen : Geistes- 
wissenschaft handle vom Geist (bzw. von der Seele, falls man »Geist« nur 
fiir die höheren Formen des psychischen Lebens nimmt). Man muß sich 
nur immer jene Unterscheidung der psychischen Funktionen von den Er- 
scheinungen und ihre gegenseitige relative Selbständigkeit gegenwärtig 
halten, die bei früherer Gelegenheit ausfuhrlich erörtert worden ist; eine 
Tatsache, die wir als zusammenfassenden Ausdruck des Ergebnisses zahl- 
reicher Einzeluntersuchungen betrachten, die aber mit einer Behauptung über 
das Verhältnis von Leib und Seele, Ich und Außenwelt, Erscheinung und Ding 
an sich u. dgl. nichts zu tun hat. Auf dieser richtig verstandenen Tatsache ruht 
zuletzt der richtig verstandene Unterschied von Geistes- und Naturwissenschaft.^ 

Eine Bemerkung muß jedoch mit Rücksicht auf jene frühere Unter- 
suchung hinzugeftigt werden. Die Ansicht, die wir dort vertraten und 



' Gegen Wundts Lehre, daß der Unterschied nicht in den Objekten, sondern nur 
in den Gesichtspunkten der Betrachtung liege, hat E. Mbumann Einwendungen erhoben, die 
mir durch Wundts Gegenbemerkungen nicht entkräftet scheinen (Archiv f. d. gesamte Psycho- 
logie II, Literaturbericht 29 f., Abhandlungen 333 f.). 

Nicht ganz Qbereinstimmen kann ich in diesem Punkte mit Husserls Auseinander- 
setzungen (Log. Unt. II, 336 f.). So richtig er auch hier die Bedeutung des Gegenstands- 
begriffes hervorhebt, so ist das Unterscheidende zwischen Naturwissenschaft und Psychologie 
doch nicht hierin zu finden, sondern in dem Material, das zur Gegenstandsbildung ver- 
wendet wird. Auch kann ich den Unterschied des Psychischen vom Physischen nicht darin 
erblicken, daß vom Psychischen adäquate Anschauung möglich ist, vom Physischen nicht. 
»Kein Korper ist innerlich wahrnehmbar — nicht weil er »physisch* ist, sondern weil z. B. 
die dreidimensionale Raumform in keinem Bewußtsein adäquat anschaubar ist. Adäquate 
Anschauung ist aber dasselbe wie innere Wahrnehmung.« Hiernach würde für den Fall, 
daß wir ein dreidimensionales Raumgebilde eben so anschaulich vorstellen könnten wie ein 
zweidimensionales (was z. B. nach Hering tatsächlich der Fall ist), und daß auch sonst alle 
Eigenschaften des physischen Gegenstandes uns anschaulich zu gleicher Zeit vorstellbar 
wären, Physik zur Psycholog! (3 werden, was ich nicht zugebe. Es tritt hier Husserls eigen- 
tfimliche Lehre ins Spiel, wonach das gegenstandliche Denken dadurch charakterisiert ist, 
daß es auf mehr gerichtet ist, als wir augenblicklich aktuell vorstellen (s. o. S. 7). 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 23 

auch hier in Erinnerung bracliten, daß psychische Funktionen (unter be- 
stimmten Bedingungen) in sich selbst wahrnehmbar seien: diese Behaup- 
tung wSre allenfalls fiir den Zweck der Scheidung der Wissenschaften ent- 
behrlich. Wer sie nicht teilt, wurde das, was fiir die vergangenen und 
die fremden psychischen Funktionen ohnedies gilt, filr psychische Funktio- 
nen Oberhaupt vertreten: daß sie überall nur aus den Enscheinungen er- 
schlossen, d.h. zur Deutung der Erscheinungen vorausgesetzt seien, ganz 
(»l>enso wie es mit den physischen Gegenstanden (Kräften, Pi-ozessen) der 
Fall ist. Der Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften wJb-e 
dann der, daß sie nach vei-schiedener Richtimg schließen, die ei-sten auf 
Vorgänge, die den Erscheinungen kausal zugrunde liegen, die letzten auf 
Vorgange, die durch die Erscheinungen selbst ins Spiel gesetzt werden. 
Auch so ist es ein Unterschied im Gf^genstand ; und daß er wesentlich 
genug ist, lehrt die Verschiedenheit der resultierenden Gesetzlichkeiten. 

Nicht vorübergehen dürfen wir an dem von Hermann Paul' erhobenen 
Bedenken: daß in allen sogenannten Geisteswissenschaften die physische 
Seite der Vorgänge eine sehr ausgiebige Rolle spielt und das Psychische 
unmöglich gesondert behandelt werden kann. Paul will daher nicht Geistes-, 
sondern Kulturwissenschaften den Naturwissenschaften gegenüberstellen. 
Die Psychologie gilt ihm dabei gleichwohl für die Kulturwissenschaften als 
(rrund Wissenschaft im vorhererwähnten Sinne. Aber sie habe eben in 
gleicher Weise das Physische mitzuberflcksichtigen und tue dies gegen- 
wärtig in solchem Maße , daß sie zur Hälfte Naturwissenschaft geworden sei. 

Das Sachliche hieran ist ganz unbestreitbar. Das psychische Leben 
ist durchweg auf dem Physischen aufgebaut imd in jeder uns bekannten 
Einzelleistung davon unabtrennbar, während andrerseits das Physische sicher- 
lich in weitestem Umfang , nach Ansicht vieler sogar allgemein, ohne jede 
Rücksicht auf psychische Funktionen nach Struktur und Gesetzlichkeiten 
untersucht und dargestellt werden kann. Ein Blick etwa auf Mineralogie, 
daim auf Nationalökonomie, zeigt die ungemischte Natur der ersten, die 
gemischte der zweiten Disziplin. 

Dennoch scheint es mir vom Definitions- Standpunkt aus zweck- 
mäßiger, die alte Scheidung und das alte Merkmal beizubehalten. Daß 
man das psychische Leben nicht ohne die physische Grundlage des Orga- 



• Prinzipien der Sprachgeschichte, zuerst 1880. 



24 Stumpf: 

iiismus und der Umgebung verstehen kann, und daß die nächsten Ziele 
geistiger Tätigkeit auch wieder zum gi'oßen Teil im physischen Gebiete 
liegen, in Siedlungen, Stadtegiiindungen , Besitz- und Ländei-verteilung, 
stehenden Heeren und Schießgewehren, in Sprachschöpfungen und Bild- 
werken, in der Gesamtheit der äußeren Lebensgestaltung, das lehrt jeder 
Schritt und Tritt innerhalb der Geisteswissenschaften. Aber es braucht 
niclit notwendig in ihrer Definition zu stehen. Zur Definition genügt und 
empfiehlt sich das knappste Unterscheidungsmerkmal. Auch in der Durch- 
fuhining zeigt sich doch, daß das Primäre, die Wurzel aller jener Betäti- 
gungen, auf welche die Theorie und Geschichte der Sprache, Religion, 
Kunst, Staats- und Kechtsbildung sich bezieht, im psychischen Gebiete 
liegt, in Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gemütsbewegungen, Trieben, 
Willensentschlüssen. Endlich scheint mir der Ausdruck »Kidturwissen- 
schaften« gegenüber den Naturwissenschaften leicht zu einer Mehi'deutig- 
keit zu fuhren. Im Begriffe der Kultur, wie er nun einmal allgemein ver- 
standen wird, liegt das Merkmal einer Tendenz zur Entwicklung von 
Werten. Diese Tendenz mag mit dem psychischen Leben in seiner höheren 
Ausbildung, zumal mit dem sozialen Leben höherer psychischer Individuen, 
natumotwendig verknüpft sein; aber sie ist, logisch betrachtet, ein hinzu- 
kommendes, abgeleitetes Merkmal. Das Primäi'c bleibt doch eben die 
psychische Natur der Funktionen. Danun klingt es auch wunderlich, die 
Psychologie als Kulturwissenschaft zu bezeichnen, und doch müßte sie als 
die Grunddisziplin dieser ganzen Gruppe kat' ^seoxi^n Kidturwissenschaft 
sein, wie Physik kat' ^ioxAn Naturwissenschaft ist. In den elementarsten 
Funktionen, die sie untersucht, liegen die Vorbedingungen aller Kultur; 
zur Wu'klichkeit kommt diese aber erst im sozialen Zusammenleben , das 
die Psychologie im engeren und gewöhnlichen Sinne nicht beschäftigt. 
Paul selbst ist nicht entgangen, daß die Psychologie es auch mit dem 
Seelenleben der Tiere zu tun hat, und daß der Begriff der Kultur eine . 
starke Erweiterung erfahren müßte, ima auch die Tiei-psychologie noch 
unter den Kulturwissenschaften unterzubringen. 

Es genügt daher und ist zweckmäßiger, die Unterscheidung in der obigen 
Weise zu vollziehen, wenn man sich dabei bewußt bleibt, daß damit nur der 
primäre Gegenstand der Geisteswissenschaften angegeben ist, der zur Abgren- 
zung eben hinreicht, nicht der vollständige, und daß schon beim ersten Schritt 
jeder Untersuchung physische Gegenstände miteinbezogen werden müssen. 



Zfar Einteihmff der Wissenschaften. 25 

Da die naturwissenschaftliche Ausgestaltung der neueren Psychologie 
auch fiir Windelband und Rickert eines der Motive geworden ist, die alte 
Einteilung noch stärker als H. Paul umzuformen (s.u.), so möge über 
diesen Punkt sogleich folgendes bemerkt werden. Die Psychologie hat 
das Experiment nützlich und nötig gefunden , um die Bedingungen , unter 
denen Selbstbeobachtung stattfindet, möglichst genau objektiv festzulegen 
und die subjektiven Erlebnisse, die beobachtet werden sollen, systematisch 
nach bestimmten Richtungen hin zu variieren. Aber sie betrachtet das Ex- 
periment ilberall nur als Einleitung und Unterstützung der subjektiven Be- 
obachtung, die nach wie vor entscheidend bleibt, und als äußeren Anlaß der 
subjektiven Ei-lebnisse, die nach wie vor ihren Gegenstand bilden. Wenn 
sie in Anbetracht der ganzen äußeren Methodik den naturwissenschaftlichen 
Fächern unserer philosophischen Fakultäten nahergeriickt ist als den geistes- 
wissenschaftlichen, und sogar noch engere FiUdung hat mit medizinischen, 
wie Physiologie, Neurologie, allgemeiner Biologie, Psychiatrie, so mag man 
über ihre zweckmäßigste Einfugimg in die Fakultäten streiten — Fakultäten 
sind bloße Arbeitsgemeinschaften und in ihrer Zusammensetzung und Ab- 
j^renzung durch praktische Rücksichten mitbedingt — : ihr Gegenstand wird 
dadurch nicht geändert. 

Nun muß allerdings zugegeben werden, daß auch in Hinsicht des 
Gegenstandes Psychologie und Physiologie in gewissen Teilen stark inein- 
andergreifen , da die psychischen Funktionen mit den Prozessen der Hirn- 
rinde verknüpft, sind und das DeUül dieser Verknüpfung beide Disziplinen 
gleichmäßig angeht, da nicht minder die Funktionen der Sinnes- und Be- 
wegimgsorgane auf subjektivem und objektivem Wege zugleich untersucht 
werden müssen. Aber warum sollen die Wissenschaften nicht teilweise in- 
einander übergreifen, wenn ihre Gegenstände es tun? Veränderte Defini- 
tionen bedingt dies noch immer nicht. Auch die natürlichen Arten der 
Pflanzen und Tiere weisen Gruppen auf, die verschiedenen Arten gemein- 
schaftlich zugerechnet werden köimen, ohne daß die Artdefinitionen ihren 
Sinn und Zweck verlieren. 

Rickert nimmt besonderen Anstoß daran, daß die Psychologie in ilirer 
gegenwärtigen Fonn als (Jrunddisziplin der (Jeisteswissenschaften gelten 
solle , wie sie es doch nach der alten Unterscheidung sein nuißte und auch 
nacli H. Pauls Modifikation noch sehi wünle. Kein Geschichtsforscher 
könne von ihr Gebrauch machen. Für diesen komme allein das unmittel- 
Phihs.'hutor. Abh. 1906. V. 4 



26 Stumpf: 

bare Einfühlen in historische Persönliclikeiten und die Erfahrung des täg- 
lichen Lebens in Betracht. Es scheint mir, daß auch hier über den in 
die Augen springenden Äußerlichkeiten die Vertiefung der Analyse, die 
niclit bloß erstrebt, sondern tatsächlicli schon in erheblichem Grade eiTeicht 
ist, und die, wenn nicht direkt, doch auf zahllosen indirekten Wegen in 
den Gebrauch der Geisteswissenschaften übergeht, zu gering eingeschätzt 
ist. Eine geschäi'fte Kunst psychologischer Zergliederung kann, wenn sie 
sich mit jenem persönliclien Ilineinfiihlen a erbindet, der Klarheit und Wahr- 
heit historischer ('harakterdarstelhmg zidetzt nur förderlich werden. Auch 
muß man in Rechnung ziehen, daß die Psychologie sich erst allmählich 
A'on der extremen Vertiefung in die Probleme der Sinneswahmehmung, 
die den Anfang ihrer neuen Pjitwicklung bilden mußte, den komplizierteren 
und höheren Funktionen zuwendet, die den Kern des geistigen Lebens 
ausmachen, besonders den Willensfunktionen. Im übrigen versteht man 
ja auch, daß Mißbräuche von Historikern selbst diskreditierend wirken. 
Pedantisch -doktrinäre Übertragung von Ausdrücken, die für begrenzte 
Erscheinungskreise gebildet sind und selbst da nur vorübergelienden 
Wert beanspnichen, auf große geschichtliche Massenerscheinungen macht 
eine Darstellung nicht ohne weiteres zur exakt -psychologischen. Es lohnt 
sich nicht, über diesen Pimkt, die Bedeutung der neueren Psychologie fiir 
die Geisteswissenschaften im allgemeinen, mehr Worte zu machen; er ist 
zuletzt Sache der wissenschaftlichen Praxis auf beiden Seiten und regelt sich 
von Fall zu Fall. 

lY. Neutrale Wissenschaften. 

1. Phänomenologie. 

Wenn Natur- und Geisteswissenschaften, speziell ilire Grunddisziplinen 
Physik imd Psychologie, gemeinschaftlich von den Erscheinungen ausgehen, 
keine von ihnen aber bei den Erscheinungen stehen bleibt, sondern die 
einen auf die jenseitsliegenden Vorgänge übergehen, die anderen auf die 
mit den Erscheinungen verknüpften psychischen Funktionen , beide also nicht 
in den Erscheinungen selbst ihren eigentlichen Gegenstand finden: welcher 
Wissenschaft kommt die Untersuchung der Erscheinungen als solcher zu? 

Praktisch wird sie zur Zeit von Physiologen und Psychologen betrieben, 
je nach dem Bedarf ihrer Wissenschaften. Am meisten scheinen sich die 



Zur Einteibmg der Wissenschaften. 27 

Psychologen Uirer anzunehmen. Früher beschäftigten sich auch Physiker 
damit, und jetzt iiocli findet man wenigstens in den physikalischen Lehr- 
büchern traditionelle Kapitel über Komplementärfarben, Kontrasterschei- 
nungen, Mischungsgesetze, Drei- und Vierfarbentheorie, Klangfarbe, Konsonanz 
und Dissonanz u. dgl., obschon alle diese Besonderheiten der Erscheinungen 
mit den Dingen außer uns nichts zu tun haben mid tatsächlich in diesem 
Zusauunenliang ganz deplaciert sind. Denn für die (Jesetze der Bewegmigen, 
auch der oszillierenden Bewegungen, ist es bedeutungslos, was fiir Emp- 
findungen und Gefiilüe dadurch in uns liervorgerufen wenlen. Physika- 
lisch interessiert nm* die Entstehung mehr oder weniger zusammengesetzter 
Wellenformen bei verschiedener En-egungsweise eines 3Iediums , nicht aber 
die Weicliheit oder Schärfe oder die Annehmlichkeit oder gar die Wohl- 
gefalligkeit einer Klangerscheinung. 

Nimmt man es streng mit den vorausgehenden Definitionen, so nmß 
die Phänomenologie als eine besondere Disziplin betrachtet werden, die 
weder den Natur- noch den Geisteswissenschaften angehört. Daß ihre 
prinzipielle Selbständigkeit nicht schon fmher erkannt ist, liegt zum Teil 
daran, daß sie in der DurchfiUu'ung eng mit den genannten Disziplinen 
verknüpft werden nmß , zum anderen Teil aber auch damn , daß man die 
Erscheinungen als etwas genügend Bekanntes , wissenschaftlicher Beschn'i- 
bung im allgemeinen nicht Bedürftiges ansah; ähnlich wie man etwa in 
der alten Zeit Luft, Feuer, Wasser und Erde unbesehen fui- Elemente nahm. 

Wir wissen jetzt, daß hier ein Reichtum von Pi-oblemen liegt. Die 
Lehre von den fünf Sinnen ist verschwunden , neue Siime sind aufgedeckt, 
die scharfe Abgrenzung der »niederen Sinne« gegeneinander ist dagegen 
zweifelliaft geworden. Die weitgreifendsten Verschiedenheiten unter den 
Tieren (aus den Organen und den Reaktionen erschließbar), aber auch auf- 
fallende tj'pische Abweichungen bei menschlichen Individuen sind fest- 
gestellt. Die eigentümlichen (jualitativen Reihenbildungen, wie die natür- 
liche Ordnung der Töne in eincT Geraden, die der Farben in einer in sich 
zurücklaufenden Kurve, wurden untei-sucht. 

Eine Reihe von Fragen kam hinzu, die sich bei allen Sinnen mehr 
oder weniger wiederholen: nach den 3Iischungen gleichzeitiger Eindrücke, 
nach den an Sinneserscheinungen zu unterscheidenden Bestinmiungsstücken 
(Qualität, Stärke usf.), nach den Verhältnissen \o\\ Ähnlichkeit, Steige- 
rung, Verschmelzmig usf. , die zwar nicht selbst Erscheinungen, aber mit 

f 



28 Stumpf: 

und in denselben gegeben und zu jeder Beschreibung unentbehrlich sind. 
Weiter nach den sogenamiten qualitativen Richtungsänderungen (vermittels 
deren G. E. Mullek mit Recht den Begriff der »Hauptfai-ben« definiert); 
nach den auszeichnenden Eigenschaften der konsonanten Toninter\^alle und 
etwaigen Parallelerscheinungen auf anderen Gebieten; nach den Unter- 
schieden zwischen Erscheinungen erster und zweiter Ordnung (Empfin- 
dungen und bloßen Vorstellungen), soweit nicht ftmktionelle Unterschiede 
hier beteiligt sind; nach der Natur der sinnlichen Annelunlichkeit und 
Unannehmlichkeit (ob sie als eines der Bestimmungsstücke der Ei-schei- 
nungen oder als besondere Erscheinmigsklasse oder als Funktionen anzu- 
sehen sind). 

Ferner galt es, die Eigenschaften des sinnlich -anschaulichen Raumes, 
des Gesichts- und Tastraumes, aufzuzeigen, die sich mit den postulierten 
Eigenschaften des geometrisch -physikalischen Raumes keineswegs decken, 
sowie den Unterschied der Raumvorstellungen verschiedener Sinne unter- 
einander (wie deim selbst die Töne lokale und quantitative, wenngleich 
nicht meßbare Bestimmungen aufweisen). Es entstand die noch schwierigere 
Aufgabe einer rein deskriptiven Untci'suchung der Zeitvorstellung und ihrer 
Derivate, einer Analyse der Bewegungsvorstellungen, die Frage nach dem 
Vorkommen wahrer und strenger Stetigkeit im Erscheinungsgebiete, und 
so noch viele andere. 

Überall liegen hier innerhalb des Erscheinungsgebietes selbst auch Ge- 
setzlichkeiten. Nicht etwa Gesetze der Sukzession (Kausalgesetze) — denn 
solche gibt es, wie gesagt, im Erscheinungskreise selbst nicht — , sondern 
immanente Strukturgesetze. Daß sie teilweise sogar die Anwendung mathe- 
matischer Begriffe und Operationen gestatten, ist bereits im 18. Jahi-hmidert 
von Lambert, im 19. zuerst von H. Grassmann bemerkt worden. 

Von Grasshanns Ausdehnungslehre angeregt, veröffentlichte W.Preykr 1877 -Elemente 
der reinen Empfindungslehre« ganz im Sinne einer reinen Phänomenologie, wenn auch im 
einzelnen sehr angreifbar. Helhholtz definierte den Begriff »Kürzeste Linien im Farben- 
system«, Sitznngsber. d. Berl. Akad. d. Wiss., 17. Dezember 1891, Ztschr. f. Psychol. III, S. 108. 
Meinong erweiterte solche Betrachtungen zum Begriff einer »Farbengeometrie«, Ztschr. f. 
Psychol. XXXIII , S. I f. Bezüglich der Tone darf ich vielleicht auf die Erörterung in meiner 
Tonpsychologie 1 , 142 verweisen (Z. 14 muß es abery^ statt yx und Z. 19 ory statt xz heißen). 
Besonders wichtig ist dabei die schon von Uerbart betonte allgemeine, auch auf Qualitatives 
anwendbare, Bedeutung des Ausdruckes »zwischenliegend«. Ferner gibt es eine rein 
qualitative Algebra der Intervalle, gemäß den in meinen und K. L. Schaefers »Tontabellen« 
(1901) entwickelten Formeln. Hierbei handelt es sich keineswegs, wie in früheren Dar- 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 29 

stell II Dgeo , tim eine Algebra der Scliwingungszahlverhältnisse, die den Intervallen 7«ugeh5ren, 
sondern um algebraische Operationen, durch die ohne jede Kenntnis dieser Zahlenverhalt- 
nisse aus einem gegebenen Ton ein beliebiges musikalisches Intervall, z.B. die übermäßige 
Quart, gewonnen wird. Die Formel Q= T.t besagt, daß man zur Quinte kommt durch zwei 
mit ihren Grenztonen aneinandergefügte Terzen, eine kleine und eine große, deren Reihen- 

Q 
folge aber gleichgültig ist. Ebenso ist es bei der Formel — für die große Sekunde gleich- 
gültig, ob man den Quintenschritt aufwärts (Q im Dividendus) zuerst vollzieht, dann den 
Quartenschritt abwärts (q im Divisor) oder umgekehrt. Man kann natürlich diese Formeln 
auch zur Berechnung der resultierenden Zahlenverhältnisse und Schwingungszablen benutzen. 
Aber sie haben Sinn, Gültigkeit und Anwendbarkeit auch ganz abgesehen davon, auch ftir 
den , der von den Proportionen der Intervalle nichts wüßte imd sie nur als Tonerscheinungen 
durch den Gehörsinn kannte. Es ist also hier eine ähnliche Übertragung algebraischer 
Operationen auf Qualitatives möglich, wie etwa in der neueren Physik bei der Addition 
und Subtraktion von Vektoren. Nach kürzlich veröffentlichten brieflichen Äußerungen 
WiLnLM Wkbbrs hat auch ihm bereits derartiges vorgeschwebt Er schreibt an Fbchnbr 1850: 
•In Ihrem jetzigen Gebiete (der Empfindungsmessung) ist die Entdeckung solcher Fakta« 
(die mit Fbchners Ideen zusammenträfen) -vielleicht sehr unwahrscheinlich, aber doch mög- 
lich, wie vorhandene Fakta beweisen, z.B. daß Quinte und Quarte sich zur Oktave, große 
Terz und kleine Terz genau zur Quinte ergänzen, die, auf unmittelbarer Ton- 
empfindung beruhend, von akustischen Theorien unabhängig dastehen.« 
(G. F. Lipps, Zwei Briefe usw. Sitzungsber. d. kgl. Sachs. Gesellsch. d. Wiss., Math.-phys. 
Kl. Bd. 57. S. 393.) 

Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß bei einer Umwandlung unserer mechanischen 
Weltanschauung in abstraktere Formen , wie sie jetzt vielfach in Aussicht genommen wird, 
dergleichen innerhalb des rein qualitativen Erscheinungsgebietes vorkommende gesetzliche 
Beziehungen von Bedeutung würden. Von vornherein ist es ja nicht so selbstverständlich, 
wie die Kantianer meinen, daß alle Naturgesetzlichkeit sich nur mit den Anschauungen 
von Raum und Zeit ausdrücken lasse. Diese haben sich vorzüglich brauchbar erwiesen, 
und man wäre töricht, sie um ein Linsengericht zu verwerfen. Aber prinzipiell haben sie 
keinen Vorrang vor irgendwelchen anderen Daten des Erscheinungsgebietes. Hbthars 
spricht in diesem Sinne von einer denkbaren »akustischen Weltanschauung* , in der alle 
Verhältnisse des physischen Geschehens als Tonverhältnisse ausgedrückt wären (Einführung 
in die Metaphysik 1905« S. 178 f.). Desgleichen Binbt (L*Ame et le Corps 1905, S. 38 f.). 
Ich wies mehrfach auf solche Möglichkeiten hin (Tonpsych. I, Vorrede S. VII, S. loi ; 
II, S. 213. Psychologie und Erkenntnistheorie S. 504). Und bereits Lotzb benutzte mit 
Vorliebe, um die bloß symbolische Beschaffenheit der lüumlichen Vorstellungs weise zu ver- 
deutlichen, die Ersetzung des räumlichen Bildes durch das einer unräumlichen und doch 
aufs feinste abgestuften Tonwelt. Neuerdings hat man sogar die qualitativen Verhältnisse 
der Gerüche zu gleichem Zwecke herangezogen. Alles dieses hat aber vorläufig doch nur 
den Sinn und Nutzen, uns gegenüber aprio ristischen Erkenntnistheorien in physikalischen 
Dingen die wünschenswerte geistige Freiheit zu verschaffen. Praktische Anwendungen in 
der physikalischen Forschung kommen nicht in Frage. 

Mit Gesetzen psycliisclier Funktionen haben diese Erscheinunpsgesetze 
nichts zu tun. Aus den Bedingungen der Analyse und des Zusanunen- 



30 Stumpf: 

fassens, der Affimiation und Negation, des unmittelbaren und mittelbaren 
Erkennens, des Begehrens und Verabscheuens, Zwecksetzens, Vorziehens 
läßt sich keine der Eigenschaften des Farben- oder Tongebietes ableiten. 
Die Eigenschaften entstehen ja nicht durch die Betätigung jener Funk- 
tionen, lösen viehnehr die Funktionen aus und bestinmien ihre Richtung. 
Die Erscheinungen sind uns mit ihren Eigenschaften gegeben , stehen uns 
als etwas Objektives, Eigengesetzliches gegenüber, das wir nur zu be- 
schreiben und anzuerkennen haben. ^ Es kommt wohl vor, daß die Funk- 
tionen rückwirkend die Erscheinungen selbst verändern (wie z. B. dimjh 
eine konzentrierte Aufmerksamkeit die Intensität eines sehr schwachen 
Sinneseindruckes oder eines bloßen Vorstellungsinhaltes bis zu einem ge- 
wissen Grad erhöht werden kann). Aber im allgemeinen findet solche 
Rückwirkmig nicht statt, und wo sie stattfindet, hält sie sich innerhalb 
der Möglichkeiten, die durch die eigene Natur der Erscheinungen vor- 
gezeichnet sind. Wir können z. B. mit aller Anstrengung der Aufmerk- 
samkeit dem Anschauimgsraume keine neue Dimension hinzufügen, einen 
einfachen Ton nicht in zwei verwandeln, kernen Übergang zwischen Farben 
imd Tönen erfinden, nicht eiimial einen dii-ekten Übergang zwischen Blau 
imd Gelb (ohne Vemiittelung von Rot oder Grün). 

^ Vgl. Meinono, Zeitschrift für Psycliologie XXXIII, 3: >\^on Natur sind die Farben 
so wenig psychisch wie die 0]*te oder selbst die Zahlen; und so wenig Geometrie oder 
Arithmetik deshalb Psychologie ist, weil die Großen, mit denen sie operiert und deren Rela- 
tionen sie feststellt, zu diesem Ende natürlich vorgestellt werden müssen, so wenig ist es 
an und für steh bereits Psychologie, wenn man feststellt, daß die Farben eine mindestens 
dreidimensional ausgedehnte Mannigfaltigkeit ausmachen« usw. Die Subsumtion dieser 
»Farbengeometrie« und der Mathematik selbst unter den Begriff einer * Gegenstandstheorie« 
kann ich allerdings nicht glücklich finden. S. darüber unter Nr. 3. 

Was ich > Tonpsychologie« nannte, sollte keineswegs eine Phänomenologie der Töne 
sein, sondern eine »Beschreibung der psychischen Funktionen, welche durch Töne an- 
ger^ werden«. Damals übrigens erschien mir die Bildung dieses Ausdruckes bereits als 
eine gewagte Abbreviatur, nur dadurch zu rechtfertigen, daß die deutache Sprache 
derartige Zusammensetzungen gestattet, die erst durch eine Definition ihren bestimmten 
Sinn erhalten. «Psychologie des sons« könnte man nicht sagen. Eine Psychologie der 
Töne kann es eben nicht geben, nur eine solche der Tonwahrnehmungen, Tonurteile, 
Tongefühle. 

Neuerdings polemisiert A. Pfander in seiner »Einführung in die Psychologie« 1904, 
S. 43 in drastischer Foitn gegen die V^erwechslung der Psychologie mit dem Studium der 
bloßen Erscheinungen, die er als «Abfalle der physischen Welt« und in sich selbst als etwas 
Physisches bezeichnet. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 31 

Elier kann man die Strukturgesetze der Erscheinungen auf physio- 
logische Erkläningsgründe zurückfiihrbar denken. Angenommen, wir er- 
langten einmal eine sogenannte astronomische Kenntnis der Gehimprozesse, 
an die Farben, Töne usw. geknüpft sind, so müßten unter der Voraussetzung, 
daß die Erscheinungen diesen Prozessen genau parallel gehen, alle gesetz- 
lichen Verhaltungs weisen der Erscheimmgen aus jener Kenntnis ableitbar 
werden. Dahin zielende Hypothesen finden sich jetzt schon gelegentlich, 
so z. B. in (t. E. Müllers physiologischer Tlieorie der Farbenerscheinungen. 
Denkt man sich solche allseitig vollendet und erwiesen , so wünle die Phäno- 
menologie mit diesem deduktiven Unterbau zugleich eine viel größere All- 
gemeinheit und innere Verknüpfung ihrer Sätze erhalten. Ihr Gegenstand 
wäre aber nach wie vor von den Gehinivorgängen selbst verschieden, und 
sie wüinle keineswegs zu einem bloßen Kapitel der Physiologie. Denn 
wunlen auch die (fesetzlichkeiten iimerhalb der einzelnen Sinne physio- 
logisch deduzierbar, so bliebe doch die Eigenart der Qualitätenkreise 
(der Modalitätsunterschied nach IIelmholtzcus Aus<lrucksweise) unableitbar. 
Augenblicklich aber ist die Phänomenologie nicht bloß eine selbstänilige 
Wissenschaft bezüglich des Gegenstandes, son<lern auch bezüglich fast 
aller Aussagen, die über den (gegenständ gemacht werden können: sie 
können eben vorläufig nur direkt auf die Beobachtung des (iegenstandc^s 
begründet werden. 

In dieser Hinsicht ist immer noch das Geben auf Seite der Phäno- 
menologie und das Nehmen auf Seite der Physiologie. Hering hat mit Recht 
betont, daß das Erste in der Farbentheorie die Analyse und Beschreibung 
der J^scheinungen, das Zweite erst die Aufstellung von Hypothesen über die 
ihnen entsprechenden organischen Prozesse sein muß. Wenn neuerdings 
J. V. Kries diesem Weg eine gewisse Skepsis entgegenbringt \ so beziehen 
sich seine Bedenken, genau betrachtet, doch nur auf die zwingende Krall 
gewisser Ül)erlegungen , die bei der Aufstellung der Hj-pothesen mitwirken. 
Die von ilim gezogenen Schlüsse aus den Tatsachen der Farbenblindheit und 
der Helligkeits Verteilung im Spektrum auf die Netzhautprozesse nehmen 
doch prinzipiell denselben Weg. Vor allem aber liefern filr die zenti*alen 
Vorgänge bei der Sinnesempfindung und bei den Assoziations Vorgängen, 
wenn man überhaupt etwas darüber sagen will, die subjektiv beobachteten 



' W. Nagrlü Handbuch der Physiologie 111,1, S. 143 ti. u. 



32 Stumpf: 

Erscheinungen weit melir Anhaltspunkte als die experimentale Unter- 
suchung der chemischen Veränderungen oder die mikroskojnsche Erfor- 
schung der Struktui-verhältnisse in den Ganglienzellen der Gehirnrinde, 
obschon natürlich alle diese Forschungswege miteinander verbunden wor- 
den müssen. 

Demnach betrachten wii' die Phänomenologie als eine Disziplin für 
sich neben den Natur- und Geisteswissenschaften; vorausgesetzt immer, daß 
man die von diesen beiden gegebenen Definitionen zugrunde legt. Al)er 
die Trennung bedeutet auch nur eine Trennung der Aufgaben, nicht der 
Arbeit. Es gibt eine Phänomenologie, aber keinen Phänomenologen. Die 
Lösung der phänomenologischen Aufgaben wird noch auf lange hinaus oder 
allezeit Sache der Physiologen und der Expeiimentalpsychologen bleiben. 
Das Studium der obigen Fragen erfordert überall das Eingreifen des Ex- 
periments zur Veränderung der Reizeinwirkungen auf die Nerven, es er- 
fordert aber auch die beständige Verwendung psychologischer Begriffe und 
Kenntnisse. An der Verteilung der Arbeiten wird also durch die An- 
erkennung des selbständigen Gegenstandes nichts geändert. Dennoch ist 
es nützlich, sich der Verschiedenheit der spezifisch psychologischen, der 
physiologischen und der phänomenologischen Aufgaben bewußt zu bleiben. 

2. Eidologie. 

Es ergibt sich aber aus den friiheren Erwägungen^ noch eine weitere 
Aufgabengi-uppe , die ihrer Natur nach keiner der bisher erwähnten Dis- 
ziplinen zugehört: die Untersuchimg der »Gebilde«. Also die Lehre von 
den Begi'iffen, ihrem Verhältnis zu den Erscheinungen und zueinander; 
dann die Lehre von den Inbegriffen, speziell den Fonnen, worüber sich 
mancherlei allgemeine Sätze werden aufstellen lassen; weiter die Lehre 
von den Sachverhalten in allen ihren formalen Eigenschaften und gegen- 
seitigen Beziehungen, z. B. vom Unterschiede der Tatsachen und der Ge- 
setze, der unmittelbaren und mittelbaren Wahrheiten, der einfachen und 
der in verschiedener Weise zusammengesetzten Sachverhalte, vom Zu- 
sammenhang und Bedingungsverhältnis der Saehverlialte, kurz alles, was 
man in der Logik als Eigenschaften und Unterschiede von Urteilen ihrem 



* Erscheinungen und psychische Funktionen S. 28f. 



Zur Einteilunff der Wissenschaften. 33 

Inhalte nach, sowie als Schlußregeln aufzuzählen pflegt.' Endlieh aber 
auch die Lehre von den Werten, ihren allgemeinsten Klassen, ihren Zu- 
sammenhängen, ihrem System (Gütertafel). 

Die Gesamtheit dieser Untersuchungen, die Wissenschaft der Gebilde, 
der sachlichen Korrelate psychischer Funktionen, können wir als Eidologie 
bezeichnen. Der Name mag und soll an die platonische Ideenlehre er- 
innern. Die Untersuchungen decken sich in der Tat mit denen, die Plato 
im Sinne hatte und in Angriff nahm, weimgleich nicht mit seinen meta- 
physischen Folgerungen. Der gegenwärtigen Philosophie hat sich die Not- 
wendigkeit, die Gebilde sowohl von den Erscheinimgen wie von den Funk- 
tionen zu unterscheiden, am handgreiflichsten in Sachen der Logik und 
Erkenntnistheorie föhlbar gemacht. Der innere Nexus eines logischen 
Schlusses ist lediglich bedingt durch den Inhalt der Prämissen und des 
Schlußsatzes. Die Schlußregeln sind nicht Kausalgesetze der Entstehung 
und Aufeinanderfolge von Urteilsakten , sondern Strukturgesetze von Sach- 
verhalten. Die logische Notwendigkeit ist nicht identisch mit der psycho- 
logischen.* Aber auch die Probleme einer allgemeinen Wertlehre sind 
schärfer gestellt, und ihre Durchführung ist versucht worden. Ks handelt 
sich darum, ob überhaupt von unbedingt Wertvollem gesprochen werden 
kann, ob darunter bestimmte Gegenstände im früher erläuterten Sinn, etwa 
bestimmte gegenständlich betrachtete psychische Zustände (Erkenntnis, Liebe) 
zu verstehen sind, wie die Güterlehre will, oder nur formelle Eigenschaften 
psychischer Funktionen (Kants kategorischer Imperativ verlangt formale 
Übereinstimmung des WoUens mit einem allgemeinen Gesetz, Herbarts 
praktische Ideen ebenso gewisse formale Eigenschaften des Wollens); femer 
welche allgemeinste Verhältnisse zwischen Werten bestehen (primäre — ab- 
geleitete Werte, Einschluß, Antagonismus oder gegenseitige Hebung u. dgl.); 
ob es qualitativ unvergleichbare Werte gibt, wie etwa das Edle und das 
Gefällige (ICant) und unter diesen wieder spezifisch verschiedene Klassen; 
ob quantitative Bestimmungen und Vergleichungen möglich sind, selbst })ei 

* Die soeben charakterisierte Untersuchung, das Studium der inneren Struktur der 
Denkinhalte als solcher, abgesehen von den zufilligen Denkakten, ist es, was Husskrl als 
•Reine Logik* bezeichnet 

' Da in meiner Abhandlung «Psychologie und Eiicenninistheorie* dieser Unterschied 
ausdracklich hervorgehoben und die Begründung der Logik auf Psychologie abgelehnt ist 
(s. bes. S. 494f-)» >o befremdet es mich, in Heirzks Grundriß der Geschichte der Philosophie 
genau die umgekehrte Angabe Ober die Tendens dieser Abhandlung au finden. 
Pkao$.-kuior.Abh. 1906. V. 5 



34 Stumpf: 

qualitativ Iletcrogenom, und nacli \v olehon (xosiolitspunkton; welchen Sinn 
(lic Bogriffo EntwickeUing , Fortschritt l)esitzen. die offenbar auf Wert- 
begriffe gel)aut sind (IT. Rickkrt luiterschoidot nicht weniger als sieben 
Definitionen des Entwickelungsbegriflfes) usf. 

Wenn Fhanz Brentano^ den Ujiterschied von »»unmittelbar und mittelbar 
als lichtig cliarakterisiorten« (iefiihls- und Wonensgegenstanden in Ana- 
logie setzt zu dem Unterschiede der unmittelbar und mittelbar einleuch- 
tenden Wahrheiton. und wenn er demgemäß eine Art von emotioneller 
Evidenz lehrt: so zeigt schon die Möglichkeit einer solchen Auffassung 
die Verwandtschaft dieser Untersuchungen mit denen der »Reinen Logik«. 
p]s sind die inneren sachlichen Zusammenhänge, auf die in beiden Fällen 
die Frage zielt , in der Eidologie des Denkens wie des Wollens , nicht al>er 
die durch die mannigfaltigsten psychologisclien und selbst physiologischen 
Faktoren mitl)edingten Sukzessionen der Denk- und Wollenszustände im 
denkenden und wollenden Individuum. 

Die von FiriixEschen Gedanken l)eeinflußten Forscher (Rickert, Münster- 
iiERCr) pflegen fiir diese rein sachlichen Bedingungen des Denkens wie des 
Fühlens und Wollens den Ausdi'uck »überindividuelles« zu gebrauchen. Was 
wir Eidologie nennen , heißt ihnen Wissenschaft des Überindividuellen. Ich 
vermeide solche Ausdrücke, um nicht sogleich wieder metaphysische (ie- 
danken in Mitschwingung zu versetzen, von denen diese Wissenschaft zu- 
nächvSt möglichst frei bleiben muß, wie Avahr es auch sein mag, daß man 
v(m ihr aus zur Metaphysik weitergetrieben wird. 

Nun gilt aber auch hier wie bei der Phänomenologie, daß die I^Vsung 
der erwachsenden Aufgaben nicht ohne Hilfe der Naclibardisziplinen er- 
folgen kann. Das Scheuklappenrezept A^ersagt überall, wo empirische Zu- 
saunnenhänge mitwirken und nicht rein deduktive Erkenntnisse möglich 
sind. Begriffe, Inl)egriffe, Sachverhalte und Werte sind nun einmal Gebilde, 
die sich nicht irgendwo a}>gesondert in d(^r Welt oder an einem ȟbersinn- 
lichen Ort« als lur sich seiende Wesen, sondern die sich überall als spezifische 
Inhalte psychischer Funktionen finden und nur als solche luitersucht und 
beschrieben werdc^n können. Sie existieren nicht als tote Präparate, als 
Petrefakten, sondern hu Verbände des lel)endigen seelischen Daseii>s. Die 
Forderung einer Logik, Ästhetik, Ethik ohne jede Rücksicht auf Psycho- 



Vom Ursprünge sittlicher Erkenntnis 1889. 



Zur Einteikmg der Wissensdiaften. 35 

logie ist, wie man auch im übrigen die Auigab(*n dieser Wissenszweige 
bestimmen mag, schlechthin widersinnig. Weim Erkenntnistheoretiker, wie 
l>eson(lers Hussekl, gegen die Vermischung der Psychologie mit der »Reinen 
Logik« kämpfen, so haben sie nur die genetische, nicht die deskriptive Psycho- 
logie im Auge, welche letztere violmehi' gerade von Husserl in jedem Punkte 
herangezogen und zum bevorzugten Gegenstand seiner eindi-ingenden Unter- 
suchungen gemacht wird. Die Beschreibung, Unterscheidung, Ivlassifikation 
der »Akterlebnisse«, das Studium ihrer feinsten Zusanmienhänge durch- 
zieht sein ganzes Werk. Nun läßt sich freilich von der bloßen Deskription die 
genetische Psychologie doch auch nicht so vollkommen trennen ,^ wie man 
ilire Aufgaben trennen kann und soll/ Aber abgesehen davon: Psycho- 
logie ist die eine wie die andere.^ 

Und nicht allein Psychologie, auch zahlreiche andere Wissenszweige 
haben bei der Eidologie mitzuhelfen. Wie wollte man etwa eine allgc*- 
meine Theorie der Formen^ und der ästhetischen und ethisch(»u Werte auf- 
liauen ohne das umfassende Material der geschichtlichen und ethnologischen 
Bildungen? Die Wertlehre hat denn auch schon engen Anschluß mit der 
Nationalökonomie gewomien, nicht minder mit der Jurisprudenz und sozial- 
geschichtlichen Forschungen. Das Inehiandergreifen aller psychischen Funk- 
tionen und das Aufeinanderwirken psyclüscher Individuen unter den ver- 
schiedensten äußeren Bedingungen, Avie es die konkreti^n (ieisteswissen- 
schaften dai'stellen, liefert allein die Tatsachen, d(*ren sorgfaltige Ana- 
lyse, zusannnen mit der Selbstbeobachtung des Psychologen, zu den all- 
gcMueinen Begriffen und Sätzen einer Wertlehiv fuhren kann. Ebenso kann 
man ja auch (»ine induktive Logik, die reine Logik induktiver Schhiß- 
folgemngen , nicht entwickeln, außer auf Grund der Vertiefung in die tat- 

' Vgl. auch Husserl selbst 11, 6i8, 634. 

' HussxRL nennt die bloße Beschreibung der Akterlebnisse liebei* •Ph&nomenologie 
der inneren Erfahrung« (I, 212, II, 4 u. 0.), auch wohl Phinomenologie schlechtweg, utn 
desto sicherer der Verwechslung mit der genetischen Psychologie, deren Einfluß er an sich 
selbst in Hinsicht logischer Probleme als vei-derblicli empfunden, vorzubeugen. Den Aus- 
druck Phinomenologie gebrauche ich hier in anderem Sinne Und mochte • deskriptive Psycho- 
logie« f&r die bloße Beschreibung der Akterlebnisse auch darum für zweckmäßiger halten, 
weil dodi in der Tat der Gegenstand f&r die descriptive und die genetische Psychologie 
gemeinschaftlich ist, nämlich die elementaren psychischen Funktionen, und weil diese Ge* 
meinsamkeit durch die Wahl eines gänzlich verschiedenen Ausdruckes verdunkelt wird. 

' lYie ich als besondere Kille von Inbegriffen fiuse, s. Erscheinimgen und psych. 
Funktioaen S. 28 f* 

5^ 



86 Stumpf: 

sächlichen Wege der induktiven Einzelwissenschaften, mag man auch dabei 
immer zidetzt auf apriorische Grundsätze stoßen. So wahr es ist, daß 
das Seinsollende nicht zusammenfallt mit dem Seienden, so wenig kann 
doch die Welt der Werte losgelöst von der Welt der Dinge und ihrer 
empirischen Gesetze konstruiert werden. 

Man muß hier aber unterscheiden die Quellen eidologischer Erkennt- 
nisse und die eigentliche Beweisfilhrung. Ich denke, daß es sich damit 
ähnlich verhält wie mit mathematischen Sätzen. Sie werden vielfach durch 
Erfahrungen des täglichen Lebens oder durch besondere Beobachtimgen 
und Versuche der Aufmerksamkeit des Mathematikers nahegelegt. Aber 
den Beweis wird er nicht darauf stützen. Und so dürfte ein vernünftiger 
Purismus in dem einen Punkte Recht haben; daß die Schönheit einer 
Form, die Wahrheit emes Satzes, die Güte einer Willensrichtung nicht 
durch irgendwelche bloß genetische Betrachtungen bewiesen werden kann. 
Selbst wenn die ganze Menschheit gleichzeitig von einem Glauben zum an- 
deren, von einer Werthaltung zur anderen übergegangen wäre, würde daraus 
nicht folgen, daß der spätere Glaube richtiger, das spätere Fühlen reiner 
und höher wäre. Entweder kann dies überhaupt nicht bewiesen werden, 
oder es bedarf noch anderer und besonderer Prämissen, die aus einem 
innerlichen Erfassen, einer intuitiven Evidenz ihre Kraft beziehen. Das 
ist der einfache, nichtsdestoweniger bedeutsame Sinn des Protestes gegen 
Psychologismus, Historismus, Pragmatismus. Was darüber hinausgeht, be- 
deutet einen Rückfall in Fehler der aprioristisch- konstruktiven Philosophie.' 

Wieder eine besondere Frage betrifft die Darstellung der Ergebnisse. 
Wir wollen annehmen, die eidologischen Disziplinen seien bereits so ent- 
wickelt, daß es möglich wäre, ihre Begriffe und Gesetze als gesonderte 
Erkenntniskomplexe einheitlich hinzustellen (was nur für die »reine Logik« 
bis jetzt in größerem Umfange möglich ist): dann ist es sicherlich geboten, 
in solcher Darstellung die rein sachlichen Verknüpftmgen, die von einem 
zimi anderen Punkte föhren, herauszuschälen und sie von allen psychologi- 
schen, genetischen, historischen Zutaten ebenso zu sondern, wie der Mathe- 
matiker historische Erläuterungen und praktische Anwendungen von seinen 
Lehrsätzen sondern muß. Aber es ist ein Unterschied: bei der Mathematik 



^ Über das Positive wie das Negative in dieser Sache denke ich nicht anders als 
U. RicKERT. Vgl. besonders dessen Vortrag «Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft«. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 37 

bleibt eine solche Darstellung in sich verständlich und von höchstem In- 
teresse , sie ist ohne weiteres vollständig. Bei eidologischen Wissenschaften 
würde sie für sich allein weder hinreichend verständlich noch besonders 
fesselnd sein. Hier müssen in der Darstellung unbeschadet aller begrüF- 
liehen Reinheit die Bedingungen, unter denen die Gebilde in Wirklichkeit 
auftreten oder in Wirklichkeit übergeföhrt werden, beständig mitberück- 
sichtigt werden. Es möchte sich daher nicht empfehlen, Professuren der 
reinen Eidologie zu begründen. 



8. Allgemeine Verhältnislehre. 

Eine dritte Gruppe von Gegenständen, die man weder physische noch 
psychische im vorher erläuterten Sinne nennen kann, bilden die Verhält- 
nisse. Jede Wissenschaft erforscht spezifische Verhältnisse zwischen ihren 
Gegenständen oder den Teilen ihrer Gegenstände. Die entsprechenden, oft 
sehr verwickelten Verhältnisbegriflfe werden durch Defuiitionen festgelegt. 
Sie enthalten aber einfachste VerhÜtnisbegrilfe, wie Ähnlichkeit, Gleich- 
heit, Steigerung, logische und reale Abhängigkeit, Verhältnis von Ganzem 
und Teil usf. Diese BegrÜFe bedeuten weder Erscheinungen noch aus 
ihnen Erschlossenes noch psychische Fimktionen noch Gebilde. Auch die 
KANTSche Bezeichnung »Denkformen« scheint mir irreführend, da es sich 
nicht um Eigenschaften intellektueller Funktionen, um Verfahrungsweisen 
des Geistes u. dgL handelt. Die Ähnlichkeit ist nicht ein Vergleichen, 
das Ganze nicht ein Zusammenfassen, die Abhängigkeit nicht ein Abhängig- 
setzen. Vielmehr sind bestimmte ursprüngliche Verhältnisse uns in gleichem 
Sinne gegeben wie die Erscheinungen, in imd mit ihnen, oder wie die 
Funktionen (wenn es sich um Verhältnisse von Fimktionen unter sich han- 
delt), oder wie beide zusammen (wemi es sich um Verhältnisse zwischen 
beiden handelt). Sie werden mit wahrgenommen, drängen sich auf; wir 
konstatieren sie, schaffen sie aber nicht. Aus diesen ursprünglich gegebenen 
können dann erst die verwickeiteren durch Definitionen geschaffen werden. 

In vielen Fällen handelt es sich auch wohl , statt um ein Wahrnehmen, 
um ein bloßes Annehmen von Verhältnissen. Wir erschließen bestimmte 
Relationen, analog denen, die wir bereits durch Wahrnehmung an Er- 
scheinungen oder Funktionen kennen, nach gewissen Anhaltspunkten auch 
da, wo wir sie nicht direkt beobachten können, im physischen oder im 



38 Stumpf: 

unbewußt-psychischen Gebiete (natürlich auch im bewußt -psychischen, so- 
weit dieses selbst niur erschlössen wird). Aber auch da ist es nicht ein 
Schaffen, sondern nur ein Nachschaffen, ein Wirtschaften mit den jsuvor 
wahrgenommenen Verhältnissen. 

Im Hinblick auf jene allgemeinsten und einfachsten Relationsbegriffe 
entsteht nun die Aufgabe , sie vollständig 7ai bestimmen und ihren Ursprung 
wie die etwa daran geknüpfte innere Gesetzlidikeit nachzuweisen. Unter 
dem »Ursprung» sind diejenigen Erscheinujigen oder Funktionen oder Ge- 
bilde zu verstehen, deren Wahrnehmung zugleich das jeweilige Verhältnis 
mitzuerfassen gestattet. So bieten uns di(^ Erscheinungen vielföltige Ähnlich- 
keiten, Steigerungen, Verschmelzungen, Teilverhaltnisse überhaupt, die» 
Sachverhalte Verhältnisse logischer Abhängigkeit u.a., die psychischen Funk- 
tionen (w^ie ich mit Beneke glaube) Verhältnisse realer Abhängigkeit. Es 
ist nichts weiter als Konzentration des Bewußtseins auf diese Gegenstände 
erforderlich , imi konkrete Verhältnisse der genannten Art zu erfassen und 
damit die Gi-undlage fiir die Verhältnisbegriffe 7U gewinnen. 

Es ist aber auch eine wichtige Aufgabe, die Verhältnisse zwisclien 
jenen großen Gebieten selbst, Ei*scheinmigen, Funktionen, Gebilden, fest- 
zustellen. Und endlich ist es nötig, die charakteristischen einfachen Re- 
lationen aufzusuchen, die nur in einzelnen Gebieten sich finden; beispiels- 
weise zu untersuchen: ob nur innerhalb der Erscheinungen und vielleicht 
sogar nm- unter einzelnen Klassen derselben solche Verhältnisse vorkonmien, 
die die Anwendung von Größenbegriffen und von Messungen gestatten; 
ferner: ob das Verschmelzungsverhältnis, das im Tongebiet eine ftmdameii- 
tale Rolle spielt, Analoga auf anderen Gebieten hat; nicht minder: pb das 
Verhältnis von Erscheinungen und von psychischen Funktionen, die sich 
auf sie beziehen , miter irgendein anderes Verhältnis subsumierbar oder ob 
es gänzlich sui generis ist, usf. 

Diese Aufgaben können, wenn anders unsre friiheren Bestinlmungen 
zutreffen, weder der Psychologie noch der Phänomenologie noch der Eido- 
logie zufallen , sondern nur einer besonderen Wissenschaft , einer allgemeinen 
Verhältnislehre. Uiren Gegenstand bilden also die einfachsten Verhältnisse 
auf allen ITaui)tgebieten des menschliclien Erkennens. Gräzisiert . müßte 
sie Logologie heißen , wir werden aber hier den deutschen Aufdruck und 
entsprechende Umschx*eibungen in anderen Sprachen vorziehen.- Zu 0iner 
solchen Verhältnislehre haben Locke und Hume den Giimd gelegt, sie i§t 



Zar Einteilung der Wissenschaften, 39 

nouenlings von Mkixon(j, Lipps, IIusserl weitergebildet worden. Aber auch 
Xatiirforscher und Mathematiker (Ampere, II. Grassmaxn und die Vertreter 
der »Algebraischen Logik« oder »Reinen Mathematik« , zidetzt B. Russell) 
haben eine wenigstens relativ allgemeine Verhältnislehre. nSmlich för Er- 
seheinimgs- und für Begriffsverhältnisse, aufzustellen versuelit. 

Die in diesem Abschnitt erläuterten drei Wissenschaften könnte man 
in gewissem Sinn als Vorwissenschaften sowohl fiir die Natur- wie lur 
die Geisteswissenschaften bezeichnen, und zwar nicht bloß fiir di(* theo- 
retischen, sondern auch ftir die praktischen Disziplinen beider Gebiete (so 
die Wertlehre fiir die Ethik, Pädagogik, Volkswirtschaftslehre). Sie sind das 
Atrium und das Organon jeder anderen Wissenschaft, sofern der Gt'gen- 
stand einer jeden ihren Gegenstand einschließt, sofeni jede Forschung 
von Verhältnisbegriffen und - gese tzlichkeit^n Gebrauch macht und es daher. 
i<leal gesprochen , das Richtige sein würde , sich zuei-st über deren wissen- 
schaftliche Legitimation Rechenschaft zu geben. In einer idealen Enzy- 
klopädie des Wissens müßte in synthetischer Weise alles, was sich über 
Relationen zwischen beliebigen Elementen im allgemeinen sagen läßt, vor- 
ausgeschickt werden. Wer dies bewältigt hätte , würde dann mit geschärftxnu 
Blick an die Einzeldarstellungen herantreten. 

Gleichwohl würde sich dies wegen d(*r außei-ordentlichen Abstraktheit 
solcher Sätze didaktisch kaum empfehlen, und der historische Verlauf ist ja 
auch der umgekehrte. Jede Disziplin formt die fiir sie maßgebendsten zu- 
sammengesetzteren Verhältnisbegriffe zu ihrem Ilausgebi-auch, wandelt die 
Definitionen auf Gnmd genauerer Analyse oder Tatsachenkenntnis um, l)edient 
sich dabei stets implicite der allgemeinstt*n und einfachsten Relationen , oluie 
darüber zu reflektieren , imd sieht sieh erst spät durch auftauchende und immer 
wiederkehrende prinzipielle SchT\ierigkeiten zu solcher Reflexion gezwungen. 
So sind Streitigkeiten über den Kausal- und Substanzbegriff, über die matlu»- 
matischen Gnmdverhfiltnisse , über das Verhältnis der Erscheinungen und 
psychischen Funktionen , über <las zwischen erkennendem Subjekt und er- 
kanntem Objekt usw. entstanden. T^nd so wurde erst jetzt die Idee einer 
allgemeinen Verhältnislelire da und dort lebendig. 

Was man .seit Zkllek Erkenntnistheorie nennt ♦ lallt zum großen 
Teil oder ganz in den Rahmen dieser Voi-^'issenscOiaften. Nur nWVchte ich 
glauben, daß man (ganz abgesehen vcm dem F()nnelw(\s(»n ein<»s verknöclH*rt(ni 
Kantianismus) die Fragen , die in ein Organon der Wiss<»nschaften gehören. 



40 Stumpf: 

in den üblichen erkenntnistheoretischen Untersuchungen viel zu eng begrenzt 
habe. Schon dadurch , daß fast immer nur von der Erkenntnis der Außenwelt 
die Rede ist, als gäbe es nicht noch imifassendere und tiefere Probleme. 
Femer dadurch, daß die Phänomenologie in diesem Kreise ganz vernach- 
lässigt wurde, während gerade von hier aus durch genaue Erforschung des in 
den Erscheinungen immittelbar gegebenen Tatbestandes wichtigste Beiträge 
zu gewinnen sind. Denken wir nur an den Begriff der attributiven Verknüpfung 
(wie zwischen Farbe und Ausdehnung); an die Raum-, Zeit- und Bewe- 
gungserscheinungen, deren rein phänomenalistische Analyse erst klai' die 
Bedeutung der begrifflichen Umformungen zeigt, wodurch sie fiir die 
Natiu-wissenschaft verwendbar wm'den; an jene qualitative Algebra, die 
von dem Banne der räimilichen Vorstellungswelt prinzipiell befreit 
(s. S. 28) u. a. Im übrigen ist nichts dagegen zu sagen, daß man die 
drei Vorwissenschaften unter dem Namen Erkenntnistheorie zusammen- 
fasse. Auch brauchen die drei in der Durchfiihrung nicht so gesondert 
gehalten zu werden wie in der Definition, sondern können in verschiedener 
Weise in das Ganze einer organisch zusammenhängenden Darstellung ver- 
woben werden. Ja es ist sogar unmöglich, die Verhältnisse gründlich ab- 
zuhandeln, ohne beständig in die Phänomenologie und Eidologie hinüber- 
zugreifen , und umgekehri.. Hier war es uns nur wieder mn möglichst kon- 
sequente Klassifikation der Probleme selbst zu tun. 

lo neuerer Zeit spricht Meinono von »Gegenstandstheorie« in einem Sinne, der augen- 
scheinlich gleichfalls auf eine Art von Vorwissenschafl zielt. ^ AusdrQcklich betont er, daß 
die reine Erscheinungslehre nicht zur Psychologie gerechnet werden könne, daß man ferner 
»Gegenstände höherer Ordnung* unterscheiden müsse, wozu er die Verhältnisse und die 
»Objektive« (Sachverhalte) rechnet, und daß diese Gegenstände besondere Untersuchungen 
beanspruchen. Indem ich diese Übereinstimmungen, die ohne Zweifel gleich manchen 
sonstigen in dem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte der BBEKTANoschen Lehre von den 
psychischen Akten wurzeln, hervorhebe, muß ich doch bekennen, daß es mir nicht gelungen 
ist, Qber die allgemeine Definition der • Gegenstandstheorie« ins klare zu kommen. 

Unter Gegenständen versteht Meinong alles, worauf psychische Akte gerichtet sein 
können (§ i). Da aber alles, was Gegenstand irgendeines psychischen Erlebnisses sein 
kann, auch Gegenstand einer Erkenntnis sein könne, so lasse sich Gegenstandstheorie auch 

^ Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie (1904). Darin von Meinono 
selbst: »Über Gegenstandstheorie«. Die im Folgenden zitierten Paragraphenzahlen beziehen 
sich auf diese Abhandlung. Weitere Ausführungen Meinongs zur Gegenstandstheorie: Über 
die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens, 1906 (S. I3f.). Über die Stellung der Gegen- 
standstheorie im System der Wissenschailen, Ztschr. ftir Philosophie und philos. Kritik 
Bd. 129, S. 48f. 



ZfüT Einteäung der Wissenschaften. 41 

als Theorie der Erkenntnisgegenstaode definieren (§ 6). Ich mochte nun fragen : was soll 
hier eigentlich von den Erkenntnisgegenstanden festgestellt und Qber sie ausgesagt werden? 
Wenn man absieht von einer Untersuchung der einzelnen Klassen von Erkenntnisgegen- 
standen, welche doch Aufgabe anderer Wissenschaften ist, der Mineralogie, Psychologie, 
Sprachforschung usf., wenn man also nur das untersucht, was sich fiber Gegenstände als 
solche überhaupt sagen ließe, so scheint mir nichts als die Bestimmung des Gegenstands- 
begriffes selbst und die Klassifikation der Gegenstande übrigzubleiben. Phänomenologie, 
allgemeine Verfaältnislehre gehören auch schon nicht mehr zu einer Theorie der Gegenstande 
uberiiaupt, sondern behandeln besondere Klassen von Gegenständen (das Wort in dem 
weiten Sinne genommen, wie es Mri.nong tatsächlich versteht), so gut wie Mineralogie oder 
Psychologie. Jene Wissenschaft aber, die den GegenstandsbegrifT selbst und seine Arten zu 
ihi-em Gegenstande macht, wurde ich nur als ein Kapitel der Eidologie ansehen, da die 
Entstehung von «Gegenständen* aufs engste mit der von begrifflichen Gebilden zusammen- 
hängt (II.). In praxi wird uian davon in der Logik handeln. 

Wenn man Phänomenologie, Verhältnislehre, Objektivenlehre zu einer Gruppe unter 
einem Namen zusammenfaßt, so kann dies nur geschehen mit Rücksicht auf jene ihre 
eigentOmliche Stellung zu den übrigen Wissenschaften, derzufolge wir sie als Vorwissen- 
schaften bezeichneten. Auch Meinong schreibt ihnen offenbar eine ähnliche Bedeutung zu. 
Aber die Subsumtion utiter seine »Gegenstands Wissenschaft« kann ich nur für eine unglück- 
liche ansehen, da ich eben das gemeinsame Merkmal, das die Subsumtion rechtfertigen 
würde, in der Definition dieser Wissenschaft nicht zu entdecken vermag. 

MciNONG legt besonderes Gewicht darauf, daß die ganze Mathematik nur als »ein Stuck 
Gegenstandstheorie* verstanden werden könne, und daß nur mit Aufstellung dieses Begriffes 
die alte Schwierigkeit, die Mathematik im System der Wissenschaften untei*zubringen , lösbar 
erscheine (§ 2 , § 9). Dadurch würde nun freilich der neuen Wissenschaft ein imgeheures 
Königreich eingegliedert, und niemand könnte mehr an der Existenz und Berechtigung einer 
Gegenstandstlieorie zweifeln. Aber M. betrachtet sie dann doch nur als eine »spezielle 
Gegenstandstheorie*, von der er die intendieiie allgemeine Gegenstandstheorie noch 
unteracheidet (§ 10). Über diese selbst erfahren wir damit noch nichts. Meinonos Schüler 
Mallt stellt nun aber in dem gleichen Sammelwerk die Mathematik zur Gegenstandstheorie 
vielmehr in Gegensatz: diese untersuche Gegenstände gegebener Vorstellungen und Be- 
griffe, die Mathematik aber bilde und untersuche die in ihren Definitionen angenommenen 
(fingierten) Gegenstände. Die Gegenstandstheorie würde hiemach mit sämtlichen andei*en 
Wissenschaften der Mathematik gegenüberstehen und diese nicht einschließen, sondern aus- 
schließen. Die Auffassung weicht prinzipiell von der MEiNONOschen ab, wovon al)er beide 
Autoren keine Notiz nehmen. Jedenfalls fuhren so vei*schiedene Versuche, die Mathematik 
in ein Verhältnis zur Gegen Standstheorie zu bringen, nicht zu besserer Erkenntnis dieser 
letzten, sondern eher zu dem Schlüsse, daß ihr Begriff noch nicht mit genügender Klarheit 
formuliert sei. 

Gegen den Schluß von Meinonos Ausführungen wird, um Gegenstandstheorie tmd 
Metaphysik abzugrenzen, noch eine beachtenswerte Definition gegeben. »Was aus der 
Natur eines Gegenstandes, also a priori, in betreff dieses Gegenstandes erkannt werden 
kann, das gehört in die Gegenstandstheorie.* In Meinongs späteren Ausführungen tritt dieses 
Merkmal geradezu als das entscheidende auf. Danach muß allerdings die ganze Mathematik 
dazu gereclmet werden: aber eine Abgrenzung der allgemeinen gegen die spezielle Gegen- 
standstlieorie ist damit doch auch nicht gegeben. Von der Phänomenologie, die doch in 
FMloi.'hiitor.Aöh. 1906. V. 6 



42 Stumpf: 

Hinsicht ilires Gegenstandes einen festgeschlossenen und wohlabgegrcnzten Kreis von Unter- 
suchungen bildet, wurde der Gegenstandstheorie nur das Apriorische zufallen. Wieviel nun 
von phänomenologischen Ergebnissen a priori bewiesen werden kann, mag hier unerörtert 
bleibeu: — alles doch jedenfalls nicht. Somit mußte sie gespalteu werden. Der apriorische 
Teil wurde dann aber wieder nicht etwa der allgemeinen , sondern offenbar einer speziellen 
Gegenstandstheorie angehören. Also auch von der Phänomenologie bliebe für die aligemeine 
G^enstandstheorie nichts übrig. Und von jenen »heimatlosen Gegenständen«, die Meinong 
in der letzten Abhandlung (Über die Stellung usw.) für sie reklamiert, blieben nur die 
■unmöglichen Gegenstände«, denen man doch schwerlich eine selbständige Wissenschaft 
widmen wird. 

Nun ist es gewiß denkbar, daß das Gemeinschaftliche aller speziellen apriorischen Er- 
kenntnisse, d. h. die allgemeinsten apriorischen Sätze aller Wissenschaften schlechtweg, zu 
einem Ganzen vereinigt würde, wie dies in ihrer Weise die schottische Schule und Kanis 
Vernunfbkritik versucht haben. Die Aufgabe ist aber von der Logik imd Erkenntnistheorie 
doch niemals außer Auge gelassen worden; während gerade von den »Untersuchungen zur 
Gegenstandstheorie« sich bisher keine einzige damit beschäftigt. 

4. Metaphysik. 

Die VerfolgiÄig der dm'ch den Gegensatz der Erscheinungen und der 
psychischen Funktionen gegebenen Richtungslinien fuhrt zu einer letzten 
Wissenschaft, die gegenüber den Vorwissenschaften und dem Zentralstock 
als Nach Wissenschaft gelten kann : zur Metaphysik. In diesem Sinne würden 
wir fi-eilich ebensogut Metapsychik sagen können, da Psychologie eben- 
so und noch mehr ihre Voraussetzung ist wie Physik. 

Es seien die Erscheinungen in sich selbst, es seien die psychischen 
Funktionen, es seien die Gebilde, auch die Verhältnisse in imd zwischen 
diesen Gegenständen, endlich die jenseits der Erscheinungen liegenden phy- 
sischen Gegenstände besonderen Wissenschaften oder Wissenschaftsgruppen 
zugeteilt: so entsteht schließlich die Frage nach gemeinschaftlichen 
Gesetzen und nach dem einheitlichen Zusammenhang aller dieser 
vorher unterschiedenen Gegenstände. Welchen Begriffen und Ge- 
setzen läßt sich besonders das Verhältnis des Physischen zum Psychischen 
imterordnen? Welches ist femer der Begriff und das Kiiterium der Re- 
alität (denn dieser Begriff ist vor allem das Zentrum , das alle Gegenstände 
zusammenbindet, wenn er auch nicht der Gattungsbegriff fiir alle ist), und 
was ist nach dem aufzustellenden Kriterium als real anzuerkennen, Phy- 
sisches oder Psychisches oder beides oder ein unbekanntes Drittes statt 
beider? Was heißt Kausalität im physischen, im psychischen Gebiete? 
In welcher Beziehung steht das Psychische zum Gesetze der Energie imd 



Zur Einteilung der Wissensc/uiften. 43 

anderen im physischen Grebiet als allgemein gültig angesehenen Formeln? 
(Übt e^ ein allgemeines (Jesetz der Stetigkeit (Leibniz)? Läßt sich ein 
allgemeinster Begriff und lassen sich allgemeine Gesetze der zeitlichen 
Entwickelmig aufstellen, und in welchem Verhältnis stehen wieder die 
Eutwickelungen der psychischen und der physischen Welt, für welche Ge- 
biete mis beiderseits ein so reiches, aber noch keineswegs einheitlich ver- 
knüpftes Material vorliegt? Gibt es eine immanente Zweckmäßigkeit oder 
Zielstrebigkeit der Dinge? Wie ist das teleologische Problem in seiner 
allgemeinsten Form zu fassen imd zu lösen? Was hat die Objektivität und 
Identität der »Gebilde«, ihre Unabhängigkeit von den individuellen Akten, 
zu bedeuten? Wie müssen die durch den zweiten Hauptsatz der mecha- 
nischen Wärmelehre entstandenen Paradoxien in bezug auf Anfang und 
Knde des Weltprozesses behandelt werden? Wie sind die dadiux^Ii er- 
neuerten alten Antinomien betreffs Endlichkeit und Unendlichkeit von 
Raum, Zeit, Masse heute am einwandfreiesten aufzulösen? (Denn daß Kants 
lAsung nur eine Zumckschiebung war, ist leicht zu sehen.) Läßt die 
iiichteuklidische Geometrie, speziell der RiEMANNsche Raum, läßt femer die 
l-ANTORSche Mengenlehre stichhaltige Anwendmigen auf diese Probleme 
zu? Welche allgemeine Weltanschauung ergibt sich aus alledem als ge- 
tnmester Ausdruck des gegenwärtigen Standes menschlicher Wissenschaft? 
Man sieht, von allen Seiten drängen die Fragen heran, und keine 
Disziplin der reinen Vernunft kann dem menschlichen Geiste wehren, ihrer 
Klärung nachzugehen. Nicht blos eine Wissenstheorie, sondern in der 
Tat eine Welttheoiie ist es , die trotz alles Widerspruches der &kenntnis- 
kritiker unabweislich gefordert werden muß. Sie ist nicht ein aus ]\Iiß- 
verständnis des Erkenntnisbegriffes und der Erkenntnisbedingungen her- 
vorgegangenes Phantom , sondern prinzipiell genau so möglich und berechtigt 
wie jede sonstige Erkenntnis. Freilich nicht irgendeiner alten Metaphysik 
reden wir das Wort, sondern einer neuen, und nicht einem a priori kon- 
struierten, mit einem Wurf vollendeten Bau, sondern einer Erfahrungs- 
metaphysik , wie sie jede Zeit als relativen Abschluß ihres Wissens braucht. 
Weil sie an die Fort,sehritte der Einzelwissenschaften gebunden ist, setzt 
sie unter allen Wissenschaften geradezu die breiteste Erfahnuigsbasis 
voraus, ist Erfahrungswissenschaft im prägnantesten Sinne des Wortes. 
Jeder neue Aufschwimg, jede griindliche Umwälzung größerer Wissen- 
schaftsgebiete bedeutet auch für sie neue Fonlerung, wenn auch nur die 



44 Stumpf: 

allergrößten Revolutionen direkt neue metaphysisclie Gestaltungen nach 
sich ziehen: wie das Aufkommen des Kopernikanischen Systems, wie die 
Blüte der Physik seit Galilei, wie die entwickeliuigsgescliichtliche Auf- 
fassung der Organismen. Wegen dieses Abhängigkeitsverhältnisses, das 
ihrer königlichen Würde keinen Abbinich tut, haben wir Metaphysik als 
eine Nach Wissenschaft bezeichnet; wie es denn auch bei ^ndronikus von 
Rhodus wohl nicht ganz zufallig war, daß er die aristotelischen Schriften 
über die »erste Philosophie« hinter die physischen (mctA tA ♦ycikA) stellte. 
Daß die Nach Wissenschaft gleichwohl die älteste, die Vorwissenschaften 
aber die neuesten sind, dai-f niemand A\amdern, der den Gang des mensch- 
lichen Erkennens verfolgt. Das Höchste reizt zuerst den Wissenstiieb. 
Vor den sich auftüiinenden Schwierigkeiten scheut er zeitweilig zurück, 
aber die alten Fragen lassen ihm keine Ruhe. 

V. Reduktion durch Einfährang des Realitätsbegriffes. 

Die im vorigen entwickelte Gliederung nach Gegenständen nimmt 
den Gegenstandsbegriff in dem weitesten Sinne, wie er im II. Abschnitt 
erläutert ist. Vom Merkmal der Realität wird dabei abgesehen. Sie wird 
aus ebendiesem Grunde nicht jedem zusagen. Soll wirklich, wird man 
fi'agen, die alte Scheidung des Physischen und des Psychischen, statt 
überwunden zu werden, noch durch neue Glieder vermehrt werden, 
während doch Erscheinmigen nicht vorkommen ohne erscheinendes Objekt 
und ohne Subjekt, dem sie erscheinen, Gebilde aber nur als Inhalte psy- 
chischer Funktionen denkbar sind? Und soll gar noch eine Welt der 
Verhältnisse danebengestellt werden, während doch Verhältnisse nie ge- 
trennt von den Dingen und Eigenschaften vorkommen, die in Verhältnissen 
zueinander stehen? 

Hier gilt es , den allgemeinsten Begriff des Gegenstandes und den des 
realen Gegenstandes genau auseinanderzuhalten. Sobald man den letzten 
zum Einteilungsgrund nimmt, verändert sich die Konfiguration. Dann 
wird man Natur- und Geisteswissenschaften von vornherein bestimmen als 
Wissenschaften vom physisch Realen und vom psychisch Realen; oder, 
wie der parallelistische Monist sagt, vom Realen nach seiner physischen 
und von demselben Realen nach seiner psychischen Seite. Dann gibt es 
nur Eine Wissenschaft außer diesen beiden GiTippen : die von den gemein- 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 45 

schaftliclien Begriffen und Gesetzen för alles Reale schlechthin, bzw. für 
beide Seiten des Realen; welches nuiunehi* die Definition der Metaphysik 
ist. Von den Vorwissenschaflen gehören dann Phänomenologie und Eido- 
logie zur Psychologie, weil Erscheinungen und Gebilde zur psychischen 
Realität gehören ; die allgemeine Verhältnislelu-e aber bildet einen Teil der 
MetJiphysik, weil es sich um Verhaltnisse handelt, die gleichmäßig in 
beiden Gebieten oder die zwischen ihnen obwalten. 

In diesem Falle resultiert nur eine Dreiteilung. Aber es liegen hier 
oben eine Reihe von Voraussetzungen zugrunde , die bei der vorigen Glie- 
derung umgangen werden: nämlich die der Realität des Physischen, die der 
Realität des Psychischen (mag es dasselbe Reale sein oder ein verschie- 
denes), die der Unrealität der Erscheinungen und der Gebilde in sich selbst, 
endlich die der Unrealität oder unselbständigen Realität der Verhältnisse 
(in welcher Beziehung man schlechthin nichtreale Verhältnisse, die nur 
durch Denken entstehen, und solche, die in den Dingen selbst wurzeln, 
zu sclieiden pflegt). Wenn man nun die hierauf bezüglichen Fragen und 
vor allem die nach dem Realitätsbegrilfe selbst als einstimmig und defini- 
tiv beantwortet ansehen könnte, so ließe sich in der Tat unter Voraus- 
schickung der nötigen Erläuterungen die Einteilung und Definition der 
Wissenschaften in dieser Weise vornehmen und würde als einfachere den 
Vorzug verdienen. Sachlich wird so natürlich an den Gegenständen und 
Aufgaben der euizelnen Untersuchungen nichts geändert; z. B. die Erschei- 
nungslelire bleibt, was sie ist, mag sie als besondere Wissenschaft oder 
als Teil der Psychologie betrachtet werden, und so auch die übrigen. 

Sieht man die gegenwärtigen Lehrbücher der Physik, Physiologie, 
Psychologie daraufhin an, so wird man bemerken, daß sie tatsächlich oft 
ein gutes Stück Metaphysik an d(Mi Eingang stellen. Der Physiker pflegt 
es kürzer, wie eine leidige Notwendigkeit, abzumachen. Viel mehr findet 
man schon bei Physiologen (wie Verworx, Bi-ngk). Besonders aber ergehen 
sich Psychologen in ausfiihrliehen Einleitungen über diese Fragen, über 
Objekt mid Subjekt, Wesen der Seele, Verhältnis zum Leib, Parallelismus. 
Panpsychismus usf. Und zwar verfahren so nicht bloß Psychologen älterer. 
mehr abstrakter Richtung, sondern auch Experimentalpsyehologen , wie 

Ebbinchaus und ]\röNSTERBER(f. Bekanntlich hatte F. A. Lange eine »Psv- 

• 

chologie ohne Seele« verlangt und Lotze darob getadelt, daß er sogar 
seiner »Medizinischen Psycliologie« 170 Seiten Metaphysik vorausschickte. 



46 Stumpf: 

Der mehi- geistreiche als gründliche Geschichtschreiber des Materialismus 
hat mit seiner scharfen Zensur, wie man sieht, das Wiederaufleben der 
angeblichen Unart nicht verhindert. Ja die heutige Psychologie ist fast 
wie die HERBARTSche »neugegründet auf Erfahrung, Metaphysik und Mathe- 
matik«, jedenfalls noch immer mehr auf Metaphysik als auf Mathematik. 

Ob nun. diese metaphysischen Einleitungen in Lehrbüchern dui-chaus 
notwendig sind, bleibe hier dahingestellt; es wird auf die näheren Zwecke 
einer Schrift ankommen. Ich fahre sie hier nur als Beweis an, daß eine 
gegenständliche Abgi*enzung der Natur- und Geisteswissenschaften, wenn 
eine größere Zahl von Einteilungsgliedem vermieden werden soll, not- 
wendig metaphysische Erörteiningen voraussetzt, die sich mn den Realitäts- 
begriflf gruppieren. Will man solche Erörtei-ungen nicht, so muß man eben 
Psychologie als Lehre von den psychischen Funktionen erklären, und dann 
fallen Phänomenologie usw. nicht in die Psychologie und man kommt 
zur mehrgliedrigen Einteilung des vorigen Abschnittes. Sie ist voraus- 
setzungsloser. 

Daß gemeinhin bloß Natur- und Geisteswissenschaften und über ihnen 
noch allenfalls Metaphysik unterschieden werden, beweist hiemach nur 
wieder, daß eben auch das allgemeine Denken genug metai^hysische Vor- 
aussetzungen mit sich fiihrt, um die Erscheinungen ohne weiteres der 
Seele oder den Körpern und damit die Phänomenologie der Psychologie 
oder der Natiu'wissenschaft einzuftigen. 

Ich möchte hier eine noch weiter greifende Vereinfachung kurz be- 
rühren, die scheinbar gerade auf einer völligen Elimination des Realitäts- 
grifles ruht. Naturforscher, die Kant oder Schopenhauer, neuerdings auch 
wohl Mach , zum Führer gewählt haben , überraschen uns diu'ch eine merk- 
würdige Wendung. Sie schließen: da die Naturwissenschaft von den Er- 
scheinungen handle, Erscheiimngen aber etwas Psychisches seien, so sei 
überhaupt aUe Wissenschaft Psychologie.^ 

^ So namentlich Verworn in seiner «Allgemeinen Physiologie« sowie in dem Vortrag 
»Naturwissenschaft und Weltanschauung« 1904. 

Nach Mach besteht übrigens das Psychische gleicherweise wie das Physische aus an 
sich indifferenten »Elementen«; man kann daher nicht sagen, daß ihm alles psychisch sei. 
Hierin hat ihn auch Kleinpeter, Die Erkenntnistheorie der Naturforschung der Gegenwart 
(1905) S. 18 f. mißverstanden, obgleich er nicht wie Verworn die Folgerung zieht, daß alle 
Wissenschaft Psychologie sei. Da Mach den AusHihrungen der beiden ihm folgenden Autoren 
uneingeschränkten Beifall spendet, scheint er diese ihre wesentliche Abweichung nicht be- 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 47 

So hätten wir einen universalen Psychologismus, gegen welchen der 
von den Erkenntniskritiken! so stark perhorreszierte Psychologismus, der 
sich nur die Eidologie angeeignet hatte, eine Kleinigkeit wäre. Er hätte 
nicht bloß die gesamte Philosophie, sondeni auch alle übrigen Wissen- 
schaften in sich verschlungen. Nachdem man schon vom »kaudinischen 
Joche der Psychologie« gesprochen hat, darf wohl besonders konstatiert 
werden, daß dieser Gedanke nicht von Psychologen ausgegangen ist. 

Aber die erste Prämisse des Schlusses, die zu so paradoxer Folgerung 
fuhrt , ist falsch , die zweite nur bedingt richtig. Weder handelt die Natur- 
wissenschaft von Erscheinungen, noch sind Erscheinungen etwas Psychi- 
sches im Sinne der psychischen Funktionen, die den primären Gegenstand 
der Psychologie bilden. Die Naturforschung hat ihr selbständiges, von 
dem der Psychologie hinsichtlich der Objektbestimmung durchaus unab- 
hängiges, Untersuchungsgebiet. 

VL Individuelles und Allgemeines. Tatsachen- and Oesetzeswissen- 

schalten. 

I. Den Unterschied zwischen individuellen und aljgemeinen Gegen- 
ständen dürfen wir hier als gegeben hinnehmen. Worin auch immer das 
Kriterium der Individualität (Prinzip der Individuation) in den verschiedenen 
(Gebieten gesucht und in welchem Sinne überhaupt von einem solchen Kri- 
terium gesprochen werden mag: wenige werden leugnen, daß die Wahr- 
nehmung, auch die bloße Vorstelhmg und das Ux*t-eil, im physischen wie 
im psychischen Gebiet Individuelles zum Gegenstande haben kann. Zu den 
individuellen Gegenständen rechnen wir hier aber auch Gi-uppen von in- 
dividuellen (iegenständen (Kollektiva), innerhalb deren Individuen in en- 
gerem Sinn unterschieden werden können. Die Bestimmung der letzten 
Individuen unterliegt, im physischen Gebiete wenigstens , bekannten Schwie- 
rigkeiten. Für die Anhänger der Atomenlehre würde, wenn sie den Begriff 

merkt zu haben. Aus Macrs Grundanschauungen ergibt sich allerdings auch, daß zwischen 
Mineralogie und Psycltologie ein materieller Unterschied der Gegenstinde nicht besteht, 
da sowohl Naturgegenstände wie Seelent&tigkeiten für ihn nur Komplexe von Erscheinungen 
sind, und zwar von den nämlichen Erschein ungen , Farben, Gestalten, Gerfichen usf. Aber 
nicht ei^ibt sich fHr ihn, daB alles psychisch ist, und noch weniger, daß alle Wissenschaft 
auf Psychologie hioauslftuA. 



48 Stumpf: 

des Atoms in absolutem Sinne fassen, damit zugleich das Individuum im 
engsten Sinne gegeben sein, wie es ja auch das Wort selbst andeutet. Alle 
übrigen sogenannten physischen Dinge wären Kollektiva. Wer aber stetigen 
Zusammenhang der Materie annimmt, muß den Begriff in den einzelnen 
Gebieten dui-ch Definitionen festlegen , und es mag dann auch wohl das näm- 
liche, was in bezug auf höhere Kollektiva Individuum genannt wird, mit 
seinen eigenen Teilen vergliclien , Kollektivum heißen. Diese Fragen köimen 
aber hier ganz auf sich beruhen. Denn ol) man das Matterhom als In- 
dividuum oder als Kollektivum betrachte, jedenfalls ist es etwa« Indivi- 
duelles und nicht ein bloßer Begriff. 

Daß man von allgemeinen Gegenständen reden dürfe, wird nicht von 
jedem zugestanden, ist aber nicht minder einleuchtend, wenn der Ausdinick 
Gegenstand in dem weiten Sinne genommen wird, wie wir es hier ver- 
langen, und wenn man die Unmöglichkeit des Nominalismus in allen seinen 
Formen eingesehen hat.^ 

Nim kann man zwar von einem individuellen Gegenstand ein Gesetz 
behaupten. Denn wenn ich auch nur sage: »Dieser Apfel kann nicht zu- 
gleich reif und unreif sein« oder: »Dieser Apfel muß fallen, wenn sein 
Stiel durchschnitten wird«, so spreche ich damit eine Notwendigkeit, also 
ein Gesetz aus, ganz ebenso, wie wemi ich den Satz des Widerspruches 
oder das Fallgcsetz in allgemeiner Form ausspreche. Und umgekehrt kann 
man in bezug auf etwas Allgemehies eine bloße Tatsache aussprechen , z. B. 
»Ks gibt unter den Sinnesinlialten Äluilichkeiten , die nicht auf partielle 
Gleichheiten zuiiickfiihrbar sind.« Dennoch ist es gewiß, daß Wissen- 
schaften von individuellen Gegenständen wesentlich auf die Fonnulierung 
bloßer Tatsachen, Wissenschaften von allgemeinen Gegenständen aber auf 
die Formulierung von Gesetzen abzielen, wenn auch Sachverhalte der ent- 
gegengesetzten Art in beiden Fällen als notwendige Durchgangspunkte auf 
dem Wege liegen. Und so föhrt der Unterschied von individuellen und 
allgemeinen Gegenständen auf den Unterschied der Tatsachen- und der Ge- 
setzeswissenschaften. 

Den Unterschied von Tatsachen und Gesetzen selbst halte ich för einen 
durchaus scharfen, ebenso wie den von Individuellem und Allgemeinem. 



^ Ich verweise hier auf den vorzüglichen Abschnitt »Über die ideale Einheit der Spezies 
und die neueren Abstraktionstheorien« in Husserls Logischen Untersuchungen 11, io6 f. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 49 

Tatsache im weiteren Sinne heißt nach dem Sprachgebrauch jede Walirheit. 
Aber Tatsache im engeren Sinne, bloße Tatsache, ist eine Walirheit, die 
nicht Gesetz oder (was dasselbe sagt) nicht notwendig ist. Der primäre Be- 
JO^ff also , von dem aus der Unterschied zu definieren ist , ist der des Gesetzes. 
Und hier wieder ist das Primäre, wovon man ausgehen muß, das 
Logisch -Gesetzliche. Wer im Zweifel ist, ob der Ausdruck Notwendigkeit 
eine Bedeutung hat, die sich von der eines bloß als tatsächlich aner- 
kamiten Sachverhaltes unterscheidet, braucht sich nur die logischen Axiome 
zu vergegenwärtigen. Sollten ihm aber, wie einigen Neueren, diese Satze 
als bloße Definitionen, nicht als Erkenntnisse von Sachverhalten erscheinen, 
so verweisen wir auf die Erkenntnis des Zusammenhanges von Prämissen 
mit den zugehörigen Schlußsätzen in gültigen Schlüssen beliebiger Art. 
Man brauclit nur die Pi-ämissen und den Schlußsatz eines gültigen Schlusses, 
statt sie als selbständige Urteile gesondert auszusprechen, durch die Formel 
»Wenn . . ., und wenn . . ., so . . .« mit dem Sclüußsatz zu verbinden, 
so hat man ein zusaumiengesetztes Urteil, das niemand als Tautologie oder 
l)loße Definition ansehen kann , und das dennoch unmittelbare Evidenz be- 
sitzt. Z. B. »Wenn alle A B und alle B C sind, so sind auch alle A ('«. 
Diese » Folgeiningsaxiome « liegen nicht etwa selbst wieder als Prämissen 
uiis(»ren Schlüssen zugrunde (sonst hätten wh* ja eben drei Prämissen statt 
zweier, und da ihr Zusammenhang mit dem Schlußsatz wieder einen evi- 
denten Satz dai-stellt, so würden sich ins Unendliche solche versteckte Prä- 
missen herausziehen lassen , so daß jeder Einzelfall eines gültigen Schlusses 
tatsächlich unendlich viele Prämissen hätte). Vielmehr können die Folge- 
nmgsaxiome nur aus gegebenen Schlüssen nachträglich abstrahiert werden, 
wenn man seine Aufinerksamkeit auf den Zusammenhang der Vordersätze 
mit den Nachsätzen richtet und diesen Zusammenhang zum (iegenstand 
eines besonderen Urteils macht. Tut man dies aber, dann erweisen sie sich 
als Sätze, die den Charakter der logischen Notwendigkeit an sich tragen.* 



' Den Begriff der Folgeningsaxiome habe ich in dieser Weise seit 1883 in Vorlesungen 
über Logik entwickelt. Den Gedanken, daß die Schlußregel nicht selbst als Prämisse gelten 
darf, findet man aber bereits bei Bolzano in derselben Weise begründet. ( Wissen schafts- 
lehrell, 344, §199), 

Wenn man überhaupt von synthetischen Grundsätzen apriori sprechen will, so würde 
ich die Bezeichnung für diese Folgerungsaxiome in Anspruch nehmen, während die von 
Kaht angeführten Sätze teils nicht synthetisch teils nicht apriorisch teils nicht einmal 
wahr sind. 

Phio$.>hiikn. Ahh. 1906. V. 7 



50 Stumpf: 

Jeder noch so extreme Empirist gelit nicht bloß von irgend etwas 
(legebenem aus, über das er einen Streit fiir ausgeschlossen hält, sondern er 
geht auch beständig von Erkenntnissen zu anderen Erkenntnissen über, die 
er durch die ersten begründet denkt. Damit erkennt er, ohne es zu wollen 
und zu bemerken, den einleuchtenden Zusammenhang von^ Erkenntnissen 
an, den wir als logische Notweiuligkeit bezeiclmen. Damit ist das Fun- 
dament des strengen Regrifles von Notwendigkeit, von Gesetzlichkeit ge- 
geben, ohne welclien jede Theorie menscldiclien Wissens ein vergebliclies 
Bemühen bleibt. 

Von größter Wichtigkeit ist es, sich klar zu werden, daß diese Not- 
wendigkeit nicht ein blinder, von irgendweicher unbekannten Macht aus- 
geübter Zwang, sondern eine aus dem augenblicklichen Bewußtseinsinhalt 
selbst fließende, in ihm selbst wurzelnde ist; weshalb wir ein solches Ur- 
teil nicht als einen blinden (41auben, sondern als eine Einsicht bezeichnen. 
Selbstverständlich steht es, als psychischer Akt betrachtet, innerhalb des 
allgemeinen Kausalzusammenhanges, ist es die Wirkung vorausgehender realer 
Bedingungen , psychischer oder sonstweicher. Aber nicht auf diesen Kausal- 
zusammenhang kommt es hier an. Er findet sich bei falschen wie bei 
wahren Ui-teilen, bei ungültigen wie bei gültigen Schlußfolgerungen, beim 
blindesten (rlauben wie bei der hellsten Einsicht. Die Eigenschaft, um 
derentwillen wir von notwendigen Urteilen im logischen Sinne des Wortes 
sprechen, ist nicht diese j)sychol(>gische , reale Notwendigkeit. Sie ist eine 
immanente Eigenschaft des Urteils in Hinsicht seines Inhaltes, also 
des Sachverhaltes. Diesem kommt sie zu, nicht dem Urteilsakt. Darum 
und insofern sind wir auch berechtigt, sie als eine objektive, nämlich vom 
augenblicklichen individuellen Akt des Urteilens unabhängige, zu bezeichnen. 

Von diesem Urbegriffe des Notwendigen ausgehend, können wir erst den 
Begriff des Naturgesetzes oder desPhysisch-Notwendigen bilden, nicht 
aber läßt sich umgekehrt die logische Notwendigkeit aus irgendeinem realen 
gesetzlichen Zusammenhang ableiten. Wir können unter Naturgesetz nur eine 
Notwendigkeit verstehen, die in analoger Weise wie die logisch -evidenten 
Zusammenhänge aus der Sache selbst uns einleuchten würde, wenn uns 
eine apriorisch -deduktive Naturerkenntnis möglich wäre.* Tatsächlich er- 



^ Vgl. Psychologie und Erkenntnistheorie, 8. 494 f. Ich muß hier und im folgenden 
einiges aus dieser Abhandlung rekapitulieren. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 51 

seliließeii wir diese physischen Notwendigkeiten auf einem Umweg: als 
Hj-pothesen , olme welche die beobachteten Regelmäßigkeiten der Erschei- 
nungen mehr oder minder unwahrscheinlich wären. Niemand macht sich 
<*iner logischen Absurdität schuldig, der irgendein Naturgesetz, selbst das 
bestbewährte, in Abrede stellt und die sämtlichen darauf hindeutenden 
Übereinstinmiungen der Beobachtimgen dem Zufall in die Schuhe sclüebt. 
Kr riskiert nur unter Umständen gewaltige Unwahrscheinlichkeiten. Trotz- 
dem ist von dem strengen Begriff der Notwendigkeit auch ftir das phy- 
sische (iebiet nicht ein Jota abzudingen. Notwendigkeit und Sicherheit 
ist eben zweierlei. An den logischen Notwendigkeiten haben wir zugleich 
sichere, an den physischen aber wahrscheinliche Notwendigkeiten.' 

Bloße Tatsache nennen wir nun alles, was weder logisches noch 
physisches (iesetz ist, wie z.B., daß der Mond einen Durchmesser von 
468 geographischen Meilen hat, oder daß hier ein Felsblock am Wege 
liegt. Kh wäre kurzsichtig, mit dem Hinweis auf die allgemeine Not- 
wendigkeit des Naturlaufes, durch die schließlich alles Tatsächliche be- 
<Ungt sei, den Unterschied beseitigen zu wollen. Denn niemals ist eine 
Tatsaelie bloße Folge von Naturgesetzen, jedesmal gehört noch eine vor- 
ausgehende Tatsache dazu. In jedem Moment ist die Stellung der Ewle 
im Weltraum die Folge des Gravitationsgesetzes, aber nicht des (xesetzes 
allein, sondern in Verbindung mit der vorhergehenden Konstellation des 
Planetensystems. Wieweit man auch zurückgehen will, niemals wird man 
natürlich auf bloße (iosetze stoßen, niemals wird es möglich sein, aus 
einer Verknüpfung bloßer Allgemeinheiten auch nur die geruigfiigigste kon- 
krete Tatsache abzuleiten." (iesetze haben immer die Fonn: Wenn — so: 
Tatsachen sind aber Lihalte assei-torischer Urteile. Folglich gibt es in 
diesem Sinne des Wortes »Kontingentes«, und alles individuelle Dasein 
empirischer (Gegenstände zu irgendeiner Zeit ist von dieser Art. Darin sind 
Lkibniz und Desiartes vollkommen im Rechte. Man kann dabei immerhin 
dif Idee im Auge behalten, daß dieses Kontingente auf irgendeiner, viel- 
leicht nur aufweiten Umwegen definierbaren, Notwendigkeit beruhen möge 



^ über das leitende Prinzip, welches also zugleich das Prinzip der Induktion ist, 
»ielie die Untersuchung «T^ber den Begriff der roathemaUschen Wahrscheinlichkeit*, Sitzungs- 
berichte der MQnchener Akademie, Philosophisch -philologische Klasse 1892, S. 95 f. 

* Psychologie und Erkenntnistheorie 8. 496. Denselben Gedanken ftlhrt Wirdilband 
•Geschichte und Natur wissenscitaft- (1904), S. 24 f., aus. 



52 Stumpf: 

(die also noch umständlicher als das Physisch -Notwendige aus dem einzigen 
Urbegriff des Logisch -Notwendigen hergeleitet werden müßte). Für den 
gegenwärtigen Zweck ist nur die Feststellung erforderlich, daß dieses bloß 
Tatsächliche jedenfalls vom Notwendigen in der bisher erläuterten Be- 
deutung, vom Logisch- wie vom Physisch -Notwendigen, unterschieden 
werden muß, und daß es eben um dieses Unterschiedes willen, in diesem 
negativen Sinne, hier als bloß Tatsächliches bezeichnet wird. 

Ebenso umnöglich wie die Reduktion der Tatsachen auf Gesetze im 
erwähnten Smn ist aber auch die der Gesetze auf Tatsachen. Die posi- 
tivistische Auflösung der (iesetze in bloße Tatsachen involviert viel gröbere 
Illusionen als alle, die man der alten Metaphysik vorwirft. Trotz der tiefen 
Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des naturwissenschaftlichen Den- 
kens, die Ernst Machs Ausfiihrungen über die ökonomische Natur der 
physikalischen Forschungen enthalten, ist seine Behauptung, daß ein Na- 
turgesetz nicht mehr sei als ein umfassender und veixlichteter Bericht über 
Tatsachen,* logisch ganz undurchfiihrbar. So wenig ein Begi'iff eine Zu- 
sammenfassung von Individuen, so wenig ist ein Gesetz eine Zusammen- 
fassung von Tatsachen. Nicht eine einzige Tatsache ist im Gesetz ent- 
halten, geschweige eine Vielheit, da es eben stets nur ein hypothetisches, 
niemals ein thetisches Urteil ist. Andererseits können noch so viele Tat- 
sachen auch das speziellste Gesetz nicht erschöpfen. Wenn Mach die 
Formeln der Physik als bloße Abkürzungen an Stelle von ausfiihrlicheren 
Tabellen bezeichnet,^ so scheint er zu übersehen, daß solche Tabellen, 
die z. B. zu jedem Fallraum die zugehörige Fallzeit notieren würden, selbst 
schon Tabellen von Gesetzen, nicht von individuellen Ereignissen wären. 
Denn jede solche Zusammengehörigkeit wäre schon eine Regel, die sich 
in beliebig vielen Einzelfällen bewähren würde, so oft ein gleicher Fall- 
raum vorläge. Überdies würde eine solche Tabelle, da sie nur diskret 
fortschreitende Werte enthielte, nicht einmal die unendliche Zahl der im 



^ Populär -wissenschaftliche Vorlesungen 1896, S. 2 15 f. (Der Akademievortrag »Über 
die ökonomische Natur der physikalischen Forschung* datiert von 1882.) Ähnlich in allen 
seinen späteren Schriften. 

' Als Erleichterungen für das Gedächtnis hat fibrigens bereits Helmholtz (in seiner 
Rede Qber das Verhältnis der Natui*wis8enschaflen zur Gesamtheit der Wissenschaft 1862) 
die AllgemeinbegrifTe imd Gesetze hingestellt und sich sogar des nämlichen Beispiels (Brechungs- 
gesetz) bedient. Aber das Wesen des Gesetzes geht ihm doch nicht in dieser Funktion auf. 



Zur Einteilung der Wissefisdiaften, 53 

Fallgesetz enthaltenen allgemeinen Möglichkeiten erschöpfen. Folglich ist 
das Gesetz nicht eine abgekürzte Tabelle. Daß »die imposantesten Sätze 
<ler Physik, in ihre Elemente aufgelöst, sich in nichts von den beschrei- 
benden Sätzen des Naturhistorikers unterscheiden«, ist nur insofern richtig, 
als auch die sogenamiten beschreibenden Sätze des Naturhistorikers Ge- 
setze aussagen und nicht bloß Tatsächliches.' Man wird den Wert öko- 
nomischer Prinzipien fiir die Wissenschaft, wie sie schon den alten nomi- 
ualistischen Regeln: »Kntia non sunt multiplicanda praeter necessitatem « , 
• Frustra fit per plura, quod fieri potest per pauciora« und besonders dem 
Positivismus Comtes zugrunde liegen, nicht bestreiten. Aber schließlich 
gibt es auch eine Sparsamkeit, die zum Bankerott föhrt, und eine solche 
ist's, die den Begriff des Gesetzes in seinem strengen Sinn aus der Wissen- 
schaft eliminieren will. Der Unterschied von Gesetzen und bloßen Tat- 
sachen ist för unsere Erkenntnis schlechterdings unaufhebbar.^ 

2. Nun könnte man weiter fragen, ob in jeder wissenschaftlichen 
Untersuchung mid Darstellung sowohl Tatsachen als Gesetze untersuclit 
und behauptet werden, oder ob hier eine wenigstens relative Trennung 
möglich sei. Nehmen wii' einmal an, eine solclie Trenimng sei möglich 
(und sie ist es mindestens im gewissen Umfange), so ist das Entscheidende 
iur die Konstituiei-ung besonderer Wissenschaftsgruppen unter diesem Ge- 
steh tspimkt doch immer nur die Frage, ob das Interesse der Forschung 
vernünftigerweise einmal bloßen Tatsachen imd ein andei-es Mal bloßen 
Gesetzen zugewandt sein kann , und ob demgemäß mit Rücksicht auf diese 
leitenden Ziele gi-oße Wissenschaftsgruppen unterschieden werden können. 
Hätte das menschliche Gemüt, als Wurzel auch alles intellektuellen Stre- 

* Siehe unter Nr. 3 dieses Abschnittes (Strukturgesetze). 

BoLTZM ANN hftt bereits auf das wunderliche Zusammentreten hingewiesen , daß gerade, 
während die beschreibenden Naturwissenschaften sich als Gesetzes wissenschafVeo prokla- 
mierten, die Mechanik, der Typus einer Gesetzes Wissenschaft, als bloß beschreibende 
Disziplin erkÜrt wurde. Kirchhof ps berühmtes Diktum in dieser Hinsicht wird sicherlich 
ab Stimulans seinen Nutzen und seine relative Berechtigung gehabt haben; aber als richtig 
kann es nicht anerkannt werden , solange man an dem Begriff der Beschreibung als der An- 
gabe individueller Tatsachen festhält. Anders liegt die Sache, wenn Beschreibung als Dar- 
legung von Strukturgesetzen verstanden wird; in welchem Falle ja auch die Mathematik 
f*ine beschreibende Wissenschaft ist. Dann fragt es sich nur noch, ob Mechanik ganz in 
Mathematik verwandelt werden kann; was uns an dieser Stelle nicht angeht 

' Aus allgemeineren methodischen Gesichtspunkten hat Husssrl, Logische Untersuchun- 
gen I^ 192 f., das Richtige und das Verkehrte der MACHschen Okonomielehre l>es]>roclien. 



54 Stumpf: 

beiis, nie und nirgends ein Interesse daran, Gesetze und Tatsachen auf 
weite Strecken liin gesondert zu verfolgen, so würde die bloß abstrakte 
Möglichkeit einer solchen Sonderung für die Klassifikation der Wissen- 
schaften bedeutungslos sein. 

Hiennit erhält aber eine Einteilung nach diesem Gesichtspunkte zunächst 
etwas Subjektives. Nicht bloß wegen der angeborenen Geistesanlage der 
Einzelnen, sondern auch wegen der bekannten Verschiebung, die Wert- 
schätzungen durch die berufs- und gewohnheitsmäßige Beschäftigung mit einer 
Sache erleiden. Das an sich Sinn- und Bedeutungsloseste kann so Gegen- 
stand einer absoluten , bedingungslosen Wertschätzung werden. Daß diese 
Weitschätzung lucht «vernünftig« sei, pflegt der davon Aflfizierte nicht 
zuzugeben. Immerhin, durch Selbstbesinnung, durch sorgfältige Analyse 
des eigenen Bewußtseins, dui-ch Nachpiöifung der erworbenen Wertschät- 
zungen und ihrer allmählichen Entstehung läßt sich mancher bloß gewohn- 
heitsmäßigen individuellen Über- oder Unterschätzung entgegenwirken. Und 
objektiv betrachtet wird man Forschungsziele , die durch Jahi-tausende fort- 
bestehen oder innner wiederkehren, die von den unbefangensten, weit- 
l^lickendsten Geistern um ihrer selbst willen angestrebt werden, nicht als 
zufallige , durch bloße Handwerksgewöhnmig festgew^ordene Verkehrtheiten 
ansehen wollen. 

Um die Feststellung des Individuellen als solchen sehen wir nun weit- 
aus am intensivsten die Geschichtsforschung bemülit ; Geschichtsforschung 
natürlich nicht bloß im Sinne der politischen Geschichte verstanden, sondern 
auch der Philologie und aller auf Kenntnis menschlicher Vergangenheit ge- 
richteten Bestrebungen. Mit wenigen Ausnahmen zielt die Arbeit der Histo- 
riker heute noch auf das Individuelle. Ich kann dies nicht fiir einen un- 
voUkonnnenen Zustand, sondern mit Ed. Mkyer^ in der Tat nur fiir eine 
wissenschaftlich vollwertige, auf sich selbst gestellte» Forschungsrichtung 
halten , daher ihm auch nm- beipflichten , wenn er gegenüber den Tendenzen, 
auch in der Geschichtsforschung allgemeine Gesetze trotz des geringen 
bisherigen P^rtrages als Hauptsache hinzustellen, zm* alten Auffassung zu- 
rückkehrt. In das Tatsächliche, Individuelle nmß man dabei nach dem 
oben Bemerkten auch die Schicksale der Individuengruppen, Stämme, Völker, 
man muß femer den tatsächlichen Kausalzusanmienhang einschließen. 

* Zur Theorie und Methodik der Geschichte 1902. 



Zar Einteibmg der Wissenschaften. 55 

Bezüglich des letzteren entstellt allerdings die Frage, ob nicht die 
Erkenntnis eines individuellen Kausalzusammenhanges hier wie bei den 
Xaturvorgängen stets schon mit der Erkenntnis eines Gesetzes zusammen- 
falle. Bei den Xaturvorgängen wii'd niemals die Abhängigkeit dieses b 
von diesem a erkannt, ohne daß zugleich die Abhängigkeit eines solchen 
b von euiem solclien a erkannt wurde, das Gesetz also, daß immer, wenn 
ein gleicher Bedinginigskomplex a gegel>en ist, eine gleiche Folge b ein- 
tritt. Ob dies nun aui' dem historischen Gebiete sich ebenso verhält, l>rauchen 
wir hier nicht zu untersuclien; denn auch im bejahenden Falle winl doch 
die Verteilung des Interesses verschieden sein. Das Interesse des Ge- 
schichtsforschers wird in erster Linie auf den individuellen Zusammenhang 
als solchen gerichtet bleil)en , das des Naturforschers unweigerlich auf den 
allgemeinen übergehen. Daß ein Sokrates unter gleichen Umstanden not- 
wendig wieder dieselben Reden über Unsterblichkeit halten und in derseU)en 
Verfassung den Giftbecher trinken wimle, könnte vollkommen wahr sein, 
aber Interesse könnten doch mu* allgemeinere Sätze gewinnen , die von den 
individuellen Verschiedenheiten des Falles genügend absähen, um auch 
auf andere Fälle in historisch al)sehbarer Zeit anwendbar zu werden , inid 
die dabei gleichwohl j)räzis genug blieben, lun ims nicht bloß dämmenuh* 
Ahnungen, sondern wirkliche Erkenntnisse zu gewähren.* Daß mehr oder 
weniger vage Gesetzlichkeiten sich auch dem Geschichtsforscher aufdrängen 
und zu seinen intellektuellen Hochgefühlen beitragen, wird keiner bestreiten. 
Aber was an »historischen Gesetzen« mit dem Anspnu'li auf Exaktheit 
hislier aufgestellt wurdcs liat auf Besonnene eher abschreckend gewirkt. 
Dieses Fehlen beweisbarer und genauer Gesetze braucht nicht an der menscli- 
lichen Willensfreiheit zu lit»gen; es genügt vollkommen die ungelieuere Ver- 
wickelung der Kräfte und Bedingungen, um die Sachlage zu verstellen. 
Für einzelne Gebiete menschlichen Tuns, wie für die Entwickelung des 
wissenschaftlichen Denkens oder der Sprachfonnen , wo die Bedingungen 
nicht ganz so zahlreich und mannigfaltig sind wie in der politischen Gc- 



* Der Schrift Poincarks ■Wissenschaft und Hypothese- entnehme ich ein Diktiiiii 
CABLTLBSy das schf drastisch den Gegensatz bezeichnet. »Der Historiker spricht: Nur die 
Tatsache hat Bedeutung. Johann ohne Land ist hier vorbeigegangen — das ist bemerkens- 
wert, das ist eine tatsächliche Wahrheit, für die ich alle Theorien der Welt hergeben würde. 
Der Physiker dagegen : Johann ohne Land Ist hier vorbeigegangen — das ist mir sehr gleich- 
gültig , da er nicht wieder vorbeikommt.« 



5ß Stumpf: 

schichte, lassen sich daher eher Gesetzmäßigkeiten erkennen, die den obigen 
Anforderungen nähenmgs weise genügen. 

Setzen wir aber einmal den Fall, daß in der Geschichtsforschung mit 
der Zeit eine breite Liste bewiesener Gesetze entdeckt würde, die sowohl 
durch Allgemeinheit wie durch Genauigkeit mit den Naturgesetzen wett- 
eiferten und vielfache Anwendungen auf neue Einzelfälle gest^atteten. Selbst 
dann würde das selbständigem Interesse der Geschichte im alten Simie nicht 
verschwinden, nicht einmal geringer werden. Sie Avüi*de neben jener (ie- 
setzeswissenschaft als eine» unabhängige* Forschungsrichtung von höchstem 
Eigenwerte weiterbestcshen. Uie Ursache dieser Sonderstellung der Men- 
schengeschichte liegt augenscheinlich darin, daß in ilir imd nur in ihr 
alles, was uns unmittelbar wertvoll erscheint, alle Kämpfe imi diese 
Güter, alles Glücken und Mißglücken in diesen Kämpfen in zeitlicher Aus- 
breitung verwirklicht ist. Denn nirgends als im geistigen Gebiete gibt es 
fiir uns unmittelbare, wahrhaft mn ihrer selbst willen zu erstrebende Werte; 
und sie kommen nur zur Verwirklichung in der Wirksamkeit des Individuums 
innerhalb der gleichfalls individuellen historischen Gemeinschaften, in der 
Geschichte staatlicher Gebilde wie in der geschichtlichen Seite alles geistigen, 
wissenschaftlichen, religiösen, künstlerischen, wirtschaftlichen Lebens. Ül)er- 
all ist es das Einzelne als solches, an seinem Ort, in seiner Zeit und in 
seiner individuellen Verknüpfung mit dem unmittelbar Vorangelienden und 
Folgenden , das , abgesehen von allen Gesetzlichkeiten , zur Erforschung reizt 
und zwingt. Nur muß das »Einzelne« in dem Sinne verstanden werden, 
daß auch die KoUektiva darunter fallen (s. oben S. 47). Die Unzähligen, die 
die Pyramiden aufscldchteten , interessieren uns nur als Ma^sse. 

Insoweit könnte ich auch Windelhan ds Ausfuhrungen über »nomo- 
thetische und idiographische Wissenschaften«^ nur zustimmen. Wenn er 
aber diesen Gegensatz auch als den von »naturwissenschaftlichen und 
historischen Disziplinen« bezeichnet, so würde ich ihm nur mit der 
Einschränkung folgen, daß Natm'wissenschaft die glänzendsten Beispiele 
empirischer Gesetze, Geschichte das interessanteste Tatsachenmaterial dar- 
bietet. Vollends widersprechen endlich muß ich seinem Vorschlage, diesen 
Gegensatz dem zwischen Natm*- imd Geisteswissenschaften als einem min- 
destens fraglich gewordenen zu substituieren. Vielmehr müssen beide 



Geschichte und Naturwissenschaft. Straßburger Rektoratsrede 1894. 



Zur Einteilung der Wissenschaften, 57 

Untei-scheiclungen nebeneinander fortbestehen, wie sie seit Descwrtks neben- 
einander bestanden haben. Die treibenden Motive der vSubstitution , die 
WixDELUAXD angibt, kann ich als zwingende niclit anerkennen. Sie liegen 
ihm einerseits in den »Stimmungen der neuesten Philosophie« gegenüber 
d<T alten sachlichen Scheidung von Natur mid Geist, andererseits in der 
jiaturwissenscliaftlichen Wendung der gegenwärtigen Psychologie. Von der 
letzten war bei-eits die Rede, (xegenüber der ersten Krwägtmg aber halte 
ich dafiir, daß man eine Scheidung, die »in der neueren Metaphysik von 
Des<'artes und Spinoza bis zu SniELLixG und Hegel mit voller Schroffheit 
aufrechterhalten worden ist«, nicht um gewisser, keineswegs allgemein 
i^eteilter und früher oft ebenso stark vorhandener, Stimmungen willen preis- 
zugeben braucht. Mag der ersehnte Schlußeffekt imserer philosophischen 
Bestrebungen immer Monismus sein oder heißen, vorläufig ist fiir den 
nüchternen Betrachter noch nichts von einer Identität zwischen <len (ie- 
setzen elektrischer Ströme und den Gesetzen der Gedanken- und Willens- 
bildung zu entdecken. Die Einteilung der Wissenschaften soll aber unsere 
Kinsicht in die gegenwärtige Struktur des Wissens zum Ausdnurk bringen, 
nicht Hoffnungen auf eine künftige. 

Nicht einmal dies kann man behaupten, daß das Interesse der Ge- 
schichtsforschung oder gar der Geisteswissenschaften überhaupt ausschließ- 
lich auf das Individuell -Tatsächliche, das der Naturforschinig ausschließlich 
auf Gesetze gerichtet sei. Offenbar erstreben viele (ireisteswissenschaften. 
auch abgesehen von der Psychologie, gesetzliche Fonnulieiningen , und 
manchen von ihnen, wie der Nationalökonomie, ist die Auftindung solcher 
bereits geglückt, zum mindesten in der Exaktheit wie etwa der Meteoro- 
logie unter den Naturwissenschaften, teilweise sogar mit mathematischer 
Fonnidienmg.* Das Mißtrauen, das man der Geschichte im gewöhnlidien 
Sinn entgegenbringt, wenn sie nacli Gesetzen fahndet, gilt nicht in gleichem 
Maße för die Geisteswissenschaften schlechthin. Auch jene allgemeine 
WertwLssenschaft , die Windelbaxd und Rukert anerkennen,' was ist sie 



* Vgl. hierüber namentlich die akademische Antrittsrede F. Eulbnburos «Gesellschaft 
und Natur* 1905, S. 16 f. (mit besonderer Beziehung auf Rickerts Theorien). 

über die bisherigen Anwendtmgen der Mathematik auf Nationalökonomie s. die aus- 
fuhrliche Zusammenstellung von Pareto in der «Enzyklopädie der mathematischen Wissen- 
schaften« I, 1094 f. 

• Sie ist ihnen identisch mit der Philosophie der Zukunft (nach Ausschluß der Psy- 
chologie). Selbst die Prinzipien der Erkenntnistheorie sollen, da Wahrheit in erster Linie 

Philot.'hisior. Abh. 1906. F. 8 



58 Stumpf: 

anderes als eine Wissenschaft von (Tesetzen? (besetzen allerdings von 
anderer Form wie die Naturgesetze, aber doch insofern ihnen vergleich- 
bar und dem Gesetzesbegriff überhaupt subsmnierbar. als allgemeine imd 
notwendige Beziehungen darin ausgesproclien werden, nämlich Beziehung(*n 
bestimmter Willensinhalte oder Willensfonnen zu darauf gerichteten Wert- 
urteilen.^ 

Umgekehrt läßt es sich doch auch nicht vertreten, daß das Ziel des 
Naturforschers überall nui- im Allgemeinen und in den gesetzlichen Be- 
ziehungen liege. Dies gäbe ein eben so schiefes Bild der Tendenzen , wie 
sie im Geiste der meisten Naturforscher tatsächlich leben, als die fnilier 
erwähnte Beliauptung, das Allgemeine habe ihnen ausschließlich Bedeutung 
als Bindeglied zwischen Individuellem. Man kann ja auch zwei Ziele zu- 
gleich verfolgen , beide im Zusammenhang miteinander, ohne daß das eine 
ausschließlich Mittel zum anderen zu sein braucht. Bezweifeln dürfen wir 
wohl , ob die Erzählung der Erdgeschichte oder der Vesuvgeschichte , die 
Beschreibung der räumlichen Verteilung von Gesteinsarten, von Ptlanzen- 
spezies, von Fixsternen noch Gegenstand einer vernünftigen Teilnahme 
sein könnte, wenn gar keine Gesetzmäßigkeiten irgendwelcher Art darin 
ersichtlich wären, keine genetischen Erklämngen aus allgemeinen Natur- 
kräften darauf gegiaindet, auch kein Nutzen für das Leben psychischer 
Individuen dadurch erzielt würde, wenn selbst jede Möglichkeit einer künf- 
tigen Verwertung in einer dieser Richtungen ausgeschlossen wäre. Ver- 
steht man also das pragmatische Interesse in solcher Isolieining, so wiii'de 
ich allerdings sein Vorhandensein oder mindestens seine Berechtigung in 
der Naturforschung leugnen. Aber eine derartig absolute Isolierung ver- 
trägt kein Teil des menschlichen Wissens. Jeder weist zuletzt auf alle 
anderen hin. Wir können nur von einem relativ selbständigen Interesse 
an Naturtatsachen sprechen, d. h. von einer sehr konzentrierten , vertieften 
Beschäftigung mit individuellen Naturobjekten, die zwar bei reflektierender 



zu den Werten gehört, in der allgemeinen Werttlieorie befaßt sein. Da nun eine solche 
Wissenschaft offenbar keine idiographische ist, muß sie nomothetisch sein, oder es muß noch 
ein Drittes statuiert werden. Der letzte Weg scheint mir aber nicht gangbar. 

^ Fichte, dessen Ideen in der Philosophie der beiden genannten Forscher nachwirken, 
stellte die Sittengesetze sogar in vollkommene Parallele mit den Naturgesetzen. »Unsere 
Sittenlehre befiehlt nicht: ebenso wie alle Philosophie hält auch sie sich innerhalb der Ge- 
setzmäßigkeit und Notwendigkeit und beschreibet bloß, was da folget und was nicht folget.« 
Über das Wesen des Gelehrten, 5. Vorlesung. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 59 

Zergliederung der Motive auf mehr oder minder femliegende Möglichkeiten 
von Gesetzen oder von praktischen Anwendungen fuhren >^iirde, augen- 
hlicklich aber nicht vom Bewußtsein solcher Möglichkeiten begleitet ist. 
So gefaßt, wird sicli ein vernünftiges Interesse am Einzelnen als solchem 
auch im Naturge})iete nicht in Abrede stellen lassen.^ 

Demgemäß wäre es untunlicli , den Unterschied von Natur- und Geistes- 
wissenschaften geradezu durch das Merkmal des auf Gesetze und des auf 
Tatsachen gerichteten Forschungsinteresses zu definieren. Es finden sich 
sowohl Tatsachen- wie Gesetzeswissenschaften auf beiden Gebieten. Sie 
brauchen nicht verschiedene Namen zu tragen; es kaim in einer unter 
einheitlicher Bezeichnung zusanmien gefaßten Disziplin gleichzeitig oder ab- 
wechselnd die eine und andere Strömung heri'schen. Man wird dann 
durch entsprechende Epitheta den jeweiligen Charakter ausdrücken. Bei 
der Astronomie ist dies längst üblich. In ähnlicher Weise kann es ander- 
wärts geschehen , doch wird man es nicht überall nützlich finden , da eben 
das Interesse nicht überall so gleichmäßig auf Tatsachen und Gesetze vei^ 
teilt ist.* 

' Eine von William James neuerdings lebhaft befürwortete und als Pragmatismus 
bezeichnete philosophische Richtung will nur solches, das irgendeinen Wert für das Handeln 
enehen l&ßt, als würdigen Gegenstand der Forschung gelten lassen; womit also, da alle 
Praxis aufs Einzelne geht, das Interesse am Lidivlduellen in aller Wissenschaft alleinherr- 
schend werden müßte. Eine noch weitergehende Richtung, die sich eigentümlicherweise 
Humanismus nennt und von dem Engl&nder ScBaLsn geführt, von James aber gleichfalls 
hochgestellt wird, erblickt in der Nützlichkeit für das Handeln sogar das Kriterium und die 
Definition der Wahrheit. Wir haben auch in Deutschland verwandte Strömungen. Die 
pragmatische Fassung ließe sich wohl akzeptieren, wenn man nur den BegrifT des Handelns 
weit genug nimmt (nPATreiN, nicht bloß hoicTn), und wenn man sehr indirekte, entfernte Be- 
ziehungen des Wissens zum Handeln noch gelten läßt; wodurch dann freilich der Satz viel 
von smner Prägnanz einbüßt. A. Comtb hielt es noch für unnütz, die Bestandteile der Sonne 
zu erforschen, weil damit nichts f&r das Wohl der Gesellschaft gewonnen werde. Wir 
denken darüber doch jetzt anders. Was aber die »humanistische«, richtiger utilitaristische 
Wahrheitsdefinition betrifft, so scheint sie mir als solche schlechterdings unannehmbar. Für 
die Cotwickelungsgeschichte des Wahrheitsbewußtseins mag der zugrunde liegende (ledanke 
allenfalls eine gewisse Bedeutung haben, aber nicht für seine Definition. Man würde sich 
damit nur immerfort im Kreise drehen. 

* Im obigen ist auf die eingehenden Untersuchungen H. Rickeei^ (Die Grenzen der 
natorwissenschafUichen BegrifTsbildung 1896. Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft 1899. 
Der Gegenstand der Erkenntnis 1904, i. Aufl. 1892) nur insoweit Bezug genommen, als sie 
sich mit WiMDELBAMDS Grundgedanken berühren. Ich weiß wohl, daß Rickbrt den Geistes* 
Wissenschaften eine ganz andere Art von BegrifTsbildung zuschreibt als den Naturwissen- 



60 S T U M P F : 

Es liegt lii(»r auch der Grund, weshalb wir als Gegenstand der Natm-- 
forschung nicht etwa bloß die (iesetze der objektiv realen Welt, sondern 
diese selbst, die Träger dcT raunizeitliclien Gesetzlichkeiten bezeichnet 
haben (S. 16). Für die Physilc (und C-hemie) ginge das erste wohl an, 
fiir die übrigen Naturwissenschaften dagegen nicht, da ihr Interesse nun 
einmal nicht ausschließlich auf G(\s(^tze gerichtet ist. Unsere Formulierung 
trägt dem Rechnung. Auch die Physik fällt darunt(T: es ist nur der 
Unterschied, daß Physik die elementaren Träger der Gesetze eben auch 
nur wegen der Gesetze selbst braucht und das Individuell -Tatsächliche 
daran ihr gleichgültig ist, während die sonstigen Natm-wissenschaften auch 
dieses zu interessieren vemiag. 

Woher übrigens der Unterschied kommt, ist leicht einzusehen. Die 
letzten Massenteilchen eines und desselben Stoffes unterscheiden sich (liir 
unsere Erkenntnis wenigstens) nur noch durch den Ort, den sie in einem 
l^estinnnten Z(ütpunkt einnehmen. Nun wäre es ja eine an sich denkbare, 
wenn auch niemals in weiteren Grenzen ausfiilirbai-e Aufgabe, die Bewe- 
gungen eines individuellen Massenteilchens während einer bestimmten Zeit- 
dauer, sagen wir im 18. Jahrhmidert n. Chr., zu beschreiben. Aber wenn 
man sich dabei aller Angaben über die Umgebung, etwa über den Körper 
einer berühmten Persönlichkeit öder die Flüsse und Länder, die es durch- 
wanderte, enthielte und sich auf die Wiedergabe der Raumkui'ven be- 
schränkte, die es in dieser Zeit durchlief, so wüi'de niemand die Lange- 
weile einer solchen Geschichte überstehen. Erkenntnisse, die den Namen 
verdienen , müssen einen ersichtlichen Zusammenhang mit anderen Erkennt- 
nissen haben. 

Schäften und dann das unterscheidende Merkmal findet. Aber selbst wenn ich zugeben 
wollte, daß Wertbegriife für die Untei*suchung und Darstellung des geistigen Lebens im 
Mittelpunkte stellen, ja zu seiner Definition dienen können, so würde ich darin doch dicht 
einen Unterschied in der Begriüsbildung sehen, sondern nur einen Unterschied im Inhalt 
der Begriffe, also einen gegenständlichen Unterschied. Außerdem scheint es mir auf einen 
Wortstreit hinauszulaufen, wenn Kickert den Naturwissenschaften nur gesetzliche Be- 
ziehungen zuweist, das Interesse an Tatsächlichem aber, das sich auch dort findet, ein histo- 
risches nennt £s ist ein historisches, wenn man alle auf zeitlichbestimmte Individuen ge- 
richtete Forschung historisch nennt, es ist aber nicht ein liistorisches, wenn der Gegenstand 
der Geschichte unmittelbar wertvoll sein soll. Doch möchte ich auf eine nähere Diskussion 
wegen der Gefahr von Mißverständnissen meinerseits hier verzichten und verweise auf die 
sorgfältige Analyse von Dr. Frischeisen - Köhler im Archiv für systematische Philosophie XII, 
225 f., 450 f. Xlll, if. 



Zur Einteilung der Wissenscliaften. ßl 

3. Ciewisso Uiitereinteilungen der Tatsachen- und der Gesetzes- 
wisseiischafteii verdienen noch besondere Beachtung. Will man die Tat- 
.saehenwissenseliaften naeli 3Ierknial(*n , die nicht von andern Einti»ilungen 
h«*rgen(>nnnen sind, in Gruppen zcTlegen, so kann man dazu die Gesichts- 
punkte des Raumes und der Zeit l)enutzen, der »Individuationsprinzipien«, 
wenn dieser alte Ausdruck niclit mißverstanden wird: dironologische 
und diorologische Einteilung, wie sie A. IIettner vorschlagt.' Bezuglieli 
d(T Gesetzeswissenscliaften ergibt sich die Scheidung der Wissenschatten von 
besetzen der Koexist(»nz und von G(»setzen der Sukzession, wie J. St. Mill 
sich ausdi-iickte, oder von Struktur- und von Kausalgesetzen, wie man 
*iie richtiger nennen wird. 

Hierbei Ijedarf der Begriff des Strukturg(»setzes und s(»ine Selbstan- 
<lii?keit neben dem des Kausalgesetzes einer kurzcMi Erläuterung. Wir ver- 
stehen darunter gesetzliche Bezieliungen zwIscIkmi d(»n Teilen eines Ganzen. 
I)i<\se B<vJehungen können sehr verschiedenartig sein, es können aucli Al)- 
häiigigkeitsbeziehungen dazu gehören , die gh*ichwohl nicht eigentliche Kau- 
salbezi(*liung<Mi smd: woliir wii- namentlich im psychischen Gebiete Bei- 
spiele haben. Bei den Gegenständen, die aus real trennbai-en Teilen zu- 
sammengesetzt sind, wie den empirischen Körpern, schließt die Struktur 
sogar aucli eigentliche Kausalbeziehungen, Wecliselwirkiuigen zwischen den 
Teilen in sich ein. Die Struktur eines Organismus läßt sich nicIit rein 
inoii)h<)logisch unter Vermeidmig jegliclier Kausalbegrifie l)eschrei))en. Aber 
die Strukturgesetze im engeren Sinn enthalten soldie Begriffe nicht. Sie 
i>ilden eine besoiulere, nicht restlos in Kausalgesetze aullösbare Gruppe 
von Gesetzen. 

Die sogenannten beschreibenden N a t u r w i s s e n s c h a f t e n sind 
wesentlicli Wissenschaften von Strukturgesetzen. Zunächst von solchen der 
empirischen Köi^^er, d. h. der aus den Simiesersclieinungc^i direkt gel>ild(*- 
ten Gegenstände. Mineralogie, systematische Botanik und Zoologie liandeln 
wesentlich nicht etwa von individuellen GegenstÄnden, sondern von der ge- 
si'tzlichen Koexistenz bestinnnter sinnlicher Eigenschaften solcher (ieg<»n- 
stände. Räumliche Eigenschatten, l)esonders Form uml Größe des (vanzen 
und der Teile, a])er auch Farben, Töne und andere Qualitäten, sodann 



* Wesen und Methode der Geographie. Geographische Zeitschrift XI (1905). S. auch 
Preußische Jahrbucher Bd. 122, S. 269^ 



62 Stumpf: 

Kigentümliclikeiten der Bewegung, des Wachstums, der Absonderungen, 
der Form Veränderung, kurz des ganzen sinnlicli wahrnehmbaren Verhal- 
tens , koexistieren mit genügender Regelmäßigkeit , um zur Charakteristik der 
Gattungen, Arten, Varietäten der Naturgegenstände verwandt zu werden. 
Jeder Artbegriff, aber auch jcnler Varietätbegriff bedeutet ein solches em- 
pirisches Struktm'gesetz. Wenn nun aucli diese regelmäßige Koexistenz 
sinnlicher Eigenschaften, mit anderen Worten: bestimmter Wirkungen auf 
unsere Sinne, mehr und mehr aus Kausalgesetzen abgeleitet w^ird (gerade 
die Ausnahmen haben am meisten dazu getrieben, kausale Erklärungen zu 
suchen, aUe Eigenschaften einer Spezies auf ihre Lebens- und Entwicklimgs- 
bedingungen zuräckzuföhren), so muß man doch nicht glauben, daß Struk- 
turgesetze im i)hysischen Gebiet überall nur ein Provisorium seien. Viel- 
mehr müssen, wenn wir alle Kausalerklarung vollendet denken, neben den 
obersten Kausalgesetzen auch oberste Strukturgesetze übrigbleiben, und 
zwar dann nicht Regelmäßigkeiten mit Ausnalimen, sondern strenge Gesetze. 
Die letzten Eigenschaften oder Ki'äfte der Elementarteilchen werden stets 
eine Mehrheit bilden, und ihre Koexistenz muß in jedem Kausalgesetz schon 
vorausgesetzt werden. Doch kann diese Betrachtung hier auf sich beinihen. 

Daß die beschreibenden Naturwissenschaften ausschließlich gesetzliche 
Beziehungen zum Gegenstande hätten , läßt sich indessen wieder nicht be- 
haupten. Strukturgesetze bilden nur den Kern. Der Mineralog, der Bo- 
taniker kümmert sich doch auch um die Existenz bestimmter Individuen- 
gruppen an bestimmten Orten in bestimmten Zeiten. Auch die relative 
Anzahl der jeweilig existierenden Individuen ist ihm nicht unwichtig. Ja 
sogar die Beschreibung besonders merkwürdiger Individuen, typischer oder 
abnonner oder Übergangsbildungen. Der alte Ausdruck »Naturgeschichte« 
hebt die Analogie dieser Forschungsrichtung mit der Menschengeschichte 
hervor. Dies wird man zugeben , gleichwohl das wesentliche Merkmal der 
beschreibenden Naturforschung nicht darin erblicken dürfen, sondern nur 
in den Strukturgesetzlichkeiten. Hier gilt eben wieder, daß nur die Auf- 
gaben selbst sicli prinzipiell und reinlich sondern lassen, dagegen in der 
Ausfiihrung die verschiedenen Forschungsrichtungen nach Bedarf verknüpft 
werden. 

Füi' das geistige Gebiet gilt durchaus Analoges. Den empirischen 
Gesetzlichkeiten der beschreibenden Naturfbrschung vergleichen sich hier 
die sozialen und politischen Strukturgesetze. Darunter verstehen wir not- 



Zur Eirdeüung der Wissenschafien. 63 

w(*iMlige BozHiungeii zwischen den (rliedem eines zeitweilig bestehenden 
Verbandes sowie zwisclien den einzelnen, den Verband konstituierenden 
Kinrielitungen. z. B. d(»n Reclitseinriehtungen innerhalb des nämlichen Staats- 
vcrban<les. I)ies<» systematische, beschreil)ende Politik, wie man sie analog 
zu drn systematisclien Naturwissenschaften nennen kann, spielt nur darum 
i^cgenüber der auf Kausalgesetze a])zielenden eine geringere Rolle, weil die 
Koexistenz der Merkmal«*, wodurcli Art- und Gattungsbegriffe sozialer mid 
politisclier (lel)ilde gege])en werden, infolge der rasclien Wandelbarkeit des 
^<»istig-gesellschaftliclien Lebens von vornherein eine viel geringere Regel- 
mäßigkeit liesitzt. So geht die Erforschung der Sti*ukturgesetze liier rascher 
in <lie der Kausalgesetze über. Natürlich gewinnt aucli der Unterschied von 
Stnikturgesetz<'n im weiteren und engeren Sinne lüer noch verstärkte Be- 
ib'Utung: was man die Struktur einer Staatsverfassung nennt, das umschließt 
außer d(*n rein morphologischen Verhältnissen der Teile zueinander eine 
Fülle mannigfacher Aldiängigkeitsbeziehungen und Wechselwirkimgen der 
ln<lividuen. A))er wiedennn bleiben zuletzt reine Strukturgesetze innerhalb 
jimIcs Indivi<luums ü])rig, so daß auch auf geistigem Gebiet^^ die restlose Auf- 
lösung der Struktur- in Kausalgesetze undenkbar ist. 

Diese element^iren psychischen Strukturgesetze bilden von altei-s h<»r 
«inen bevorziigten Gegenstand der nur auf S(»lbstbeobachtung gegi-undeten 
I\vchologie, da die genaue Beschreibung dieser statischen Verflechtung 
irrist iger Elementarfunktionen zuletzt Grundgesetze liefern muß. Es ist 
<Ur Aufgabe der beschreibenden Psychologie.* Übrigens versteht es sicli 
auch hier, <laß die begriffliche Trennung von Beschreibung und Erklärung 



' Eine solche verlangt Dilthbt als Grundlage der Geisteswissenschaften (Einleitung in 
lue Geisteswissenschaften I, 1883, S. 41). Fr. Brentano, der in seinen Wiener Vorlesungen 
mehrfach die Psychologie mit dieser Beschränkung durchführte, nannte sie auch •Psychognosie«. 
In unseren Sitzungsberichten hat Diltbey 1894 (S. 1309 f.) ihre Aufgaben erl&utert Unter dem 
psychischen •Strukturzusammenhang* versteht auch er Struktur g es etze zwischen den Teilen 
oder Seiten des psychischen Ganzen (S. 1346). Nur den Begriff eines »teleologischen Lebens- 
Zusammenhanges* oder »Zweckzusammenhanges* mochte ich von dem des Stnikturgesetxes 
im allgemeinen getrennt halten. Diesen wende ich in gleicher Bedeutung auch auf die 
materielle Welt an, selbst auf die unorganische, ja auf die einem einzelnen Atom inne- 
wohnenden, es konstituierenden KrSfte, AfSnit&ten usw., bei denen ein Zweck- oder Wert- 
xuvammenhan^ nicht ersichtlich bt und jedenfalls nur auf sehr indirektem Wege konstruiert 
werden konnte. Mit Rücksicht dsrauf wäre der Ausdruck • Substanzgesetze« passender als 
•Stniktuiigesetze« ; doch würde er ohne sprachliche Gewaltsamkeit nur eine weniger all- 
gemeine Verwendung gestatten. 



64 Stumpf: 

in der Praxis nicht so rein durchgcfiihrt werden kann. Keine Stniktur- 
wissenscliaft kann ohne alle kausalen Untersnehnngen l)estehen und umge- 
kehrt. Besonders wenn man die Aufgabe der Strukturpsyeliologie auf die 
Besehreil)ung der aufeinanderfolgenden Kntwicklungsstadien des Seelen- 
lel)ens ei*streckt (analog etwa der Embryologie), so rückt die Frage nach 
den treibenden Kräften in unmittelbare Nähe, und solche Kräfte können 
dann natürlich auch nicht bloß innerhalb der seelischen Funktionen selbst 
gesucht werden, sondern verlangen die Mitberücksichtiginig der organischen 
Prozesse. 

Auch ist zu bemerken, daß die psychischen Strukturwissenschaften 
wie die physischen niemals reine Gesetzeswissenschaften sind, sondern die 
Dai'stellung von Tatsachen, hier also von individuellen, existierenden oder 
dagewesenen, Persönlichkeiten und Verbänden in ihr Bereich ziehen. Bei- 
spielsweise wollte des Aristoteles große Beschreibung von Staatsverfassungen 
sicher nicht bloß ErläuterungsfSlle für allgemeine Sätze vorfuhren, sondern 
zunächst über Einzelnes als solches, wie es nun einmal war, berichten. 
Aber das Gesetzliche lag dem Stagiriten gleichwohl im Sinn, und in den 
Büchern über Politik ist es herausgehoben. 

Die von uns als Phänomenologie bezeichnete Wissenschaft fuhrt streng 
innerhalb ihrer Grenzen nur zu Strukturgesetzen. Die Summe der allge- 
meinen Beziehungen der Töne zueinander, der Farben zueinander, der gleich- 
zeitig gegebenen Ersclieimmgen aller Sinne untereinander usf. ist die Struktur 
des Erscheimmgsgebietes. Geht die Phänomenologie zur Erforschung von 
Kausalgesetzen über, so mündet sie in Physik, Physiologie oder Psycho- 
logie (in letztere, sofern Kausal))eziehungen zwischen Erscheinungen und 
psychischen Funktionen angenommen werden). 

YII. Homogenes und Nichthomogenes. Mathematik. 

Die Stellung der Matln^matik im System der Wissenschaften richtig 
zu bestimmen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben. Was wir im folgenden 
darüber zu sagen versuchen , macht nicht den Anspruch , als befriedigende 
Lösung zu gelten. Die mächtige Entwickelung der mathematischen Dis- 
ziplinen , die selbst dem Fachmann die Übersicht und das Urteil erschwert, 
legt d(^m Nichtfachmaim eine starke Reserve auf. Trotzdem ward man da- 
nach streben müssen, die fachmäimisclu^n (irundlegimgen mit den Begriffen 



Zur Emteüung der Wissenschaften. 65 

und Erkenntnissen der gleichfalls fortschreitenden philosophischen Doktrinen 
in Einklang zu bringen. 

1 . Als das nächstliegende Kennzeichen, um die mathematischen Wissen- 
schaften gegen alle übrigen abzugrenzen, bietet sich die Verschiedenheit 
der Methode dar, der apriorischen gegenüber der aposteriorischen. Diese 
Unterscheidung besteht trotz der entgegenstehenden Versuche, die Mathe- 
matik den Naturwissenschaften beizugesellen, meines Erachtens zu Recht. 
J. St. Mills induktive Herleitung der mathematischen (wie der logischen) 
(irundsätze aus einer Sammlung vieler Einzelerfahrungen bewegt sich offen- 
sichtlich im Kreise. Der Hinweis aber auf die mehrfachen Geometrien, 
die durch Voraussetzung verschiedener Axiome gleichberechtigt nebenein- 
ander treten, beweist nichts weniger als die Aposteriorität der Geometrie, 
(leben wir zu, daß sie als logisch gleich widerspruchsfreie einander koor- 
diniert seien (auf welche Frage hier nicht eingegangen werden soll), so 
ist dann doch jede der nichteuklidischen Geometrien ebenso wie die eukli- 
dische aus Axiomen und Definitionen abgeleitet (bzw., wenn man mit 
Neueren nur von Definitionen sprechen will, aus bloßen Definitionen). Wir 
haben statt einer apriorischen Wissenschaft deren drei, entsprechend den 
drei verschiedenen Raumarten, aber ihr logischer Charakter ist dadurch 
in keiner Weise geändert. 

Die Methode, die Art der Beweisführung, kann also hier sehr wohl 
als ein scharfes und zutreffendes Kriterium fiir eine Scheidung der Wissen- 
schaften benutzt werden; wobei dahingestellt bleiben mag, ob noch andere 
Wissenschaften außer den mathematischen unter die Gruppe der apriori- 
schen fallen würden. Aber der Unterschied der Methoden muß doch wieder 
in einem Unterschiede der Gegenstande wurzeln, die den denkenden Geist 
im einen Falle zu dieser, im anderen zu jener Art des Aufbaues von Ur- 
teilen und Schlußfolgerungen veranlassen. Die so entstehende Frage soll 
hier nur für die Geometrie untersucht werden, da sich ihr Gegenstand 
immer noch am besten im Anschluß an den Ausgangspunkt alles Wissens, 
die Phinomene, definieren läßt, und da sie zu besonderen Streitigkeiten 
Anlaß gegeben hat. 

2. Welches ist also der Gegenstand der Geometrie? 

Es ist nicht der objektiv-reale Raum. D.h. nicht jenes hypo- 
thetische X, das wir behufs Bildung des Begriffes physischer Gegenstände 
und Au&teUung physikalischer Gesetze als unabhängig vom Bewußtsein 
Pkäo8.-hi»lmr. Ähh. 1906. F. 9 



66 Stumpf: 

existierend voraussetzen. Diesem objektiven Räume schreiben wir bestimmte 
Eigenschaften und innere Verhältnisse zu , wie sie zu den genannten Zwecken 
angemessen scheinen; und zwar entnehmen wir solche Eigenschaften und 
Verhältnisse probeweise denen des geometrischen Raumes. Aber vorher 
muß der geometrische Raum selbst im Bewußtsein gebildet und müssen 
seine immanenten Gesetzlichkeiten untersucht sein. Dies allein ist die Auf- 
gabe der Geometrie , solange sie eine einheitliche Wissenschaft bleiben soll. 

Hierüber muß vor allem Einigung erstrebt werden. Welche Beschaflfen- 
heit des Objektiven wir vorauszusetzen haben , um den Erscheinungen ge- 
recht zu werden, um physikalische Gesetze zu foi-mulieren, um daraus 
neue Erscheinungen vorherzusagen, das ist ausschließlich Angelegenheit 
des Physikers. Daß er dazu überhaupt eine Art von Raumwelt braucht 
und nicht etwa mit einer Geruchs- oder Ton weit auskommt, ist nach den 
bisherigen Erfahrungen gewiß, aber nicht a priori selbstverständlich. So 
gehört auch die Dimensionenzahl unter denselben rein empirischen Gesichts- 
punkt (wie denn Zöllner aus empirischen Gründen, freilich mit ganz falschen 
Schlüssen , die Vieraahl erweisen wollte). Andere und allgemeinere Fragen 
über den objektiven Raum sind zugleich physikalisch und metaphysisch, 
z. B. inwiefern er sich vom phänomenalen Raimi unterscheiden muß, ob 
Gründe fiir seine Endlichkeit oder Unendlichkeit sprechen u. dgl. Nichts 
von alledem fallt in das Reich geometrischer Untersuchungen. Sie lehren 
nirgends die Existenz eines Raumes oder räumlicher Gebilde, entscheiden 
nicht über Eigenschaften existierender, sondern über die gedachter, hypo- 
thetischer, durch Definitionen willkürlich erzeugter Raumgebilde. Wohl 
kami man niemand hindern, jene Aufgaben mit diesen zu verbinden. Aber 
in dem Augenblick, wo es geschieht, ändert sich mit der Fragestellung 
auch die ganze Untersuchungsweise so grund wesentlich , daß die Einheit- 
lichkeit der Wissenschaft damit verloren geht. Mehr als irgendwo hängt 
in den mathematischen Disziplinen die Einheit der Wissenschaft an der 
Einheit der Methode und die Einheit der Methode an der Einheit des 
Objektes. Und es dürfte nicht zweckmäßig sein, hiervon abzugehen. 

Hier müssen wir sogleich auf die nicht -euklidische Geometrie zurack- 
kommen. Physikalisch betrachtet müßte man die drei Geometrien (immer 
ihre gleichmäßige logische Widerspruchsfreiheit vorausgesetzt) in der Tat 
als drei mögliche Hypothesen bezeichnen, unter denen die euklidische 
sogar an innerer Wahrsclieinlichkeit unendlich gegen die beiden anderen 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 67 

zurückstände, da jede von diesen unendlich viele gleichmögliche Einzel- 
fälle einschließt und die euklidische nur den Grenzübergang zwischen den 
b<*iden Unendlichkeiten bildet. Aber die Entsdieidung über diese Hypo- 
tliesen würde eben der Physik zufallen. Die charakteristische Krünimungs- 
konstaute des objektiven Raumes wäre, wie alle sonstigen Konstanten, 
nur durch zahlreiche Messungen mit Wahrscheinlichkeit bestimmbar. Bei 
dieser physikalischen Fragestellung handelte es sich dann nicht mehr um 
die Eigenschaften und Gesetze dreier verschiedener möglicher Räume, son- 
dern um drei mögliche Eigenschaften eines und desselben Raumes , nämlich 
des vorauszusetzenden objektiven Analogons. Dies sind prinzipiell ver- 
seliiedene, aber sehr häufig dureheinandergemengte Fragestellungen. 

Geometrie im rein mathematischen Sinne (die ursprüngliche Wortbe- 
deutung kommt dabei nicht in Betracht) will nur sagen, was aus gewissen 
Bt'grüfen, wenn sie im Denken gesetzt werden, im Denken folgt, dies aber 
in der durchsichtigsten und zwingendsten Fassung sowohl der Begriffe als 
der Folgerungen, unabhängig von Feststellungen individueller Tatsachen 
und von Wahrseheinlichkeitsschlüssen aus solchen. »Physische Geometrie«' 
ist schon Physik. 

Darum fallt meines Erachtens der berühmte Versuch, die Winkel- 
summe eines großen Dreiecks durch Messung, d. h. durch Schlüsse aus 
Beobachtungen, zu ermitteln, aus dem Rahmen der Geometrie heraus. Eben- 
so scheint mir aber auch schon die Fragestellung, die zu solchem Appell 
an die Beobachtung fiihrte, keine geometrische zu sein; nämlich: ob geo- 
metrische Gebilde durch hinreichende Vergrößerung ihre Eigenschaften, 
etwa ihre Winkelsumme, verändern können, bzw. ob in solchem Falle 
\orher immerkliche Abweichungen zuletzt merklich werden können. Die 
Frage läßt sich nur fiir physische Dinge aufwerfen. Selbst da ist sie 
vielleicht nicht so einfach zu formulieren. Immerhin hauchtet ein, daß 
bei Bewegungen über große Entfernungen hin ein vorher uimierklicher Ein- 
fluß von Ki-äften auf die Bahn des bewegten Körpers in die Erscheinung 
treten kann, ebenso wie umgekehrt bei kleinen Entfernungen Kräfte auf- 
treten können, die bei großen fehlen oder uns entgehen. Aber der Geo- 
ineter als solcher hat nicht Veränderungen diu'ch Ki'äfte zu untei'sucheii. 
Seine Gebilde existieren lediglich auf Ginind ihrer Definition. Solange das 



Vgl. V. Helmboltz, Wissenschaftliche Abhandlungen, II, 648 f. 



68 Stumpf: 

Moment der absoluten Größe nicht direkt oder indirekt in die Definition 
aufgenommen ist, sind Unterschiede in dieser Beziehung irrelevant fiir die 
Beziehungen der Teile eines Gebildes imtereinander. 

Es gilt Analoges, wie för die Größe, auch für die Richtung und Lage. 
Man könnte z. B. fragen , ob es denkbar sei , daß ein räumliches Gebilde 
durch bloße Drehung um eine Achse seine Größe vei-ändere. Die Frage 
hätte Sinn wiederum nur für physische Dinge. Eine solche Veränderung 
kann hier als Folge bestimmter Kräfte eintreten. Es wären vielleicht sogar 
allgemeine Bewegungsgesetze denkbar, die das Volimaen oder die Masse 
eines bewegten Teilchens abhängig setzten von Richtungs- oder Geschwin- 
digkeitsänderungen seiner Bewegung (die Elektronenlehre fiilirte auf solche 
Vermutungen). Aber Bewegungsgesetze sind nicht geometrische Gesetze. 
Die Größe einer Geraden kann nicht von ihrer Richtung oder Lage im 
Raum abhängen, weil keine Richtung oder Lage uns hindern kann und 
darf, eine eimnal begriflflich definierte Größe als solche festzuhalten." 

Nachdem die Überzeugung allgemein geworden, daß auch die festesten 
physikalischen Gesetze, selbst die ftlschlich so genannten »physikalischen 
Axiome«, nicht geschützt sind gegen Umbildungen infolge fortschreiten- 
der Tatsachenforschung, hat man auch die geometrischen Voraussetzungen 
unter denselben Gesichtspunkt gestellt. Der Unterschied sei nur, daß sie 
bisher durch noch viel umfassendere Beobachtungen bestätigt seien als die 
mechanischen Grundgesetze. An sich spreche nichts fiir sie außer der 
Bequemlichkeit, da man es natürlich mit den einfachsten Annahmen zu- 
erst versuche. Vielleicht ist nun diese Bequemlichkeitstheorie selbst etwas 

> Natorp sagt in einem Aufsatze, dem ich in vielen Punkten zustimme (Archiv f. 
systemat. Philosophie VIT, 374): »Denkt man sich ein physikalisches Gesetz, nach welchem 
jede Verschiebung von Körpern bestimmte Änderungen der Lage- oder Maßbeziehungen der 
Körper mit sich brächte, so kostet es der reinen Geometrie gar niclits, diese Änderungen 
stets gleichzeitig wieder in Abrechnung zu bringen . . • Die Aussage über eine veränderliche 
Beziehung setzt die über die unveränderliche logisch voraus.* 

Ähnliches auch bei J. v. Kries, Über Real- und Beziehungsurteile, Vierteyahrsschrift 
f. wissensch. Philosophie XVI, S. 271 f., und bei A. Riehl, H. v. Uelhholtz in seinem Ver- 
hältnis zu Kant (1904) S. 39. Mit Riehl und Natorp kann ich nur in Hinsicht der Kant- 
schen Raumlehre nicht übereinstimmen. 

Auch ein mir bei der Korrektur soeben noch zukommender zweiter Artikel Meinongs 
»Über die Stellung der Gegenstandstheorie usw.« (vgl. oben S. 40) kommt zu Endergebnissen, 
die sich mit dem Obigen berühren oder decken. Allerdings glaube ich nicht, daß die Frage 
nach dem Parallelenaxiom durch bloße Berufung auf die Evidenz erledigt werden kann. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 69 

— bequem. Jedenfalls möchte ich aber die Parallele bestreiten. Die geo- 
metrischen Pi-inzipien (ob man sie Axiome im eigentlichsten Sinne der 
Logik, d. h. unmittelbar einleuchtende Gesetze, nennen kann, bleibe auch 
für sie dahingestellt) sind nicht, wie die mechanischen, Voraussetzungen 
über cm Verhalten objektiver Dinge. Die daraus gezogenen Folgerungen 
bedürfen daher keiner Verifikation. Das Expciiment wird gelegentlich als 
Vorläufer geometrischer Erkenntnisse benutzt (Archimei>es' Wägungen von 
Parabelsegmenten). Aber daß ein »more geometiico« bewiesener Lehrsatz 
durchs Experiment widerlegt würde, ist ausgeschlossen, nicht wegen irgend- 
einer mystisch -urewigen Würde, sondern einfach weil die Gegenstände des 
Experimentes nicht seine Gegenstände sind. 

Es ist ebenso in allen übrigen Zweigen der Mathematik. In der Wahr- 
scheinlichkeitslehre haben einige Forscher sich die Mühe genommen, das 
Gesetz der großen Zahlen experimentell nachzuprüfen. Hätten sie aber 
dabei eine größere Abweichung in der Verteilung der Fälle gefunden , als 
das Gesetz selbst vorher zu berechnen gestattete, so hätte man gleich- 
wolil nicht auf die Falschheit des Gesetzes geschlossen und ihm eine 
empirische Korrektur beigefiigt, sondern man hätte den Grund der Ab- 
weichung in den zufälligen Umstanden des Experimentes gesucht, etwa in 
ungenügend homogener Struktiu* der individuellen von jenen Forschem 
benutzten Würfel, also in einer konstant wirkenden Ursache, die in dem 
Gesetz ausgeschlossen ist.^ Analog würde man schließen , wenn Messungen 
mit geometrisch bewiesenen Lehrsätzen in Konflikt kämen. 

Auch die Ansicht, geometrische Lehrsätze könnten allenfalls nur ap- 
proximative Gültigkeit besitzen, ruht auf einer Verkennung ihres Gegen- 
standes. Genauigkeitsgrenzen gibt es nur in der Anwendung auf reale 
FäUe. Sind drei Geometrien einander koordiniert, so ist doch wieder jede 
von ihnen als solche absolut genau, die Winkelsumme des Euklidischen 
ebenen Dreiecks beträgt z. B. absolut genau 2 R.^ 



^ Vgl. Über den Begriff der mathematischea Wahrscheinlichkeit, Sitzungsber. d. MQn- 
ebener Akademie d. Wiss., Philos.-philol. Kl., 1891, S.79f. 

* Clivfobo bemerkt (Über die Ziele und Werkzeuge des wissenschaftlichen Denkens 
S.io), die Behauptung, dieses hier sei genau ein Pfund Zucker, könne Hlr den Mathe* 
matiker (zum Unterschied vom Chemiker) nur folgendes bedeuten: »Angenommen, die 
Masse des genauen Pfundes sei dargestellt durch eine Länge, sagen wir einen Fuß, abgetragen 
auf einer bestimmten Linie, so daß ein halbes Pfund duixh 6 Zoll usf. dargestellt sein wQrde; 
dann möge die Differenz zwischen der Masse des Zuckers und der des genauen Pfundes in 



_J 



70 Stumpf: . 

In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Geometrie durchaus nicht 
von der Arithmetik. Eine approximative Geometrie würde, solange wir 
(Jeometrie noch von Physik unterscheiden, nicht sinnvoller sein als die 
Behauptung, 2X2 sei nur annähernd = 4. Natürlich ist die Aufstellung 
von Annähei-ungsregeln fiir die Ausrechnung bestimmter Werte oder för 
Konstruktionen damit nicht ausgeschlossen; und es können darauf bezüg- 
liche Sätze, wie der von Legendke über kleine sphärische Dreiecke, fiir 
praktische Anwendungen von größter Wichtigkeit sein. Auch kann es sich 
empfehlen, solche Übergangsbestimmungen, die die reine mit der ange- 
wandten Geometrie verknüpfen, in den Vortrag der reinen Geometrie ein- 
zuflechtcn. Aber sachlich bilden sie doch ein fremdes Element. Daß Kon- 
ventionen wie diese: zwei Zahlen gleich zu nennen, wenn sie sich von- 
einander um weniger als eine noch so kleine vorgegebene Größe unter- 
scheiden (Weierstrass), der absoluten Genauigkeit der bestimmten auf sie 
gegründeten und sie einschließenden Lehrsätze keinen Eintrag tmi, bedarf 
nach der Natur der Konventionen nicht der Begründimg.* 

Auf Grund dieser Erwägimgen können wir der neuerdings so oft 
vertretenen Auflfassimg, Geometrie sei eine Naturwissenschaft, die sich 
mit den Eigenschaften des realen Raumes beschäftige, nicht zustimmen. 

Im übrigen kommt auch hier der Unterschied zwischen Gegenstand und 
Zweck in Betracht, dessen schon bei den Erläuterungen über die Physik 
Erwähnung geschah (oben S. 16). Wer eine »physische Geometrie« als den 



demselben Maßstab auf derselben Linie abgetragen werden: würde man nun diese Differenz 
unendlicli vielmal vergrößern, so würde sie noch immer unsichtbar bleiben.« Ich meine, dies 
sei der Sinn für einen mathematisch gebildeten Physiker oder Chemiker. Der Mathematiker 
hingegen hat als solcher mit einem Pfund Zucker schlechterdings nichts zu schafTeD. Und wer 
sieht nicht, daß der Begriff einer Differenz (sei es auch einer unendlich kleinen) zwischen dem 
Gewichte des Zuckers und dem des genauen Pfundes den Begriff des genauen Pfundes schon 
voraussetzt, daß man also die empirische mit Hilfe der idealen Genauigkeit definiert? Ks ist 
klar, daß überhaupt in allen Fällen, wo ein •annähemd« irgendeinem Begriffe beigesetzt 
wird, derBegriff, dessen Anwendung durch dieses Epitheton eingeschi-änkt werden soll, in sich 
selbst absolut genau genommen werden muß , wenn die Einschränkung einen Sinn haben soll. 
^ F. Klein unterscheidet in seinen \'orlesungen über Anwendung der Differential- 
und IntegraU'echnung auf Geometrie (1902) Präzisionsmathematik und Approximationsmathe- 
matik und fuhrt diese Unterscheidung in seiner ganzen Darstellung durch. Aber er denkt 
selbstverständlich nicht daran, die zweite an die Stelle der ersten zu setzen, bezdchnet 
vielmehr, ganz den Betrachtungen der vorigen Anmerkung entsprechend, die Präzisions- 
matfaematik als das feste Gerüste, an dem sich die Approximationsmathematik emporrankt, 
und die letztere nur als eine Angelegenheit der praktischen Anwendungen (S. 12 — 13). 



Zur Emteiiung der Wissenschaften. 71 

eigentlichen Zweck aller geometrischen Untersuchungen ansieht, wird doch 
nicht umhin können, eine rein mathematische Geometrie als umfassende 
Vorarbeit für die physische zu fordern.^ Und diese mathematische kann 
nicht durch den Zweck, sondern muß durch ihren Gegenstand definiert 
Herden. Es ist also auch fiir den, der in der reinen Geometrie keinen 
Selbstzweck sondern nur ein Mittel für physikalische, ja sogar nur fui- 
praktisch- technische Zwecke sehen wül, der Gegenstand dieser Wissenschafl 
damit noch keineswegs als ein physikalischer Gegenstand erklart. 

3. Ihr Gegenstand ist aber auch nicht der phänomenale Raum. 

Einen Augenblick könnte man wohl daran denken, Geometrie in die 
oben charakterisierte Phänomenologie einzuordnen, als Lelire von den Struk- 
turgesetzen des Erscheinungsraumes, als ein höchstentwickeltes, hybrides 
Glied jener sonst noch so jungen Disziplin. Für die übrigen mathematischen 
Fächer würde man dann, da man Zahlen und Funktionen doch nicht unter 
die Erscheinungen rechnen kann, entsprechende Plätze unter der eidologi- 
schen Gruppe suchen müssen.^ Das Gemeinsame der mathematischen Wissen- 
schaften würde freilich auf diesem Wege in den Hintergrund treten. 

Aber abgesehen davon läßt sich die Auflassung schon fiir die Geo- 
metrie in keiner Weise festhalten. Sie untersucht den phänomenalen Raum 
(ebensowenig wie den realen. Sonst müßte sie vor allem die Erschelnungs- 
raume des Tastsinnes und des Gesichtssinnes gesondert untersuchen, dann 
die Räumlichkeiten anderer Sinne, soweit auch da Analoges sich noch findet, 
sie müßte das Verhrdtnis dieser Räume zueinander bestimmen , müßte die 
Frage pmfen, ob die Erscheinungsräume nur zwei Dimensionen oder auch 
Tiefe besitzen, eventuell ob die di'itte Dimension den beiden ersten ganz 
trleichsteht, ob wir z. B. die Dicke eines Körpers anschaulich vorstellen 
können , oder ob die darauf bezuglichen Ausdrücke nur etwas Unanschau- 
liches , Begriffliches bedeuten usf. Dies alles sind Fragen der Raumphäno- 

' Wenn man verlangt, daß alle Wissenschaft sich nur mit Realem beschäftige (vgl. 
Abachnitt V), dann folgt in der Tat, daß die Geometrie der Physik als eine Vorstufe an- 
gegliedert werden muß. Sie kann dann nicht als eine selbständige Wissenschaft gelten, da 
ihr Gegenstand nidit real ist. Daß mnn sie auch nicht etwa xur Phänomenologie und mit 
dieser zur Psychologie schlagen kann, werden die sogleich folgenden Betrachtungen zeigen. 
Es ist aber überhaupt nicht selbstveratändlich , daß alle Wissenschaft von realen Gegen- 
ständen handle. 

^ Daß der Zahlbegriff mit der synthetischen Funktion zusammenhänge, scheint mir 
HossBBL in seiner »Philosophie der Arithmetik* mit Recht zu liehaupten. 



72 Stumpf: 

menologie. Und zwar beziehen sie sich natüi'lich nicht auf individuelle 
Raumerscheinungen , sondern auf Strukturgesetze der Erscheinungen. In 
sich selbst bilden sie eine wohldefinierte , wenngleich nicht ohne Physiologie 
und Funktionspsychologic durchzuföhrende , Untersuchungsgi-uppe. Nur 
gerade die Geometrie gehen sie niclits an. llir sind sie prinzipiell so 
fremd wie die Besclireibung der Klangfarben und die Klassifikation der 
Gesclimäcke. 

Der Erscheinmigsrauni besitzt demi auch tatsächlich nicht die Homo- 
geneität, die der Geometer verlangt. Er ist ferner begrenzt, und zwar sehr 
unregelmäßig begrenzt, beim Gesichts- wie beim Tastsinn; und dies ändei-t 
sich nicht etwa, wenn man die Erscheinungen zweiter Ordnung, die Li- 
halte anschaulicher Phantasievorstellungen, dazunimmt. Er erfüllt auch 
nicht die Forderung »fi-eier Beweglichkeit« (genauer ausgedrückt: der Ver- 
gleichbarkeit der Gebilde unabhängig von Lage und Richtung), insofern 
z. B. ein auf eine Ecke gestelltes Quadrat als Ei'scheinung wesentlich mo- 
difiziert ist.* Oben und Unten, Rechts und Links sind im Erscheinungsraum 
absolute, unvertauschbai-e Unterschiede. Der Erscheinungsraum hat einen 
absoluten Mittelpunkt. Usw.^ 



^ Wir mögen wohl auf Grund von Reflexionen die Erscheinung vor und nach der 
Umstellung als gleich bezeichnen, nachdem wir nämlich auf indirektem Weg uns überzeugt 
haben, daß der objektive Gegenstand derselbe geblieben, daß er nach wie vor rechtwinklig 
ist. Aber die Erscheinungen in sich selbst sind sehr ungleichartig, und ebendaher ruhi*t auch 
die ungleiche Art, wie das Urteil über den Gegenstand sich bildet. Was wir unmittelbar 
als rechtwinklig beurteilen, existiert eigentlich nur dann in der Erscheinung, wenn die Winkel 
durch senkrechte und horizontale Linien gebildet werden. 

' Hierzu vgl. Mach, Erkenntnis und Irrtum S. 33if.: »Der physiologische Raum im 
Gegensatz zum metrischen«. Ich würde jedoch nicht so weit gehen, zu sogen, daß der 
physiologische (phänomenale) Raum überhaupt nicht metrisch , daß er etwas Qualitatives sei. 
Er läßt in sich selbst doch gewisse, wenn auch nicht mathematisch exakte, <|uantitative 
Streckenvergleichungen zu. Es scheint hier Machs frühere Ansicht nachzuwirken, wonach 
der Erscheinungsraum nichts anderes wäre als eine Summe von Innervationsempfindungen. 
Auch darin konnte ich Mach nicht beistimmen, daß er (S. 370) im begrifflich - metrischen 
Räume keine Untei*schiede der Richtung mehr anerkennt und darum den Richtungsbegriff 
für geometrische Definitionen als unbrauchbar erklärt. Rieh tungsunterscfaiede können ebenso 
wie Großenunterschiede (bzw. -Verhältnisse) erhalten bleiben, auch wenn die absoluten 
Richtungen und absoluten Größen des Erscheinungsraumes getilgt sind. 

Man muß sich bei dieser Frage ferner davor hüten, die Unterschiede in den Maß- 
verh&ltnissen eines objektiven Gegenstandes gegenüber den Maßverhältnissen seiner optischen 
Erscheinung bereits als Beweis für einen Unterschied des geometrischen (und des aus diesem 
gebildeten objektiven) Raumes vom Erscheinungsraum anzusehen. Die Verzerrungen der 



Zur Evnteüung der Wissenschaflen. 73 

4. Alle diese irdischen Mängel oder Vorzüge (Mangel vom geometri- 
schen, Voraüge vom praktischen Standpunkte) sind im geometrischen Räume 
U'J'tilgt. Er Ist in Anbetracht dessen überliaupt keine Anschauung, weder 
im Sinn eines empirischen Anschammgsinhaltes noch einer apriorischen An- 
•^chauungsform , sondern er ist ein aus dem empirischen Anschauungsinhalte 
dun*li Definitionen gebildeter Gegenstand. Für ihn ist die Dimensionenzahl, 
zwei, drei oder mehr, etwas Zufölliges. Für ihn gibt es kein Rechts und 
Links, sondern nur etwa eine Plus- und Minusseite in bezug auf einen 
Punkt einer Geraden, die miteinander vertauschbar sind und mit der I^ge 
dieser Geraden selbst nichts zu tun haben. Wesentlich dagegen sind ihm 
ifewisse Postulate, darunter in erster Linie die absolute Homogeneität aller 
Teile und die Stetigkeit. 

Hiermit entsteht nun freilich die Forderung befi-iedigender Erläuterungen 
dieser Begriffe. Man kann dazu zwei Wege einschlagen: indem man ent- 
winler durch Zergliederung der in den geometrischen Lehrsätzen enthaltenen 
Begriffe, durch Reduktion auf möglichst wenige Grundbegi'iffe und durch 
möglichste Verallgemeinenmg dieser Grundbegi'iffe die Kombination relativ 
<'iufachster Merkmale feststellt , mit denen der Geometer t^t«fichlich arbeitet 
(diesen analytisch-regressiven Weg pflegen die Mathematiker zu beschreiten), 
«nler indem man von der Wurzel ausgeht, aus der sicherlich unsre geo- 
metrische Begi-iffsbildung ihren Ausgang genommen hat, von dem Erschei- 
nungsraum, imd nun die begrifflichen Operationen aufzeigt, wodurch hiei'- 
aus der geometrische Raum bzw. die geometrischen Raumgebilde entstehen.' 



optischen Ersclieiming g^enilber der wirklichen Gestalt des äußeren Gegenstandes bedeuten 
nicht ohne weiteres eine inhomogene Beschaffenheit des Erscheinungsraumes in sich selbst 
lo dem Falle des auf die Ecke gestellten Quadrates darf man daher auch nicht etwa 
üts Gewicht darauf legen, daß das wirkliche Quadrat jetzt nicht mehr ohne weiteres als ein 
Quadrat zu erkennen sei, während dies beim Quadrat mit horizontaler Basis der Fall sei. 
Vielmehr muß der Beweis für die Verschiedenheit des phänomenalen vom geometrisch -physi- 
kalischen Raum einzig darauf gestützt werden, daß überhaupt Linien, die das Gesichtsfeld 
schrig durchschneiden, als Raumempfindungen niemals solchen, die es horizontal und vertikal 
dorchachneiden, gleich sind, einerlei von welchen Objekten sie herrühren, von gleichen oder 
von ungleichen. 

' Auch Betrachtungen, wie sie Mach über die historische Entstehung geometrischer 
SUze und Methoden anstellt (a. a. O. S. 347 f.), sind für diese Untersuchungsrichtung lehr- 
reich , obwohl wir im Folgenden nicht die geschichtlichen Entwickelungen selbst, sondern 
die psydiologischen und logischen Prozesse im Auge haben , die sich In jedem der Geometrie 
Beflissenen aufs Neue abspielen. 

FUfoff.-AtfAir. Abk. 1906. V. 10 



74 Stumpf: 

T)ns Fnielitliarste wixro dio Vorl)in(luiig l^eider We^e. Solange wir al)er 
noch des gloichiuäßig und umfflsscnd geschulten Kopfes haiTen, der hierzu 
im Stande wäre, wenden immer Diskrepanzen in Hinsicht der geometrischen 
Prinzipien fragen bestehen hleiben. 

Gehen wir den letzten, dem Psychologen näher liegenden Weg. so ist 
soviel sicher, daß der geometrische Körper im Bewußtsein früher da ist 
als Fläche. Linie, Punkt, und daß er aus der Vorstellung des physischen 
Körpers entsteht, wie sie dur(*h das gemeine Leben bei allen normalen 
Mensclien entwickelt wii-d. Der erste Schritt muß in der Abstreifung alles 
Qualitativen durcli die Abstraktion liegen. Die Farbigkeits- und Hellig- 
keitsmerkmale, eb(aiso die Berührungsqualität beim Tastsinne, sind in d(^r 
anschaulichen Erscheimmg imzertrennlich mit den Kaumeigenschaften ver- 
l)unden. Folgli(»h wird schon durch dieses Abschen die Vorstellung eine 
unanschauliche, ein Abstraktum. Ein Allgemeinbegriflf ist dies Abstraktum 
noch nicht eo ipso, doch ist damit auch die unmittelbare Gnmdlage der 
Begriffsbildung gegeben. f]s wird ferner abgesehen von allen sonstigen 
Verschiedenheiten empirischer Köii)er, der Dichtigkeit, den Aggregatzu- 
ständen , dem Widerstand gegen Muskelarbeit und gegen Eindringen anderer 
Köq^er usf. So bleibt nur die allgemeine Fonn der Ausdehnung übrig, 
(ün abstraktes Schema, wie es Kant bei seinen Thesen über die »reine 
Anschauimgsform des Raumes« im Siniu^ hatte: nur daß von einem Apriori, 
solange wir nicht zu Urteilen ül^ergehen, in keiner Weise gesprochen 
Averden kann. Die Teile dieses Ramnes sind nunmehr unter sich absolut 
liomogen, d.h. wir entschließen uns e])en, von allen anderen Unterschieden 
abzusehen als denen, die durch das Nebcneinanderliegen selbst gegeben 
sind, den örtlichen.^ 

Daß diese Teile Stetigkeit besitzen und daß sie aneinandergrenzen, 
also der Raum ein stetiges Ganzes bildet, ist, wie mir scheint, nicht eine 
besonders hinzukommende Forderung oder Voraussetzung, sondern eine aus 



^ Hiermit möchte ich nicht ausscliließen , daß es mehrere unabhängige Veränderungs- 
weisen eines bestimmten räumlichen Gebildes geben kann, wie die Veränderung einer Ge- 
raden nach Große und Richtung. Beide Vei änderungen fallen doch unter den gemeinschaft- 
lichen Begriff von örtlichen Veränderungen , von Unterschieden des Nebeneinander. Immer- 
liin ist es begreiflich, daß man vei-sucht, den Richtungsbegriff zu eliminieren und mit bloßen 
Größenuntei'schieden auszukouunen. Die tiefste Wurzel des Streites um die nichteuklidische 
Geometrie liegt in der Frage, ob eine solche Elimination des Richtungsbegriffes streng mög- 
lich ist oder ob er nicht doch versteckt irgendwo wiedereingeführt wird. 



Zur Einteilung der Wissenschaften, 75 

iler Natur dieses bestimniteu abstrakten Vorstellungsiiilialtes schon fließende, 
mit ilir unweigerlich gegebene Eigenschaft. Wir können sagen , die Stetig- 
ki*it wei-de dui'ch <hMikende Yergegenwärtigung desselben unmittelbar ei*- 
kannt. Dies neinien wir eine intuitive oder unmittelbar apriorisclie Er- 
kenntnis. Ein Erfalirungswissen , das sich in allgemeinen Sätzen ausspirchen 
Ueße, ergibt sieh niemals aus bloßer Vertiefimg in die Natur des Voi-^ 
Stellungsinhalts; es kann nur durch Schlüsse (Wahi'scheinlichkeitsschlilsse) 
aus der Wiederholung bestinnnter Wahrnehnmngen abgeleitet werdeji. hi 
unserem Falle dagegen spielt die Anzahl der Beobachtungen keine Rolle. 
Hier beginnt also, mit dem Eintreten von Urteilen, die dem Räume ge- 
wisse EigenscliJiften zuerkennen, zugleich das Apriorische, üb man es syn- 
thetisch- oder analytisch -apriori nennen soll, kmni hier dahingestellt bleiben; 
da aber die Eigenschaft als in der Natur des Voi"stellungsiuhaltes liegend 
erkamit wird, wird es in dieser Hinsicht jedenialls analytisch heißen müssen. 
Das gleiche wie fiir die Stetigkeit gilt aber auch iiii' die Unendlich- 
keit des geometrischen Raumes, d. h. die P]igenschaft , daß die Anzahl der 
i*inander so nebengeordnet zu denkenden Teile (deren jeder nicht als Punkt, 
sondern als Körper von übrigens beliebiger Größe, imr unter allen ge- 
nannten Abstraktionen, gedacht wird) keine endliche sein kann. Ti-otz 
der RiEBiANNSchen Unterscheidung scheint mir dies, solange wir uns an 
<Ue aus dem Erscheinungsraum in obiger Art al)geleitete Voi-stellung halten, 
die noch im eigentlichen Sinne Ramn genannt wird, ebenso zu liegen, 
wie etwa bei den Zahlen und den Tönen. ^ Daß iimerhalb des Raumes 
iu sich zurückkehrende Gebilde möglich sind, tut der zwingenden Not- 
wendigkeit keinen Eintrag, mit der wir den gedachten Raum selbst ins 
Unendliche fortsetzbar denken müssen." 



^ Über die Unendlichkeit der Tonreihe s. meine Tonpsychologie I, 178 f. 

' Helhholtz gebraucht in einem seiner populär- wissenscliaftlichen Aufsätze, uui die 
Denkbarkeit eines endlichen Raiunes zu erläutern, das Bild von W'ifsen, die auf einer Kugel- 
obeiilache lebten und sich bewegten, aber keine Wahrnehmung von irgend (*t was außerhalb 
dieser Obertläciie hätten. Dieses von Späteren vielfach wieiieiholte Bild verfehlt aber« 
»cheint mir, seinen Zweck. Denn es folgt nichts daraus über die Beschaffenheit der räum- 
lichen Vorstellungen, die solche Wesen haben wuitlen. Sic konnten gleichwohl die Dinge 
auf der KugeloberfUlche dreidimensional sehen, und sie könnten euklidisch - gerade Linien 
M'hen. Der Baum, in dem ein Organismus lebt, und der Raum, den er vorstellt, brauchen 
nicht ziisaimnenzufallen. Sonst wäre ja auch die Meinung nicht möglich, die heute von so 
vielen geteilt wird, daß unserer eigener Anschauungsraum tatsächlich nur zweidimenMoiial 
«ei, während wir in einem dreidimensionalen Räume leben. Das Gleichuis ist übrigens für 



76 Stumpf: 

Man schreitet nun durch Fordeiiingen oder, was dasselbe ist, durch 
Voraussetzungen oder Definitionen weiter. Unter diesen hinzukommenden 
Forderungen braucht wold kaum die absolut stai-rer Begrenzungen aufge- 
fiilirt zu werden. Denn da den Raumgebilden ihre Begrenzungen dm-ch 
die Definitionen vorgeschrieben sind, so liegt darin schon die Unabhängig- 
keit von jeder Verschiebung im Räume , solange nur die Definition nicht 
verschoben wii*d. Was die Verschiebungen, Um- und Auf einanderlagei-ungen 
zu Zwecken der Beweisführung aidangt , so werden diese von der neueren 
Geometrie olmedies inuner mehr als ein mmötiges Hilfsmittel der Beweis- 
fuliiiing ausgescliieden. Freie Beweglichkeit dürfte dalier, wie Beweglich- 
keit überhaupt, nicht zu den Erfordernissen des geometrischen Gebildes 
gehören. Was damit gemeint ist, reduziert sich auf die Vergleichbarkeit 
der Gebilde miabhängig von Lage und Richtung, einen Begriff, der mit 
dem der Bewegung im physikalischen Sinne nichts gemein hat. 

Die wichtigste Maxime ffir Definitionen , durch welche die Geometrie 
überhaupt erst möglich wird, ist die der Vereinfachung der Begrenzungen. 
So entsteht der Begriff' des zwei- und eindimensionalen Gebildes, der Geraden, 
der J]bene usf. Nur durch solche Vereinfachungen oder Idealisieiomgen 
wird es möglich, zu gesetzlichen Beziehungen zu gelangen. Die Verein- 
fachungen werden zunächst aufs Äußerste getrieben, später, nachdem die 
Gesetze der schlechthin einfachsten Gebilde gefunden sind , allmäldich stück- 
weise wieder aufgehoben. 

Hiernach läßt sich der Gegenstand der Geometrie so bestimmen: es 
ist nicht der reale, auch nicht der phänomenale Raum, sondern es sind die 
durch Abstraktionen und Definitionen aus dem Erscheinungs- 
raume gewonnenen, begrifflich gedachten, homogenen Raumge- 

Heluholtk* Gedankengang entbehrlich. Es handelt sich ihm an dieser Stelle nur darum, 
daß für die kürzesten Linien auf der Kugeloberiläche andere Gesetze gelten wie fQr die 
kürzesten Linien in der Ebene, und daß man auf größten Ki*eisen der Kugeloberfläche un- 
begrenzt, aber nicht ins Unendliche fortschi eiten kann. Um dies einzusehen, braucht mau 
sich nicht in die KugeloberflSche selbst vei-setzt zu denken. 

Das Gleichnis wirkte aber insofern nachteilig, als es bei manchen der unklaren Idee 
Vorschub leistete, als könnten wir am Ende solche Wesen sein, die, während sie von einer 
Geraden sprechen, Stücke eines gi*ößten Ki*eises meinen, und während sie sich eine ins 
Unendliche verlaufende Gerade denken, nur eine in sich zurücklaufende Linie zuwege bringen. 
Dies ist natürlich unsinnig. Es kann vorkommen, daß einer, der gerade zu gehen glaubt, 
krumm geht; aber nicht, daß ein mathematisches Gebilde etwas anderes wäre, als das, was 
es ex definitione sein soll. 



n 



Zur Emteilung der Wissensdurfien, 77 

bilde. Es sind Begriffsinhalte beteiligt, niclit bloß, wenn von De.s<aktes' 
Tausendeck , sondern aucli schon , weiui vom Kreis und vom rechten Winkel 
(li(* Rede ist. Daß diese Begriffe zuletzt aus konkreten «\jiscliauungen 
stammen, ist ihnen mit allen andern gemein. 

Ich möchte Gewicht darauflegen, daß nicht eigentlich der geometrL«<che 
Raiun selbst, sondern die innerhalb desselben möglichen Raumgebilde der 
Gegenstand sind. Alles, was die Geometrie aussagt, und alle Konstruktionen, 
die sie vornimmt, betreffen immer Raumgebilde, nie den Raum selbst, der 
irewissennaßen niu: die Möglichkeit solcher Gebilde ist. 

Die Raumgebilde des Greometers sind physisch, wenn man so die Ge- 
genstände neimen will, die aus Erscheinungsmaterial im Denken gebildet 
sind. Aber sie sind nicht physische Gegenstände in dem vorher definierten ' 

^>inne, nicht Gegenstände der Physik. Man kann nur sagen, sie seien deren j 

unmittelbare Vorfahren. Der roh -empirische Körper geht durch den geo- 
metrischen in den physischen (physikalischen) über. Wenn man die Gegen- 
stände der mathematischen Physik als Gespenster bezeichnet hat, so haben 

sie diese Natur von ihren geometrischen Eltern. Die Physik bereicheit sie i 

durch Merkmale wie Undurchdringlichkeit, Trägheit. Nimmt sie bloße 
Punkte als Kraftzentren, so bleibt doch für die Darstellung der wechselnden 
raiunlichen Beziehungen Geometrie die Grundlage. Im Tibrigen folgt der 1 

Physiker dem Beispiele des Geometers darin , daß er die an den Erschei- 
nungen zu prOfenden Gesetzliclikeiten zunächst an möglichst vereinfachten 
•Gebilden, absolut elastischen oder unelastischen, absolut nicht leitenden, 
absolut schwarzen Körpern u. dgl. entwickelt. Dadurch allein werden sie 
eben mathematischer Beliandlung zugänglich. 

5. Aus der Erkenntnis, daß es sieh bei dc^n (tegenstilnden drr (h'o- 
metrie nicht um Anschauungen im phänonienah'U Sinne, sondern inn be- 
(niffliche Umformungen handelt. Hießt die interessnnte VrnillgeuH inerung, 
die den Gesetzen der GeiiniHrie neiiordinKs gegeben ist. Sie Ing von jelier 
in der Konsequenz ihres Gej^enstandes. Denn wenn nnin ihn mi \ers(«»ht. 
erscheint die phänomenale Raumvorstelhing, sei es des (Jesiehls- oder des 
Tastsinnes, nur als ein zweckmäßiger, saehlieh aber /nnUliuer Ans^nnu**- 
pimkt. Die abstrakten Bezieh uii^r-n, «nf die es allein nnktMunil. messen 
sich fil)erall herauwelhMi, wo ^h-i^-he Fordennii^en /in lii^endein Mnleriiil 
gestellt mid von ilim in fzhWhi^v Weise ermill werden, niil muhvw Worten: 
wo irgendein steti^.s (;anzes xon homogenen Teilen >oilie«i. Illerl^ei nniÜ 



I 



78 Stumpf: 

(las Merkmal der Stetigkeit besonders erwähnt werden, weil nicht selbst- 
verständlich ist, daß alles Homogene diese Kigenschaft besitzt, obgleich 
sie beim Raum aus der Natur dieser besonderen Vorstellung fließt. Ich 
möclite dahingestellt lassen, ob auch die Unendlichkeit besonders erwähnt 
werden muß oder ob diese nicht doch mit der Homogeneität schon unab- 
trennbar gegeben ist. 

Seit RiEMANN pflegt man in diesem Sinne von »Mannigfaltigkeiten« 
zu sprechen und den Raum nur als eine besondere Art der Mannigfaltig- 
keiten zu bezeichnen.' Wir können also nun auch allgemeiner sagen: Geo- 
metrie sei die Wissenschaft von den Stinikturgesetzen der in irgendeiner 
stetigen homogenen Mannigfaltigkeit möglichen Cxebilde. Dabei kann homogen 
im allgemeinsten Sinne das heißen, dessen Teile sämtlich durch eine einzige 
Veränderungsweise inemander übergehen (bzw. nur eine einzige Art von 
Unterschieden aufweisen). 

So gefaßt ist die Geometrie der Maimigfaltigkeiten außer dem Raimie 
nicht etwa eine Übertragung geometrischer Gesetze auf ein an sich ihnen 
fremdes Materiell, eine Übertragung, die nur zufallig sich auch dort be- 
währte oder jeweils besonderer Prüfung l)edürfte, sondern sie ist von vorn- 
herein ein mid dieselbe Wissenscliaft , weil sie ein und denselben abstrakten 
Gegenstand besitzt. 

Es scheint mir nun aber sehr fraglich , ob in Wirklichkeit außer dem 
Raum irgendein Gegenstand von mehr als einer Dimension namhaft ge- 
macht werden kann, der streng unter obigen Begriff fiele. Nui- fiir ein-* 
dimensionale Mannigfaltigkeiten wird man leicht namentlich in physikali- 
schen Begriffen Beispiele finden; liii* zweidimensionale allenfalls im Zahlen- 
gebiete, wenn man die komplexen Zahlen als zweite Dimension bezeichnen 
will. Die mehrfachen Dimensionen, von denen die Physik seit Fourier 
spricht, sind dagegen gerade durch ihre Nichthomogeneität charakterisiert 
(Weglänge, Zeit, Masse). Desgleichen die Dimensionen der Empfindungs- 
inhalte : Qualität , Intensität usw. , in denen man iimerhalb des reinen Er- 
scheiimngsgebietes Analogien zu den Raumdimensionen suchte. !Neuer- 
dings unterschied man auch noch innerhalb einer dieser Erscheinungseigen- 



* Der Ausdruck war insofern nicht ganz, glücklich gewählt, als ja von aller Mannig- 
faltigkeit im gewöhnlichen Wortsinne hier gerade abgesehen werden soll; indessen hat man 
sich gewöhnt, ihn in der Mathematik fiir eine Vielheit von Elementen zu gebrauchen, die 
einem gemeinschaftlichen Begriff untergeoixinet sind und unter sich Reihen bilden. 



Zur EnUeäung der Wissenschaften. 79 

M'liaften. bei den Qualitäten der Farben, mehrere Dimensionen (wej^en iler 
vrrselüedenen Hauptfarbenj)aare) und sprach hiemacli von einem Farben- 
korper: aber man stößt dabei auf Schwierigkeiten , die zeigen, <laß es sich 
hier doch nur um eine Übertragung handelt, bei der man nicht im vor- 
aus weiß, wie weit man damit kommt. Bei den Tonqualitäten bietet der 
trenullinige Fortgang von der Tiefe zur Hohe ein schön<*s Bc-ispiel einer 
nur eindimensionaU'n Mannigfaltigkeit. Aber selbst hier ist es fraglich . ob 
die Distanzen auf dieser (reraden, wenn sie auch bezüglich ihrer Größi* 
vi-rsrlcichbar sind, durchweg wie raumliche Strecken behandelt werden 
können. Die Tondistanz wird uns in der Erscheinung gej^<*l>en durch die 
1)loßen Endpunkte <sei es simultan o<ler sukzessive), sie kann allenfalls auch 
ilin'r ganzen Ausdehnung nach durchlaufen wenlen: die Raumstreckf* aber 
ist gegeben durch die sinudtan^' Gegenwart der sämtlichen auf ihr unti-r- 
srheidbaren Punkte. Daraus ergeben sieh Meitere rnter.schied«*. infolge'* 
deren ilie sogenannte Linie der Tonqualitäten doch wahrHcheinlii-h nie- 
mals auch nur zu einer Linieng**i>m<*trie geführt hätt**. Wir wnUen nicht 
auch auf die ZiMtlinie einir*"hfn. di#' nof'li be**^mil#*rtf' Sehwierigkeit^Mi «»in- 
schließt.' 

Aus di«*M*n Bi*tnu-htunir«*n scheint mir \u*r\or/Mi^f*hou. daß die v^-r- 
?dlirem«'iiierti* Fa^sunir des (j<'ir<-nstand«*s di-r (»eouK'trie zwar fliron^tiscli 
rirlitiir untl h'hm-i«*Ii ist. ihn* Anwenduni4: ab^T in WahrlM'it uwhr auf bloO<* 
riM'rtntiTuiii^'en aN auf wirklirlif- Siib^nmtion«'n unt<*r d«*n if<*UH'inM'liaftlirh<*n 
B<*jrriff hinausläuft. Der Nutz*-n di-r v*-raIlir<'nH*inert<*n Fa«»sini(^ Ii<*i^t nirht 
so sehr bi der Anw#ndbark«MT ?nif 7ji]t\rf'U'ht' unrauinliche io^umsinwU' als 
in der schärtVren Krk«-niiTnis fh-r b<*tfrifriicln*n Natur d#*r t^^'onM'triscIii'n 
RaiungebiM*^ sell.^t. 

6. In dt-r hi^»:iT»"irnli<-lik*-it d'-s ^4} iH-^tjuinit^'U G#'t^i*fi«»taiid*'s, tuid znar 
in df«m erst*-n und iiii«-jrb# Iirli/'list#ii M^-rkniMl d'-r abHolut^-n Ilouiotf«'n<it;it. 

s*t war ihm d> Zeit d>'j-^\ d'^h 4 .rh om rir, Bj>J drM#-fi. worauf m ilun unkttn, ituUi 
der eigrotl *..;.*? ij^-z^r.^'.xj. i •*-.•,-•, Ili/^w-n h;.'J»-t^n di«* \ri'irdnijfi{<'iv#*rli;ilfffi««^ in #'ifi«'>n 
^tKigpn, ein ii-.f'&*:' r.* "f . ■,•••- •* -• i ,rA*'fif/r'.y } vor*Ml% und rurky^.ttim, •l>*'r iikIjI »^»t- 

die Pnnkte rh -r L.r.> r*-: -i #•-•#- ..•.: .;*..* d^ffi;* \,tft\,*'t all*-* f^iu^t<t«tiv«* ft'ti.u'UiUfh Jind 
titrdte F* !;:*► f*a'-.:#< »^-:-. w .-. ,» »r, .;** jj.M f\rr Z*-ii fi'it/;i'(i /•! tli*» i/lic U^t ih»»!» 
«:ai|*> »ucep**>»"^» •**• *^:>r r -r.*-, .^-d by rf-oii.i^Jif mg tUt-tt» v^itti inon»*«».!» of UfM*»-. -, $ 
d« Vorrede der •Lri.'-^rr* ol '/ .at^rr.*'..' •• t^ifij. 



80 Stumpf: 

muß nun auch die durchgängig apriorischo Methode wurzeln, die Mög- 
lichkeit also, aus einmal definierten Begriffen fort und fort neue Lehrsatze 
abzuleiten, ohne daß an irgendeinem Piuikte Beweisgioinde oder verifizie- 
rende Tatsachen aus der Wahrnehmung zu Hilfe genommen werden müßten.* 
In seiner vorkritischen Schrift »Untersuchimg über die Deutlichkeit 
der (Innidsatze der natürlichen Theologie» und Moral« leitete Kant die Ge- 
wißheit der mathematischen P>kenntnis gegenüber der philosoiihischen daraus 
her, daß ihre Gegenstände nicht gegeben sind . sondern erst durch Defi- 
nitionen entstehen. Er hat später sel})st erkannt, daß liierin doch nicht 
die letzte Wurzel des Unterschiedes liegen könne. In der Tat sind ja viele 
Gegenstände durch willkürliche Definitionen herstellbar (selbst logisch wider- 
sprechende), oluK* daß immer eine apriorisclie Wissenschafl davon möglich 
wäre. Es konnnt darauf an, welche (irundeigenschaften den willkürlich 
zu l)ildenden Gegenständen beigelegt werden. Kants spätere Lehre von 
Raum und Zeit als apriorischen Anscliauungsformen war wesentlich darauf 
eingericlitet , diese Lücke zu fiillen. Aber hierin ist er von einer frucht- 
baren Auffassung des Wesens der Mathematik noch weiter abgewichen. Der 
eingehenden Kritik ('outurats* kann ich in allen wesentlichen Punkten nur 
zustinunen. In der Frage nach d<Mi geometrisclien Axiomen sind wir durch 
diese Lehre nicht einen Schritt weiter gefiihrt. Dagegen enthält Kants friihere 
Fassung, die ja auch in der späteren nachwirkt, sicherlich ein richtiges 
Moment: homogene Gegenstände sind eben nirgends gegeben, sie können 
nur durch Definitionen frei gescliaffen werden. Aber freilich nicht darin, daß 
irgend etwas definitorisch geschaffen wird, sondern darin, daß der Gegen- 
stand der Geometrie als absolut homogener geschaffen wird: darin liegt 
der fruchtbare» Kern , aus dem der ganze Baimi erwächst. Von apriorischen 
Fonnen in Kants Sinn ist dabei nichts erforderlich; wir brauchen als Aus- 
gangspunkt der Begriffsbildung niu* die konkreten Sinnesempfindungen , di(^ 
der heutigen Psychologie gemäß ihre räumlich(» Ausdehnung und Anordnung 



' Wir unterscheiden >apriorisch« und «deduktiv«. Deduktiv ist alles, was aus allge- 
meinen Prämissen gefolgert wird. Dabei können die Prämissen aber selbst der Erfahrung 
entstammen, wie bei den Deduktionen der mathematisclien Physik. Apriorisch dagegen nennen 
wir Erkenntnisse, die in keiner Weise auf F>rahrungssätzen ruhen. 

* L. CoüTURAT, La Philosophie des Mathdmatiques de Kant. Revue de Metaphysique 
et de Morale XII (1904), 8. 321 f. Couturat bemerkt auch gelegentlich mit Recht, daß 
Kant sich keineswegs von dem falschen Psychologisinus freigehalten hat, den die Neokriti- 
zisten als sclilimmsten Fehler anzusehen pflegen (8. 342 f., 355). 



I 

•1 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 81 

canz ebenso wie ihre Qualität inhaltlich mitbringen. Die BegrifEsbildung 
selbst aber erfolgt durch fortschreitende Abstraktion -und Generalisation 
wie überall. 

Daß diese Herleitung der geometrischen Grundbegriffe aus der An- 
<>cliauung mit einer Herleitung der geometrischen Sätze aus der Anschauung 
nicht das geringste zu tun hat, muß auch heute noch manchem in Er- 
iimeruiig gebracht werden. Eine der verhängnisvollsten Vei-wechselungen, 
von der die Erkenntnistheorie sich erst allmählich befreit, ist die der Fragen 
nacK dem Ursprung der Begriffe und nach der Herleitung von Erkenntnissen. 
Zwei Begriffe könnten nicht bloß im KANXSchen Sinn a priori , sondern sogar 
in der krassesten Wortbedeutmig angeboren sein, und es könnten docli die 
daraus zu bildenden Urteile, die eine Zusammengehörigkeit dieser Begriffe 
behaupten , nur induktiv durch Schlüsse aus vielen Einzelwahmehmungen 
als wahr erkannt werden. Und umgekehrt können Begriffe aus Wahrneh- 
mungen gewonnen, und es können die darauf bezüglichen Urteile gleich- 
wohl a priori d. h. durch bloße Zergliederung und aufinerksame Vergegen- 
wärtigung der Begriffsinhalte, erkannt werden.' Dies ist tatsächlich in der 
(reometrie der Fall. In jeder strengen Darstellung dieser Disziplin wird 
iregenwärtig darauf Gewicht gelegt, daß die Beweisführungen als solche 
in keiner Weise auf die Anschauimg begründet werden. Jeder Beweis muß 
vielmehr als imgültig betrachtet werden, der sich niu* auf das Zeugnis der 
Anschauung beriefe; weshalb denn auch jene alten Operationen des Um- 
legens usf. immer mehr diu^ch rein begriffliche Formeln ersetzt werden.* 
Unentbehrlich ist die Raiunanschauung nur zur Begriffsbildung. Hier 
allerdings halte ich es nicht för möglich, daß jemand, dem die sinnlich- 
konkrete Raumvorstellung (sei es des Gesichts- oder eines anderen Sinnes) 
^^änzlich fehlte , beispielsweise die so fein ziselierten Definitionen D. Ho^berts 
verstände. Die »Mannigfaltigkeiten«, die außer dem Raum als konkrete 
Unterlagen solcher Definitionen etwa zur Verfugung stehen, würden nach 

' Das letztere betont auch Kant in den Prolegomena §2,6). 

' Die vollständigste Verkennung der Geometrie in Hinsicht ihres Verhältnisses zur 
Anschauung findet sich bei Scropenbaukr. Wie anders spricht bereits Dcscartks: >Toute 
cette science que Ton pourrait peut-^tre croire la plus soumise a notre Imagination, parce 
(iu>lle De consid^re que les grandeurs, les figures et les mouvements, n'est nullement fondee 
«ur ses fantt^mes, mais seulement sur les notions claires et distinctes de notre esprit; ce (pie 
''aveot assez ceux qui Tont tant soit peu approfondie* (An Mersenne. (Euvres ed. Cousin 
Vlll, 529). 

nUo$.'ki$§or. Mh. 1906. F. 11 



82 Stumpf: 

dem vorhin Bemerkten diesen Dienst kaum genügend leisten können. Auch 
beim Operieren mit den einmal definierten Begriffen wird die Beihilfe der 
Anschauung immer wieder erforderlich sein, nicht um etwas daraus abzu- 
leiten , sondern um die Begriffe sozusagen am Leben zu erhalten. Die Be- 
deutung der Anschauung fiir das geometrische Denken ist dabei wieder 
keine andere wie die aller konkret -sinnlichen Vorstellungen fiir das Denken 
der aus ihnen mehr oder weniger künstlich gebildeten Begriffe. Genügend 
geklärt ist sie freilich weder im speziellen noch im allgemeinen Falle.^ 

Inwiefern und wodurch nun die durch Definition gesetzte absolute 
Homogeneität des Gegenstandes die apriorischen Ableitungen der Geometrie 
ermöglicht: auch dies bedürfte wohl noch sehr der genaueren Untersuchung. 
Es liegt in der genannten Eigenschaft begründet, erstlich daß niemals 
irgendein Exemplar einer geometrisch definierten Spezies gegeben sein kann, 
das uns zwänge, den Begriff aufzugeben oder umzuformen. Wir können 
uns aus vielen Gründen veranlaßt sehen zur Umbildung, Erweiterung, 
Verengerung geometrischer Begiiffe. Aber niemals kann die Beobachtung 
eines neuen individuellen Exemplars uns dazu nötigen, wie solches in der 
Naturfbrschung, zumal der organischen, sooft der Fall ist. Deim der geo- 
metrische Begriff ist unser Geschöpf, und in jeder Definition ist zugleich 
die allgemeinste Voraussetzung eingeschlossen, daß das Gebilde bis in die 
kleinsten Teile hinein homogen sein soll, daß also nicht etwa ein bisher 
übersehener Teil an einem neuen Exemplar oder bei erneuter, aufinerk- 
samerer Beobachtung uns eine Überraschung bereiten kann. Es liegt zweitens 
in jener Eigenschaft begründet, daß jeder Teil des Raumes ffir jeden 
anderen eintreten kann, daß es gleichgültig ist, ob wir uns den Kreis hier 
oder dort, nah oder fern von unserem zufalligen Standpunkt denken, gleich- 
gültig auch, ob wir ihn klein oder beliebig groß denken. 

Aber diese Bemerkungen liegen an der Oberfläche. Eine logisch be- 
friedigende Methodologie der Geometrie ist noch nicht geschrieben. Sie 
hätte nicht bloß zu zeigen, wie die rein aus Begriffen fließenden not- 
wendigen und allgemeinen Erkenntnisse, sondern insbesondere, wie die 
unendliche Fülle dieser Erkenntnisse in der Natur des Gegenstandes wurzelt, 
wie das absolut Homogene durch die Unerschöpflichkeit der darin mit- 



* Was F. Klein in seinen V^orlesiingen Qber nichteuklidische (ieometrie( 1893)8. 354 f. 
ubei" die Rolle der Anschauung für das geometrische Denken sagt, scheint mir auch vom 
]3liilosophischen Standpunkte ganz zutreffend. 



Zur Emttihmg der Wissensehaftm. 83 

jj:esetzten Beziehungen der Teile den großen Zusamineuhang von Erkennt- 
nissen ermögliclit, den wir erst als Wissensehaft bezeichnen. Unsere Be- 
merkungen sollten nur andeuten, wie wir uns etwa die Ableitung für die 
Sonderstellung der apriorischen Wissenschaften aus der Besonderheit ilirer 
(tegenstande vorstellen. 

Auf die matliematischen Disziplinen außer der tteometrie soll hier 
nicht eingegangen werden. Es dürile sich zeigen lassen • daß ihre Gegen- 
stande gleiclifalls durch das Grunduierkmal der Honiogeneitat ausgezeichnet 
sind, wenn das Wort in seinem allgemeinsten Sinne verstanden winl. 
Dieses Merkmal wird auch Urnen durch die Definitionen zuerkamit, durch 
ilie sie überhaupt entstehen. Das Merkmal der Stetigkeit kommt ilmen 
nicht allgemein zu. Wie aber die Gegenstände der Zaldenlehre mid der 
Analysis ihrem spezifischen Wesen nach im Unterschiede von den Gegen- 
ständen der Geometrie am genauesten definiert werden, ist eine Frage, 
die wir den 3Iathematikem oder mathematisch geschulteren Philosophen 
überlassen müssen. 



ym Seiendes und Seinsollendes. Theoretiselie und praktische 

Wissensehaften. 

Auch hier liegt ein gegenstandlicher Unterscliied vor, wenn man den 
Begriff Gegenstand so weit faßt, wie wir es verlangen. Unter Seiendem 
verstehen wir hier nicht bloß Reales, sondern jeilen (Gegenstand eines 
waliren Urteils. Seinsollend nennen Mir Werte, insoweit sie einem Wollen 
als Ziel gesetzt werden können, mit anderen Worten: insoweit sie noch 
nicht verwirklicht, sondern der Verwirklichung i'&hig sind. Daß sie der 
Verwirklichung würdig sind, lieut im Begriffe des Wertes selbst. Das 
Unterscheidende aber gegenüber anderen Werten ist eben die Fähigkeit, 
noch verwirklicht zu werden (hpaktön ÄrAeÖN). Von Werten im allgemeinen 
nun handelt ein Abschnitt der Eidulogie. Werte, soweit sie bereits ver- 
wirklicht sind, lehrt die 3Ienschengeschichte kennen, wenn sie auch nicht 
durch dieses Merkmal definiert wenlen kann. Die praktischen Dis/ipliiien 
dagegen lehren gerade die Verwirklichung von Werten. Sie sind An- 
weisungen; Anweisungen allerdings nicht bloß im nüchternen Sinne des 
gewöhidichen Sprachg(4>raucli(\s , sondern auch im Sinne von Fkiitks »An- 
weisung zum seligen Leben«. 

ir 



84 Stumpf: 

Aristoteles, der den Unterschied zuerst aufstellte, fiigte noch die 
poietischen Wissenschaften hinzu, die er gegen die praktischen dadurch 
abgrenzte, daß die zu erreichenden Ziele (Werte) bei diesen in den Akten 
des WoUens und Handelns selbst, bei jenen aber in den äußeren Werken 
liegen. Später hat man beide Gi-uppen unter dem Namen praktische Dis- 
ziplinen zusammengezogen und nur unter diesen selbst solclie unterschieden, 
die auf ein äußeres Ziel, wie die Herstellung von Bauwerken oder Ma- 
schinen, und die auf ein inneres Ziel, wie die Bildung des Charakters oder 
des Geschmackes oder des logischen Denkens, gerichtet sind. 

Der Unterschied praktischer gegenüber theoretischen Wissenschaften 
ist prinzipiell em höchst wesentlicher und durchgreifender. Denn die ganze 
Behandlung, die Auswahl und Anordnung des Stoffes gestaltet sich ver- 
schieden. Die theoretische Wissenschaft verlangt in viel strengerem Sinn 
Einheitlichkeit. Ihre Untersuchungen und Lehrsätze sind durch das Baiid 
gleichartiger Vorstellungen und Begriffe zusammengehalten; die der Geo- 
metrie z. B. durch die wenigen an der Spitze stehenden Begriffe, die der 
Physik durch die physikalischen Gnmdbegriffe, wenn sie sich auch im 
Laufe der Zeit unter dem Zwange neuer Tatsachen veitodern. 

Auch die Methoden der Untersuchmig und des Beweises sowie das 
dazu herangezogene Material sind in allen Teilen einer theoretischen Wissen- 
schaft wesentlich gleichartig. Anders bei einer praktischen. Die Baukunde 
macht Anleihen bei der Mechanik, Mineralogie, Geologie, Chemie, Kunst- 
geschichte, wo immer sie fiii' den Architekten Nützliches findet. 

Ursprunglich sind wohl alle theoretischen Bestrebimgen aus praktischen 
hervorgegangen. Später aber kehrt sich das Verhältnis um : in ihren höheren 
Formen setzt alle Praxis Theorie voraus. Wegen dieses Abhängigkeitsver- 
hältnisses pflegt man vielfach praktische Disziplinen denjenigen theoreti- 
schen als »angewandte« zuzuordnen, aus denen sie ihre Grundlagen haupt- 
sächlich entnehmen: Geodäsie der Geometrie, Phannazeutik der Chemie, 
Maschinenlehre der Physik, Pädagogik der Psychologie, Therapie der 
Pathologie. 

Viele praktische Disziplinen haben a})er ihr selbständiges Hauswesen 
gegründet, indem sie selbst in die erforderlichen theoretischen Unter- 
suchungen in solchem Maße eingetreten sind, daß sie den Mutterwissen- 
schaften wieder neue Anstöße zu geben vermochten. Die Elektrotechnik 
ist ein glänzendes Beispiel. 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 85 

Die Zahl der praktischen Wissenschaften ist Legion, unbegrenzt wachsend 
wie die Wege und Ziele menschliclier Kultur. Was in den vier oder fünf 
Universitätsfakultäten , deren jede theoretisclie wie pniktische Fächer um- 
schließt, was in den technischen, landwirtschaftlichen, Handels-Hochschiüen, 
Bergakademien, Kriegsakademien, Kimst- und Kimstgewerbeschulen usf. 
an praktischen Fächern vorliegt, entzieht sich der Klassifikation. Man 
kann nur sagen, daß die Vielheit auch hier unter versclüedenen Gesichts- 
punkten verschiedene Zusammenfassungen gestattet. Dagegen kOmite man 
nach oben hin wold von einer allgemeinsten praktischen Wissenscliaft 
reden, wie sie Plato und Aristoteles in der Politik im Auge hatten 
(kypiwtAth KAI mAaicta XpxithktonikA) mid wie sie Neuem unter dem Titel 
der »sozialen Ethik • vorschwebt. Sie wäre das praktische Seitenstück 
der Metaphysik, wie sie deim auch gleich dieser ihr Haupt noch stark 
in Wolken verbirgt. 

Man hat gelegentlich den Begriff eüier praktischen Disziplin, abwei- 
chend von der hier zugrunde gelegten Auffassung, m der Weise zugespitzt: 
sie habe nur zu lehren , wie etwas gemacht wii-d und am besten gemacht 
wird, sie liabe aber in keiner Weise Werturteile abzugeben. P&dagogik 
habe nichts mit Ethik zu schaffen, Baukunde, Kompositionslehi*e, Poetik 
niclits mit Ästhetik. Der Pädagoge müsse nur wissen, worin die indi- 
viduellen Anlagen bestehen, wie jede entwickelt oder miterdrückt werden 
kann, der Architekt nur, wie Wohnhäuser und Kirchen ii*gendeinem Stil 
gemäß gebaut werden. Daß der Zögling gut, die Kirche schön ausfallt, 
werde zwar von ihnen gleichfalls verlangt, gehöre aber nicht in ilire 
Wissenschaft, weil sich über Schönheit und Güte überhaupt nichts leliren 
lasse. In der Politik hat schon Aristoteles in dem Kapitel über den 
Tyramien ein unvergleichliches Musterbeispiel einer vom Wert mid Unwert 
der Ziele absehenden Kunstlehre gegeben. 

Emsthsift eine ganze Wissenschaft in dieser Weise durchzufuhren , ist 
aber noch niemand eingefallen. Für Aristoteles ist Politik doch zuletzt 
nur Ethik in großem Stil; und sen)st in dem genannten Abschnitt kann 
er sich nicht enthalten, ganz nebenbei in zwei Worten einfließen zu lassen, 
daß alle seine Anweisungen für den Tynmnen »v(m Schlechtigkeit durch- 
drungen« seien. ilAciiiAVELLi macht ganz bestimmte etlüsche Voraus- 
setzungen, indem er eben die 3Iacht des Fürsten als unbedingt wert\(>ll 
betrachtet. Der Architekt, der ein stilvoll romanisches Haus auf geschmack- 



86 Stumpf: 

lose Weise in die Umgebung hineinsetzt, erfüllt seine Aufgabe schlecht. 
Und welcher Pädagoge wüi'de mit Passion der zweckmäßigsten Heran- 
bildung von Schurken nachsinnen. Zweckmäßig im allgemeinen Sinne heißt 
zwar nur das, was geeignet ist, zu irgendwelchen beliebigen Willenszielen 
hinzufuhren. Aber zweckmäßig in dem Sinne, wie es die praktischen 
Wissenschaften verstehen, involviert stets den Begriff eines wertvollen 
zum Unterschied von einem wertlosen oder unwürdigen Ziele. ^ 

Es ist wohl richtig, daß über den Wert der Ziele, zu deren Vei-wirk- 
lichimg eine Kunstlehre anleitet, innerhalb dieser selbst meistenteils nicht 
viele Worte gemacht werden. Man setzt eben bei dem Adepten einer sol- 
chen Wissenschaft von vornherein die Überzeugung voraus, daß es sich um 
Menschenwürdiges handele, und daß er im Einzelfalle hinreichend Ge- 
schmack oder sittliches Gefiihl besitzen werde , um die erworbenen Kemit- 
nisse in der fraglichen Richtmig zweckgemäß anzuwenden. Aber aus dem 
Begriffe praktischer Wissenschaften , wie sie nun einmal tatsächlich auf- 
gefaßt und betrieben werden, läßt sich dieses Element so lange nicht ent- 
fernen, als der Najne Wissenschaft selbst eines der unbestrittensten Güter 
der Menschheit bezeichnet. 



IK. Rückblick. Allgemeinste Gegenstände. Philosophie. 

In den vorstehenden Unterscheidungen dürfte das Wesentlichste be- 
schlossen sein , was die gegenwärtigen Wissenschaften bezüglich ilirer Ge- 
genstände und, im Zusammenhange damit, ihrer Interessenrichtung mid 
ihrer Methoden voneinander scheidet. Die Einteilimgen kreuzen sich in 
vielfacher Weise. Es gibt theoretische wie praktische, Tatsachen- wie Ge- 
setzeswissenschaften sowohl unter den Natur- wie unter den Geisteswissen- 
schaften usw. Infolgedessen erhalten wir nicht eine gleichsam genealogische 
Tabelle so einheitlicher Art, wie sie die weitverzweigten Wissenschafts- 



* Wenn Dilthky (Sit/.iingsber. d. Akad. 1888, Nr. 35) die Pädagogik von der Ethik 
unabhängig 7.11 machen wünscht, so hat er dabei unter der VAhik eine von allen historischen 
Elementen abstrahierende Ethik im Auge, die ja auch ihre eigene Aufgabe nicht vollkommen 
erfüllen würde. Aber jenen teleologischen Zusammenliang des Seelenlebens, »welcher Er- 
haltung, Glück und Entwicklung der Individuen, Erhaltung und Steigerung der Art und 
Gattung herbeifuhrt«, legt auch er der Pädagogik zugrunde. 



Zur Emieihmff der W iss rn s ^eflfn^ 87 

stammbiume bei Aifpira:'. Wi^ndt* oder MfxsTERBOtG* ibirbicten. Auf 
ein so einheitlich durchiyefiihrtes Wi^v^^enscliÄftssystem muß man. ^ie mir 
scheint, verrichten, wenn man eine natürliche l>nUiunir anstrebt: analo^r 
wie Pflanzen und Tiere in natürlichen Systemen nicht nach einem ein- 
rigen (inuulmerkmaK nur durch dessen immer sjH^zicllere Differcnzienini^tMi. 
in OnbiunjBren . Gattun^n und Arten 4rt^schie<len wenlcn. Das 1 harakti^ 
rLstische einer Wissenschaft kann nach dem einen Prinzip verschwinden 
oder nur durch spate Untereint eiluni?en zutage kommen, während es 
nach einem andern Prinzip sogleich in hellste Beleuchttmg tritt. Gewiß 
wäre es z. B. an sich möglich, die mathematischen Wissenschaften als 
Wissenschaften von Strukturgesetzen unter die GesetzeswisMMischaften zu 
subsumieren und sie so als bloße Unterart tmter eine (^attung der zweiten 
Einteilim^ zu bringen. Aber die Besonderheit dieser Unterart müßte di>ch 
gebührend hervorgehoben wenlen. nämlich daß es sich nicht um Struktur- 
gesetze äußerer Ciegenstände uml ebensowenig um solche der Erscheimm- 
gen handelt, sondern um Strukttu'gosetze künstlich gebildeter homogener 
(iegenstände. Gerade diese Besonderheit hat nun so gewaltige Unterschietlc 
des ganzen Aufbaues tmd der Beweisführung zur Folge, daß der so ent- 
stehende Wissenschaftskomplex nicht zweckmäßig als bloße Unterart in 
einem Winkel des Gebäudes untergebracht wird. Dagegen kommt wietler 
die Besonderheit der menschlichen (toschichte nur zur genügtniden Geltung, 
wenn man die Unterscheidung von Tatsiichen- und Gesetzes Wissenschaften 
als eine fundamentale betrachtet. 

Für die Praxis hat diese 3Iethode auch den Vorteil, daß die einzel- 
nen Hauptwissenschaften, um zu ihrer Definition zu gelangen, nicht notig 
haben , den ganzen Stammbaum herzusagen und sich auf ihre Stelhmg und 
Ntmimer darin zu beziehen, sondern daß sie mit einem einzigen Unter- 
scheidungsmerkmal und höchstens einer Üntereinteilung schon am Ziele sind. 

Natürlich kann man zu bestimmten Zwecken auch noch andere Ge- 
sichtspunkte einluhren. Handelt es sich z. B. um die Entwickelungsgt*- 



' Essai sur U pliilosoplii«^ des Sciences, zuerst 1834 — 1843. Tabelle am Schluß. 

* Cber die Ciuteilung der Wissenschaften, Philosopliisclie Studien V, 1 f. Tabellen S. 37, 

43. 47. 53- 

• The Position of Psychology in tlic System of Knouled^e. Hanard Psychological 
Studies I, S. 641. Tabelle am Schluß. Ausführlicher begründet MCnsi'ERbrro seine KlasM- 
ßkation in Bd. 1 der Veröffentlichungen des Kongresses in St. I^uis: «Tlic scientific Plan 
of the Congress.« 



88 Stumpf: 

schichte der Wissenschaften, nm die zeitliche Reihenfolge, in der die ver- 
schiedenen Disziplinen einen gewissen Reifezustand erlangen, so ist offen- 
bar der Umstand besonders ausschlaggebend, ob sie es mit einfacheren 
oder verwickeiteren Gegenstanden zu tun haben. Comtes »Hierarchie der 
positiven Wissenschaften« enthält in dieser Richtung sehr viel Wahres, 
nur daß auch sie zu schablonenhaft durchgefiihrt ist. Die Selbständigkeit 
des psychisclien Gebietes wird ganz ignoriert. Die Gegenstände der Wissen- 
schaften liegen nicht wie konzentrische Kreise imi einen einzigen Mittel- 
punkt, sondern bilden mehrere Wellensysteme, die von selbständigen Mittel- 
punkten ausgehend sich schneiden. 

Handelt es sich nur um eine übersichtliche und sachgemäße Anord- 
nung der Mannigfaltigkeit der vorliegenden Wissenschaftszweige in ihrer 
augenblicklichen Form, dann dürften die angegebenen Gesichtspunkte das 
Wesentlichste erschöpfen — mit einer Ausnahme. Es fragt sich: wo bleibt 
bei dieser Teilung der Erde die Philosophie als einheitliche Wissen- 
schaft? Stücke von ihr sind uns da und dort begegnet, wie Psychologie, 
Metaphysik, Erkenntnistheorie, Ethik. Aber was hält sie unter sich und 
mit den übrigen zur Philosophie gerechneten Disziplinen zusammen? 

Gelänge es nicht, irgend ein vereinigendes Merkmal zu finden, so 
würden wir damit auf den Standpunkt des Aiistoteles zurückkommen. So 
sehr er auf große Zusammenfassungen bedacht ist, hat er doch keine ein- 
heitliche Definition von dem, was wir heute Philosophie nennen. 

Indessen läßt sich der sachliche Berühi*ungspunkt aller unserer philo- 
sophischen Disziplinen finden, wenn man Philosophie als Wissenschaft der 
allgemeinsten Gegenstände faßt. Wir haben dann eben, um der Eigen- 
art der Philosophie gerecht zu werden, noch diesen fiinften Einteilungs- | 
gnmd nötig: allgemeinste und nichtallgemeinste Gegenstände. 

Daß die Metaphysik und die sämtlichen »Vorwissenschaften«, die 
Phänomenologie, Eidologie, Verhältnislehre, damit auch die Erkenntnis- 
theorie , miter diesen Gesichtspunkt fallen , leuchtet ein. Faßt man ferner 
Ethik, Ästhetik, Logik als praktische Wissenschaften, die zum Guten, i 

Schönen, Wahren leiten, anders gesagt: die in Hinsicht des Wollens, des , 

Geschmackes , des wissenschaftlichen Urteils das Richtige vom Verkehrten \ 

unterscheiden und innerlich verwirklichen lehren, die Pädagogik endlich j 

als die , welche Kultur in jeder Hinsicht durch geregelte Einwirkmig auf 
Individuen erzeugen lehrt , so wird ihre Aufnahme in den Kreis der Philo- 



Zur Einteilung der Wissenschaften. 89 

Sophie gleichfalls gerechtfertigt sein. Die der Pädagogik wenigstens in- 
soweit, als sie ihren Begriffen die größte Verallgemeinerung gibt, ihi'e (iegen- 
stände unter dem höchsten Standpunkte auffaßt. Daß im librigen diese 
Disziplinen die in der spezifisch -menschlichen Organisation gelegenen Be- 
dinginigen. ja die besonderen Verhältnisse der Nationen und Zeiten zu 
berücksichtigen, daß sie immer mehr in die typischen Unterschiede kleinerer 
(! nippen einzudringen haben, je fnichtbarer sie werden wollen, liegt in 
ihrer Natur als praktischer Disziplinen; es hindert nicht ihre Zuordnung 
zur Philosophie, gemäß dem S. 84 erwähnten Prinzip der Zuonbuing pnik- 
tischer zu theoretischen Fächern. Ohne Zweifel stehen diese Untei-suchun- 
gen eben doch mit der allgemeinsten Wertlehre in einer unmittell)areren 
und essentielleren Verbindung als alle sonstigen praktischen Disziplinen. 
Sie gehen zurück auf das, was uns einzig als unmittelbar wertvoll ei*- 
scheint, und suchen gerade dies seiner Verwirklichung entgegenzuluhren. 
Besteht nun hierüber wenig Meinungsverschiedenheit, so ist um so 
mehr eine solche bezüglich der Psychologie entstanden, die sich für 
die ganze moderne Wissenschaf^slehre als ein etwas unbequemes Fach er- 
weist und uns denn aucli bereits mehrere Male beschäftigen nnißte. Sie soll 
nach einigen nicht mehr zur Philosophie gehören. Den Grund freilich, daß 
Philosophie ausschließlich von Werten handle, nicht von Tatsachen und 
nicht von Gesetzen seiender Dinge oder geschehender Vorgänge, können 
wir von vornherein nicht gelten lassen, da wir die Aufgaben der Philo- 
sophie in Übereinstimmung mit ilu*er gesamten Vergangenheit als univer- 
salere fassen. Die Einfuhrung des Experimentes femer, die uns nicht als 
Hindernis erschien, Psychologie den (Jeistes Wissenschaften zuzurechnen, 
wurde ebensowenig ein Hindeniis bilden, sie ab? philosophische Wissen- 
schaft in Anspi-uch zu nehmen. Denn warum sollte nicht auch Philosophie 
das Experiment zu Hilfe nehmen, wo sie es gebrauchen kann? Es wäre 
überdies nicht das erstemal. 

So bleibt nur ein Motiv der Lostrennung, dem man eine gewisse Be- 
rechtigung nicht absprechen kann: der (Gegenstand der Psychologie scheint 
nicht die erforderliche Allgemeinheit zu besitzen, da sie nur die Struktur- 
und Entstehungsgesetze s(*elisclier Funktionen untersucht, wie Mineralogie 
die der (iesteine. Ganz so speziell ist nun zwar ihr Objekt nicht; denn 
die Strukturgesetze wenigstens, die sie aufzuzeigen sucht, hab(»n in der 
j)sychischen Sphäre als letzte mögliche Vendlgemeinenmgen zu gelten, wie 
PhOM.^Mstor.Abh, 1906. V. 12 



90 Stumpf: 

die der Physik in der physischen. Immerhin, auch die Physik ist gegen- 
über der Metaphysik die speziellere Disziplin, und so kann es zunächst 
als das Richtige erscheinen, die Psychologie als ein nur relativ allgemeinstes 
Fach der Physik zu koordinieren , sie aber der Metaphysik und den eigent- 
lich philosophischen Disziplinen zu subordinieren. 

Genauer besehen ist jedoch das Verhältnis der Psycliologie zur Meta- 
physik oder allgemeinen Weltanschauung ein engeres , essentielleres als das 
der Physik. Man braucht nur an die heutigen Systeme des Voluntarismus, 
Panpsychismus , die Philosophie des Unbewußten, die Ich- oder die Per- 
sönlichkeitsphilosophie und dergleichen immer wieder auftauchende Welt- 
anschauungsversuche zu denken , um einzusehen , daß es sich hier nicht um 
eine zuftllige , seltsamerweise Jahrtausende überdauernde Arbeitsgemeinschaft 
oder Personalunion zwischen Psychologen und Metaphysikem handelt , son- 
dern daß ihre Probleme, also die Wissenschaften als solche, heute wie hnmcr 
aufs engste zusammenhängen. Und wie? Die Pädagogen wollen Philo- 
sophen heißen, es aber den Psychologen verwehren, die doch allein von 
Herbarts Tagen an diesem schätzbaren Bündel gutgemeinter Ratschläge 
einen wissenschaftlicheren Charakter zu geben vermochten? Und nicht 
Pädagogen allein , auch die übrigen , der Philosophie enger als sie verbün- 
deten Disziplinen, Ästhetik, Ethik, Logik, Rechtsphilosophie, Religions-, 
Sprach- , Sozialphilosophie usw. , sie nähren sich an aUen Ecken und Enden 
von psychologischem Blute. Damit ist nicht gesagt, daß sie nur ange- 
wandte Psychologie wären und nicht noch andere, selbständige Quellen 
und Erkenntnismittel besäßen. Aber soviel ist gewiß: was alle diese so 
verschiedenartigen Zweige philosophischer Forschung zusammenhält, ist 
nicht so sehr Metaphysik oder Erkenntnistheorie, auch nicht so sehr die 
allgemeinen Wertideen, als gerade die psychologischen Untersuchungen, 
deren sie samt und sonders in gleich hohem Maße bedürfen. Wie kann 
man dai-an denken, dieses Band herauszuziehen und dann noch von »der 
Philosophie«, im Simi aller dieser Fächer, als einer Einheit zu reden? 

Unstreitig verlieren sich manche psychologische Studien der Gegen- 
wart, namentlich solche, die nicht der Psychologie im engsten Sinne, sondern 
der Phänomenologie angehören und die zugleich vorzugsweise experimentelle 
Behandlung erfahren müssen, derart ins Detail, daß sie die Fühlimg mit 
den allgemeinsten Problemen zu verlieren , ja ilinen femer zu stehen scheinen 
(vielleicht auch im Geist ihrer Urheber zuweilen w^irklich femer stehen) 



Zur Einteilung der Wissenscfioften, 91 

als manche chemische, biologische, historische Betrachtung, Aber es ist 
hier nicht gut* möglich, eine l)estimmte Grenze zuziehen* Wenn einzelne 
Untersuchungen unphilosophisch sind und sein müssen , so ist es doch nicht 
die psychologische Wissenschaft als solche und als Ganzes/ 

Geht aus diesen Betrachtungen, deren speziellere Durchfnlu^ung ich 
luer unterla^ssen muß, genügend die Unmöglichkeit einer Abtrennung der 
Psychologie vom Organismus der philosophischen Wissenschaften hervor, 
so müssen wir eben die Definition der Philosophie so fassen , daß sie aus- 
drücklich darin eingeschlossen ist. Denn Definitionen sind nicht da, um 
die Wissenschaften zu kommandieren , sondern haben sich den tatsfichliclien 
Verhältnissen zu fugen. Ks scheint mir daher sachgemäß, Philosophie zu 
definieren als: Wissenschaft von den allgemeinsten Gesetzen des 
Psychischen und denen des Wirklichen überhaupt. Mit dieser Er- 
klärung sind sogleich die beiden theoretischen Grundwissenschaften be- 
zeichnet, die die ganze Mannigfaltigkeit zusammenhalten. Die Zuordnmig 
der praktischen Disziplinen erfolgt nach dem obigen Prinzip. Die Definition 
Hießt nicht so unmittelbar, wie die zuerst vei-suchte, aus dem Unterschied 
allgcMneinster und nichtallgemeinster Gegenstände; aber diese Unterscheidung 
liegt doch auch hier zugrunde. 

Nimmt man an der dualistischen Form Anstoß, so möge man sich 
erinnern , daß das » und « hier eben nicht eine äußerliche Zusammenfassung, 
sondern eine innere wesensnotwendige Zusammengehörigkeit bedeutet, mid 
daß Philosophie in allen Fällen, wie man sie auch definieren mag (abge- 
sehen von ganz willkürlichen Fest.setzungen) , doch nur in dem weitereu 
Simi eine Einheit bildet, wie wir etwa auch bei der Mathematik oder der 
Jurisprudenz von Einer Wissenschaft reden, obgleich auch sie längst in 
relativ ungleichartige Einzeldisziplinen auseinandergegangen sind. Von einer 
in diesem weiteren Sinn einheitlichen Wissenschaft nmß num nur verlangen, 
daß die so zus?nnmengefaßten Fächer unter sich enger zusanunenhängen als 
jedes von ihnen mit irgendeinem anderen. 

Schließlich dart* ja aber das Einzwängen in best immtt* Formeln nicht 
ftlr wichtiger gelten als die lebendige Wissenschaft selbst. Definiticmen 



* Ich stimme in die.*»er Auffa^ssting vollkommen mit Wundt und Mf'NSTRRBRRO öber- 
ein: s. des letzteren Rede zur KrölTnung des neuen Ps\ cliolo^isclien histituts der Harvard 
UniverMiy 1906, Harvard Psyclu)lo{;ical Studies H, S. ^^3. 



92 Stumpf: 

wollen nur gleich Titelüberschriften lange sachliche Überlegungen auf mög- 
lichst kurzen Ausdruck bringen. Bei der Philosophie wird dies immer nur 
unvollkommen gelingen. Das Leben und Weben der philosophischen Idee, 
irni einmal liegelisch zu sprechen, läßt sich viel weniger fest, dauernd, 
gleichmäßig begrenzen als das wissenschaftliche Forschen in irgendeinem 
besonderen Gebiete. Dies zeigt sich nicht bloß an der Stellung der Psycho- 
logie, sondern noch «an einer anderen Disziplin, die seit Hegel der Philo- 
sophie zugewachsen ist: der Geschichte der Philosophie. Wir pflegen sie 
jetzt als einen Teil der Philosophie selbst anzusehen, während man Ge- 
schichte der Physik nicht als einen Teil der Physik betrachtet. Ob dies 
immer so bleiben wird, kann man nicht wissen. Aber es erscheint mir 
gegenwärtig als sachlich berechtigt. Nun ist die Geschichte der Philosophie, 
wie alle Geschichte, in erster Linie Tatsachen Wissenschaft. Sind auch ge- 
wisse Gesetzmäßigkeiten hier nicht zu verkennen, so beansprucht doch die 
rein tatsächliche Existenz dieser bestimmten Systeme, ja dieser philosophi- 
schen Individuen, ein selbständiges Interesse, und zwar nicht bloß ein 
historisches, sondern auch ein philosophisches. Die großen Ideen der Ver- 
gangenheit müssen von den Lebenden, auch wenn sie dazu im Gegensatze 
stehen, als Teile ihres philosophischen Selbst aufbewahrt, in ihrem Denken 
»aufgehoben« sein. Darin möchte ich Hegel recht geben. Ist nun Philo- 
sophie nach der gegebenen Definition eine Gesetzeswissenschaft, und sogar 
im prägnantesten Sinne, da sie die allgemeinsten Gesetze zu formulieren 
trachtet, so bedeutet die Aufnahme von Untersuchungen, denen die bloße 
Feststellung historischer Tatsachen auch schon als ein selbständiges Ziel 
gilt, ein Durchbrechen jener Definition. 

Indessen bemerkten wir ähnliches schon bezüglich der beschreibenden 
N«aturwissenschaften : sie sind ihrer Definition nach Wissenschaften von 
Strukturgesetzen physischer Gegenstände, dennoch liegt auch Singuläres 
als solches in ihrem Interessenkreis. Eine Unvollständigkeit in anderer 
Richtung ergab sich bei der Definition der Geisteswissenschaften als Wissen- 
schaften psychischer Funktionen: dort war sofort hinzuzufiigen , daß das 
Studium von physischen Lebensäußerungen und Lebensbedingimgen ganz 
untrennbar damit verbunden sei. Nirgends, die Mathematik ausgenommen, 
können Definitionen die Wissenschaftsbei-eiche vollkommen scharf begi'enzen. 

Nicht einmal der Wissenschaftsbegriff selbst bildet fiir die Philosophie 
eine feste Umzäimung. Deimit meine ich nicht, daß sie weniger strenge 



Ztir Etnirihiikg der Wissmscfuiflen. 93 

Anfonlerunijrt'n an Genauigkeit und Bi^i^runJuni^ als amlere Wissensohafton 
stellen dürfe. Sie sollte darin im GoirtMiteil rii?in\v>er als alle verlahnMU 
da die GnindlairtMi des Erkennrns selbst zu ihriMi Geijensiandeu i^^horiMi 
und alles t1)rige von ilir auf seinen Zusammenhang mit diesen GnuullagiMi 
geprüft werden nmß. Sondern ieh denke an die antike und vornelnnlieh 
platoni^ehe Auffassung der PhiU>soplHe als luVhster Lebensft»nn. An dem 
Punkte, wo die Wissenschaft ihren Ahsehluß sucht, berühi-t sieh zugleich 
die n'in theoretische Lebenstiitigkcit mit der gesamten gtusiij^^n Kxistenz. 
Wiederum aber: in der Dertnition bnmcht dies nicht zu stehen. 



PMos.'histor. Abh. 1906. F. 13 






y 



94 Stum.pf: Zur Einteilung der Wissenschaften. 



InhaltsYerzeichnis. 

Seite 

Einleitung 3 

I. Unmiilelbar und mittelbar Gegebenes 5 

II. Be^flT des Gegenstandes im weitesten Wortsinnc 6 

III. Physisches und Psychisches. Natur- und Geisteswissenschaften 10 

1. Naturwissenschaften .10 

2. Geisteswissenschaften 20 

«Kulturwissenschaften« 23 

IV. Neutrale Wissenschaften 26 

T. Phänomenologie 26 

2. Eidologie 32 

3. Allgemeine Verhaltnislehre 37 

Vorwissenschaften. Erkenntnistheorie. »Gegenstandstheorie« ... 39 

4. Metaphysik 42 

V. Reduktion durch Einftihrung des Realitätsbegriflfes (Naturwissenschaften , Geistes- 
wissenschaften , Metaphysik) 44 

Universaler Psychologismus 46 

VI. Individuelles und Allgemeines. Tatsachen- und Gesetzeswissenschaften ... 47 

1. Begriff des Gesetzes und der bloßen Tatsache. Unauf hebbarkeit dieses 
Unterschiedes 47 

2. Interesse der Geschichtsforschung an bloßen Tatsachen. Vergleichung mit 
der Naturforschung. Gesetzes- und Tatsachen Wissenschaften in beiden Ge- 
bieten ö3 

3. Untereinteilungen. Chronologische und chorologische Gliederung. Struktur- 
und Kausalgesetze. Beschreibende Wissenschaften behandeln wesentlich 
Strukturgesetze 61 

YII. Homogenes und Nichthomogenes. Mathematik 64 

1. Der Unterschied der Methode muß auf dem des Gegenstandes ruhen . . 65 

2. — 4. Gegenstand der Geometrie weder der objektiv-reale noch der phänome- 

nale Raum, sondern die aus diesem durch Definition entstehenden homo- 
genen Raumgebilde 65 

5. Geometrie der Mannigfaltigkeiten 77 

6. Zur Methodik 79 

YIII. Seiendes upd Seinsollendes. Theoretische und praktische Wissenschaften . . 83 

IX. Rückblick. Allgemeinste Gegenstände. Philosophie 86 



Bexlin, gcdmckt in der Rcichsdxuckerei 




2044 019 091 



The boiTowcr must retum this item on or before 
the last date stamped below. If another user 
places a recall for this item, the borrower wiU 
be notified of the need for an earlier retum. 

Non-receipt ofoverdue notices does not exempt 
the borrower from overduefines. 



Harvard College Widener Library 
Cambridge, MA 02138 617-495-2413 



f^ 






CA \ '-^c^y^ 




Please handle with care. 

Thank you for helping to preserve 
library coUections at Harvard. 










mss^ 



m 









M-i-.'-M-Sv::;.-: 

:■:-■-•-■„.. ;i_ 












W^iM: 






,'1 >lv*'!>l*** *'v<-** »